Archiv Ausgabe Nr.1* Februar 2005* 30. Jahrgang

Krieg im Frieden

Im Zeichen des "Kriegs gegen den Terror" hat die Regierung mit dem Konzept der "Effektiven Souveränität" eine neue Version der alten Monroe-Doktrin für Lateinamerika entwickelt. Sie dient als Rechtfertigung zum Ausbau der militärischen und polizeilichen Zusammenarbeit mit den Sicherheitskräften der Region, um unliebsame oppositionelle Bewegungen in Schach zu halten.

 

Schwerpunktthema Militarisierung im Frieden


Inhaltverzeichnis Nr.1 2005

Schwerpunktthema: S.2: Tendenzen der US-Militärpolitik in Lateinamerika von Adam Isacson, Lisa Haugaard und Joy Olson; S.5: Todesschwadrone und US-Söldnervon Werner Hörtner; S.7: SOA - Schule der Gewalt von Lesley Gil

Aktuelles&Analyse: S.9: Brasilien: Hoffnung trotz Ernüchterung von Raúl Zibechi; S.10: Lula sendet die falschen Signale. Interview mit Joao Stedile; S.10: Argentinien drei Jahre nach dem Kollaps von Viktor Sukup; S.13: Peru: Ernüchterung und Gewalt von Markus Trenker; S.14: Uruguay: Achillesferse Wirtschaft von Joachim Becker; S.16: Haiti: Chaos und Konflikte trotz UN-Präsenz von Jane Regan und Roberto Roa; S.18: Kuba zehn Jahre nach den Reformen von Robert Lessmann; S.20: Nicaragua: Der Pakt Nummer Zwei-Ein stiller Staatsstreich von Werner Hörtner

Aktion und Service: S.22: Kurznachrichten; S.24: Weltsozialforum in Porto Alegre. eine andere Welt wird wirklich! von Leo Gabriel; S.25: Buchbesprechungen: Che Guevara: The Motorcycle Diaries - Tagebuch einer Motorradreise 1951/1952; Karin Ceballos Betancur: Auf Che Guevaras Spuren. Lateinamerikanische Reisenotizen; Olaf Kaltmeier et al: Neoliberalismus - Autonomnie - Widerstand. Soziale Bewegungen in Lateinamerika; Volker Skierka: Fidel Castro; Gaby Weber: Daimler Benz und die Argentinien Connection. Von Rattenlinien und Nazigeldern; Robert Lessmann: Zum Beipiel Bolivien; S.28: Splitter, Termine


Leseprobe

Schleichende Militarisierung. Tendenzen der US-Militärpolitik in Lateinamerika

von Adam Isacson, Lisa Haugaard und Joy Olson


Wenn derzeit auch das Hauptaugenmerk der USA auf andere Weltregionen gerichtet ist, wird ihre Militärhilfe für Lateinamerika doch ständig ausgeweitet. An die Stelle von Kaltem Krieg und "Drogenkrieg" ist dabei der "Krieg gegen den Terror" getreten. Die von den USA geförderten militärischen Praktiken und Programme bewirken dabei zusehends das Verwischen der Trennlinie zwischen zivilen und militärischen Aufgaben.

Die klare Trennung zwischen dem zivilen und dem militärischen Bereich ist eine zentrale Frage der Demokratie. Überträgt man dem Militär Aufgaben wie die Bekämpfung der Kriminalität oder andere, die zivilen Charakter haben, riskiert man die Politisierung der Streitkräfte, die dann ihrerseits versucht sind, ihr Waffenmonopol immer dann einzusetzen (oder damit zu drohen), wenn sie nicht mit dem in der zivilen Gesellschaft herrschenden Konsens übereinstimmen.
Beim Militär herrscht eine strenge Befehlskette, es gibt eine eigene Gerichtsbarkeit, es herrscht Geheimhaltungspflicht. Die Soldaten sind dazu ausgebildet, den Feind zu finden und zu zerstören (search and destroy), nicht Täter zu ermitteln, zu verhaften und Beweise aufzunehmen. Der Einsatz der Armee für Polizeiaufgaben kann zu übermäßiger Gewaltanwendung führen. Allzu oft in Lateinamerika haben Armeen, die gegen einen inneren Feind agiert haben, zu dieser Kategorie politische GegnerInnen der jeweils herrschenden Regierung gezählt, auch wenn diese innerhalb des politischen Systems aktiv waren, sei es als unabhängige JournalistInnen, als GewerkschafterInnen oder PolitikerInnen oppositioneller Parteien.

Trainingsprogramm ausgeweitet
Im Jahr 2003 haben 22.855 Lateinamerikaner an Ausbildungsprogrammen der US-Armee teilgenommen, um 52% mehr als 2002. Der Großteil dieser Zunahme hat mit einer Verdoppelung der Anzahl kolumbianischer Teilnehmer (auf 13.000) zu tun, wo seit 2002 für den Kampf gegen Drogen bestimmte Mittel legal zur Unterstützung der Aufstandsbekämpfung verwendet werden dürfen. Andere wichtige Herkunftsländer waren im Jahr 2003 Bolivien (2.045 Teilnehmer), Panama (914), Peru (680) und Ecuador (662).
Die Verwischung der Trennlinie zwischen zivilem und militärischem Bereich kommt nicht nur in den militärischen Hilfsprogrammen der USA für Lateinamerika zum Ausdruck, sondern auch in den USA selbst: Mittel und Zuständigkeiten werden zusehends vom Außenministerium zum Verteidigungsministerium hin verlagert. Mehr und mehr bestimmen das Pentagon und das Southcom (das für alle militärischen Aktivitäten der USA südlich von Mexiko und in der Karibik verantwortliche "Südliche Kommando") die Prioritäten der Lateinamerikapolitik. Menschenrechts-Aspekte und allgemeine außenpolitische Gesichtspunkte drohen dabei in den Hintergrund zu treten. Laut Dana Priest von der Washington Post sind allein im Südkommando mehr als 1.100 Personen mit Lateinamerika-Agenden befasst, mehr als in allen zivilen Regierungsstellen zusammengenommen.

Militär definiert US-Politik
Mitarbeiter von Pentagon und Southcom haben öffentlich "radikalen Populismus" und Banden als Besorgnis erregende Entwicklungen in Lateinamerika bezeichnet. Das legt nahe, dass sie für sich oder ihre uniformierten Kollegen in der Region die Aufgabe sehen, dagegen mit militärischen Mitteln vorzugehen. Dabei droht die grundlegende Unterscheidung zwischen einer Polizeikraft – mit ihrer Aufgabe, die Bevölkerung unter möglichst wenig Anwendung von Gewalt zu schützen – und dem Militär, dem es um die gewaltsame Unterwerfung eines Feindes geht, verloren zu gehen. Militärpersonal in Städte zu schicken, um dort gewöhnliche Kriminelle zu bekämpfen, riskiert die Verletzung von Menschen- und Bürgerrechten. Erst recht stellt "radikaler Populismus", worunter politische Führungspersonen und soziale Bewegungen gemeint sind, die sich gegen die von den USA geförderte Wirtschafts- und Sozialpolitik richten, keine Bedrohung dar, gegen die eine militärische Antwort gerechtfertigt wäre.
Während Lateinamerika für zivile Regierungsinstanzen angesichts anderer außenpolitischer Prioritäten der USA an Bedeutung verloren hat, verfügen die Militärs über genügend Ressourcen und Personal, um auch weniger im Blickpunkt stehende Weltgegenden abzudecken und übernehmen so die Initiative bei der Interpretation der regionalen Lage.

Verstärktes Engagement in Kolumbien
In den meisten militärischen Hilfs- und Trainingsprogrammen hat es seit dem 11. September 2001 keine substanziellen Änderungen gegeben, wenn auch einige mit dem Etikett der Terrorismus-Bekämpfung versehen wurden. Eine Ausnahme stellt Kolumbien dar, wo in den Jahren 2002 und 2003 ein Schwenk von der Drogenbekämpfung hin zur klassischen counterinsurgency im Stil des 20. Jahrhunderts erfolgt ist. Einen Markstein bei der Intensivierung der US-Hilfe für Kolumbien zur Bekämpfung von Guerillagruppen wie der FARC (Revolutionäre Bewaffnete Streitkräfte Kolumbiens) stellte der 2003 verkündete Plan Patriota dar, eine massive militärische Offensive, mit der von der FARC kontrollierte Gebiete zurückerobert werden sollen. Seit Jänner 2004 operieren zwischen 15.000 und 20.000 kolumbianische Soldaten, viele davon in mobilen Einheiten, die kürzlich mit US-Unterstützung gebildet worden waren, in den südlichen Provinzen Caquetá, Meta und Guaviare, einer bisherigen Hochburg der FARC. US-Militärs und Personal privater Sicherheitsfirmen spielen im Plan Patriota eine Schlüsselrolle: Sie stellen Geheimdienstinformationen zur Verfügung, reparieren Geräte und leisten logistische Unterstützung etwa bei der Sicherung des Nachschubs.

Die Doktrin der "effektiven Souveränität"
Eine von der Regierung Bush entwickelte Doktrin für ihre Politik der Terrorbekämpfung in der Hemisphäre trägt wesentlich zur Verwischung der Grenzen zwischen den Rollen von Polizei und Militär bei. Unter dem Titel "Effektive Souveränität" behauptet sie eine Bedrohung der nationalen Souveränität der Vereinigten Staaten durch die Unfähigkeit lateinamerikanischer Regierungen, "unregierte Räume" innerhalb ihrer Grenzen zu kontrollieren. Damit lässt sich ein steter Strom von US-Militärhilfe rechtfertigen, der Militärpräsenz in so ausgedehnten und verschiedenartigen staatsfreien Gebieten wie dem Amazonasbecken, der zentralamerikanischen Mosquitia oder in von Banden heimgesuchten Großstadtslums ermöglichen soll.
Die angemessene Lösung für solche gesetzlose Regionen ohne Regierungspräsenz wäre demgegenüber aber eine Ausdehnung ziviler Regierungsinstanzen und Dienstleistungen, darunter sowohl Gerichtshöfe und Polizei als auch Krankenhäuser, Schulen, Straßenbau usw. und nicht eine Stärkung des Militärs. Angesichts der Senkung der für die Region im Jahr 2005 veranschlagten US-Entwicklungshilfe gibt es keine Bemühungen, die Präsenz ziviler Institutionen in diesen "unregierten Räumen" zu stärken.
Die Planspiele haben bereits eine klare Reaktion der Verteidigungsminister von sieben südamerikanischen Ländern provoziert. Sie lehnten eine starke Rolle der Streitkräfte bei der inneren Sicherheit ab – wohl im Gedenken an die diesbezüglich schmerzvolle jüngere Vergangenheit.
Nennenswerten Widerstand gibt es auch hinsichtlich eines anderen Ansinnens der USA: Seit der Einrichtung des Internationalen Strafgerichtshofs in Rom drängen die USA nachdrücklich auf bilaterale Vereinbarungen, um Angehörige ihrer Streitkräfte vor einer Auslieferung zu schützen. Immerhin 12 Staaten2 des "Hinterhofs" haben ein solches Abkommen bisher verweigert und die Suspendierung der US-Militär- und Ausbildungsgelder dafür in Kauf genommen.


Militärisches Training für Polizisten
Das eklatanteste Beispiel für die Vermischung ziviler und militärischer Rollen ist die Ausbildung von 1.855 kolumbianischen und 100 panamesischen Nationalpolizisten in Taktiken der leichten Infanterie durch das US-Militär im Jahr 2003. Es handelt sich dabei um militärische und nicht polizeiliche Fertigkeiten, und eine solche Ausbildung trägt daher zur Militarisierung von Polizeikräften bei. Zudem wird dieses Training nicht von der Militärpolizei der USA geleistet, sondern von Special Forces. Diese militärischen Eliteeinheiten haben keine Polizeiaufgaben und verwenden auch nicht polizeiliche Taktiken.
Die Ausbildung lateinamerikanischer Polizisten geht aber über diese Infanterie-Taktiken noch hinaus. So wurden im Jahr 2003 1.650 bolivianische Polizisten und Soldaten in Techniken der zivilen Aktion ausgebildet. Im Rahmen dieser Programme der zivilen Aktion geht es darum, in einer Gemeinschaft soziale Dienstleistungen bereitzustellen. Auch hier stellt sich die Frage nach einer geeigneten Aufteilung der Aufgaben zwischen Militär, Polizei und zivilen Regierungsstellen.

Finanzierung durch das Pentagon
Zwei Drittel der militärischen Ausbildungsprogramme für Lateinamerika werden vom Verteidigungsministerium im Rahmen von Programmen zur Drogenbekämpfung und von Programmen der Special Forces geleistet, für die es kaum öffentliche Kontrolle gibt. Traditionell waren solche Programme wegen der ernsten außenpolitischen Implikationen solcher Hilfsprogramme über das Außenministerium abgewickelt worden. Sie waren einer Reihe von Bedingungen bezüglich Menschenrechte und Demokratie unterworfen. So war militärische Unterstützung für Urheber schwerer Menschenrechtsverletzungen ebenso untersagt wie an Länder, in denen ein Putsch stattgefunden hatte. Die jährlich beschlossenen Gesetze, in denen die Mittel für Auslandshilfe durch das Außenministerium festgelegt werden, enthalten außerdem besondere Bedingungen für Länder mit Menschenrechtsproblemen, darunter Guatemala, Kuba und Kolumbien. Darin wird die Unterstützung militärischer Einheiten, die für die Verletzung von Menschenrechten bekannt sind, explizit untersagt. Den Großteil dieser Beschränkungen gibt es für direkt durch das Verteidigungsministerium finanzierte Ausbildung nicht.

Militärhilfe statt Wirtschaftshilfe?
Im Budget für 2005 ist fast der selbe Betrag an militärischer Hilfe der USA für Lateinamerika und die Karibik vorgesehen (859 Mio. Dollar) wie an Wirtschaftshilfe (921 Mio. Dollar). Die wichtigsten Wirtschafts- und humanitären Programme werden gegenüber 2004 sogar gekürzt: Entwicklungshilfe um 10%, Kindergesundheit um 12%. Damit wird ein bereits im Jahr 2000 durch den unter der Regierung Clinton beschlossenen Plan Colombia geförderter Trend fortgesetzt; dieses vorwiegend militärische Hilfspaket war seither jährlich als Anden-Initiative zur Drogenbekämpfung fortgesetzt worden. Noch im Jahr 1997 hat die Wirtschaftshilfe der USA für Lateinamerika und die Karibik mehr als das Doppelte der Militärhilfe betragen.
Die zunehmende Konzentrierung der US-Hilfe auf den militärischen Bereich, vor Entwicklungshilfe und humanitärer Unterstützung, verstärkt das Erscheinungsbild der Vereinigten Staaten als vorrangig um die eigene Sicherheit besorgt und gleichgültig gegenüber den Lebensbedingungen der Bevölkerung der Region. Doch die Sicherheit der USA ist mit Demokratie und Wohlstand im Rest der Hemisphäre untrennbar verbunden.

Anm.:Übersetzung, Zusammenfassung und Bearbeitung eines in nacla – Report on the Americas November/Dezember 2004 erschienenen Beitrags: Hermann Klosius und Jürgen Kreuzroither

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Leseprobe

Todesschwadrone und US-Söldner

von Werner Hörtner


In Kolumbien steht die Paramilitarisierung der Gesellschaft am Programm – während in den Dschungelregionen die US-Army und US-Söldner werken. Die Niederlegung der Waffen durch einen Teil der Paramilitärs ist ein politischer Schachzug, um die im Dienste ökonomischer Interessen und des Drogenhandels stehenden Killerbanden legal in die politische Landschaft zu integrieren – zur Unterstützung der autoritären Regierung.

In Kolumbien ist der Demobilisierungs-Taumel ausgebrochen. Kaum eine Woche vergeht, an der nicht irgendwo paramilitärische Einheiten ihre Waffen an Vertreter der Regierung und der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) abgeben oder ihre bevorstehende Abrüstung ankündigen. Die Medien überbieten sich in triumphierenden Meldungen über die freiwillige Entwaffnung jener Banden, die seit vielen Jahren für den Großteil der schweren Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien verantwortlich zeichnen. Kritische Stimmen kommen höchstens auf den Kommentarseiten der Zeitungen zu Wort.

Die braven Killer und die bösen Terroristen

Schon wenige Monate nach dem Amtsantritt der Regierung von Alvaro Uribe Vélez Anfang August 2002 kündigte der frischgebackene Präsident die Einleitung von Gesprächen mit den paramilitärischen Einheiten der so genannten Selbstverteidigungsgruppen Kolumbiens (AUC) an. Uribe Vélez hatte die Wahlen mit dem Versprechen gewonnen, die Guerilla militärisch zu besiegen oder zumindest so weit zu schwächen, dass die beiden aufständischen Bewegungen ELN und FARC (Ejército de la Liberación Nacional bzw. Fuerzas Armadas Revolucionarias de Colombia) – seit dem 11.09.2001 in Kolumbien nur mehr als Terroristenbanden bezeichnet – einem von der Regierung diktierten Verhandlungsprozess zustimmen müssten. Eine völlig gegenteilige Position zu Uribes Amtsvorgänger Andrés Pastrana, der mit dem Versprechen angetreten war, durch Friedensverhandlungen mit der Guerilla den kolumbianischen Dauerkonflikt zu beenden – und mit diesem Vorhaben gescheitert war.
Dem kolumbianischen Staatspräsidenten und Regierungschef wird vielfach eine besondere Nähe zu den Paramilitärs vorgeworfen. Auch wenn es keine konkreten Beweise für diese Anschuldigung gibt, so legen verschiedene Indizien diesen Rückschluss nahe. Uribe Vélez trieb als Gouverneur von Antioquia (Hauptstadt Medellín) die Bildung der "Convivir" voran, ländliche Sicherheitskooperativen im Dienst der Aufstandsbekämpfung. Der jahrelange AUC-Führer Carlos Castaño, im vergangenen April von seinen eigenen Mitstreitern ermordet, bekannte ganz offen: "Er ist der Mann, der unserer Philosophie am nächsten steht".

Der Präsident und sein "kommunitärer Staat"

Der Regierungswechsel von Andrés Pastrana zu Alvaro Uribe Vélez im August 2002 war nicht eine der üblichen Ablösen innerhalb des kolumbianischen Establishments, sondern ein Systemwechsel. Mit messianischem Eifer und seinem autoritären Konzept der "demokratischen Sicherheit" will Uribe einen "kommunitären Staat" aufbauen, der irgendwo zwischen Mussolini und Bush angesiedelt ist. Im Wirtschaftsbereich basiert dieser Staat auf einem extremen Neoliberalismus, wobei den paramilitärischen Gruppen und teilweise auch den Streitkräften die Aufgabe zukommt, alle Stimmen und Bewegungen auszuschalten, die diesem Projekt gefährlich werden könnten.
Im Jahrzehnt zwischen Anfang 1994 und Ende 2003 verübten die Paramilitärs einen Großteil der etwa 2000 Massaker im Land (als Massaker wird die gleichzeitige Ermordung von mehr als drei Personen am selben Ort qualifiziert), mit insgesamt mehr als 10.000 Opfern, und unzählige Verbrechen wie Entführungen, Verschwindenlassen von Personen, Verstümmelungen und Vertreibungen. Gemäß der renommierten NGO Codhes wurden im selben Zeitraum 2.480.460 Personen gewaltsam von ihrem Land vertrieben – seit 1985 beträgt die Zahl der Binnenflüchtlinge bereits mehr als 3,2 Millionen. Auch hier geht ein Großteil der Autorenschaft auf das Konto der Paras und auf die bewaffneten Auseinandersetzungen zwischen paramilitärischen Gruppen und der Guerilla. In den vergangenen sieben Jahren haben sie sich – oder ihren Auftraggebern – fünf Millionen Hektar Land angeeignet.
Es ist eine Tatsache im heutigen Kolumbien, dass ein nicht geringer Teil der Bevölkerung den Kampf der Paramilitärs mit Sympathie betrachtet. Ausschlaggebend dafür sind einmal der enorme Prestigeverlust der Guerilla-Organisationen FARC und ELN in den letzten Jahren und zum zweiten die sozialen und wirtschaftlichen Programme, die die AUC in den von ihnen kontrollierten Gebieten durchführen, sowie das Gefühl von Sicherheit, das sie der kriegsmüden Bevölkerung vermitteln.

Die Paras erobern die Macht

Auf die militärische Eroberung von Machtpositionen durch die Paramilitärs – in enger Zusammenarbeit mit den Streitkräften – in den letzten zehn Jahren folgte die Eroberung und Festigung sozialer, politischer und ökonomischer Machtpositionen. In einer anschließenden Phase wird der Schwerpunkt auf die Eroberung kommunaler Machtpositionen in verschiedenen Sektoren gelegt. Es werden Stiftungen, Nichtregierungsorganisationen und Genossenschaften gegründet und die staatlichen Institutionen unterwandert. Eine Schlüsselstellung dabei nimmt auch die "Eroberung" von Universitäten ein. In einer letzten Phase schließlich wird bereits die reale Oberhoheit in einem Gebiet ausgeübt. Es existiert praktisch keine Opposition mehr, die Kriminalitätsraten sinken, das politische und soziale Projekt der Paramilitärs konsolidiert sich. In diesem Stadium befinden sich bereits große Teile der Departements Córdoba, Cesar und Magdalena. Es ist nicht verwunderlich, dass die Paras gerade in diesen Regionen den Demobilisierungsprozess vorantreiben, da ihre militärische Präsenz und Kontrolle gar nicht mehr notwendig ist.
Die Antworten auf die Frage, ob diese Demobilisierung einen wichtigen Schritt auf dem Weg zu einer Friedenslösung für Kolumbien darstellt, variieren je nach der politischen und menschenrechtlichen Position der Befragten. Ana Teresa Bernal, Gründerin und Leiterin des Friedensnetzwerkes Redepaz: "Wenn man gefragt wird, ob man damit einverstanden ist, dass an die 15.000 Kämpfer der Paramilitärs ihre Waffen niederlegen, muss man natürlich mit einem klaren Ja antworten. Je weniger Menschen bewaffnet herumlaufen, umso besser. Das Problem ist jedoch, wie dieser Demobilisierungsprozess der Paramilitärs abläuft. Die paramilitärischen Gruppen zeichnen für unzählige Massaker im Land verantwortlich, bei denen alle möglichen Waffen bis hin zu Motorsägen eingesetzt wurden, mit denen man die Menschen zerstückelte, auch Frauen und Kinder. Oft wurden bis zu 40 Personen auf einmal getötet. Das alles kann doch nicht einfach mir nichts dir nichts vergeben werden."

Der Staat, die Paramilitärs und der Drogenhandel

Doch mit der Demobilisierung der paramilitärischen Einheiten, die Uribe in Zukunft als zivile Stützen seines Herrschaftssystems einspannen will – die Bildung einer paramilitärischen Partei ist beabsichtigt –, läuft es bei weitem nicht so wie geplant. Internationale Organisationen, etwa die UNO und die OAS, kritisieren die Straflosigkeit, in die der ganze Prozess abzugleiten droht. Auch unter Uribes Anhängern regt sich Widerstand. Die Interamerikanische Menschenrechtskommission (CIDH), die im Auftrag der OAS den Demobilisierungsprozess begleitet, bedauerte Ende Dezember in einem ersten Bericht, dass man "noch keine Bemühungen bemerken kann, die Wahrheit über das Vorgefallene und über das Ausmaß der staatlichen Verbindung mit dem Paramilitarismus herauszufinden". Und die Europäische Union hat kürzlich die Schaffung eines juridischen Rahmens als Bedingung für eine finanzielle Unterstützung des Abrüstungsprozesses gefordert.
Zu einem Problem für die Regierung wurde auch die Tatsache, dass sich in der letzten Zeit immer mehr Drogenhändler – die ohnehin ein besonderes Näheverhältnis zu den Paramilitärs auszeichnet – in deren militärische Führungsstrukturen eingekauft haben, um auf diese Weise in den Genuss einer zu erwartenden Amnestie zu kommen. Die kolumbianische Zeitschrift Semana spricht von einem Kaufpreis zwischen sechs und neun Millionen Dollar für die höchsten militärischen Ränge innerhalb der Paras.
Die Vereinigten Staaten sehen diese Entwicklung natürlich mit Bauchweh. Sie unterstützen sehr wohl und tatkräftig die Politik Uribes gegen die Guerilla, doch ist ihnen auch daran gelegen, die Verbindungen zwischen dem Drogenhandel, den Paramilitärs und den Streitkräften zu kappen. Nur zähneknirschend akzeptieren sie, dass Präsident Uribe die von der US-Justiz verfolgten Para-Führer nicht ausliefern will, während etwa FARC-Führer Simón Trinidad sehr wohl in der ersten Jännerwoche ausgeliefert wurde.

Der lange Arm des Pentagon

Neben dem paramilitärischen Projekt, das eigentlich ein politisches Projekt ist, versuchen die Regierung Uribe und die USA mit aller Kraft, die FARC-Guerilla – die ELN stellt keine militärische Bedrohung dar – militärisch zu besiegen. Seit vergangenem April läuft im Süden des Landes der Plan Patriota: An die 18.000 Mann Spezialeinheiten versuchen, zum Oberkommando der Revolutionären Streitkräfte Kolumbiens vorzudringen und dieses auszuschalten. Wobei die Armee beträchtliche Verluste erleidet. Die FARC haben einen taktischen Rückzug vorgenommen und sich in einem Dschungelgebiet von der Größe Österreichs verschanzt. Sie setzen auf Zeit und darauf, dass sich die gegnerischen Angriffe totlaufen.
Im vergangenen Oktober hat der Kongress in Washington einer Verdoppelung der US-Militärpräsenz in Kolumbien zugestimmt. Diese beträgt nunmehr 800 Mann (früher 400) – um den Kampf gegen den Drogenhandel zu unterstützen, wie es so schön heißt. Doch selbst der Oberkommandierende des US-Südkommandos, General James T. Hill, gab zu, diese Erhöhung der Truppenstärke sei notwendig, um den FARC den Todesstoß zu versetzen. Die US-Soldaten sollen jedoch nicht direkt in die Kampfhandlungen eingreifen, sondern nur als "logistische Unterstützung" für die kolumbianische Armee dienen.
Im Süden des Landes operieren auch vom Pentagon unter Vertrag genommene Söldner, meistens ehemalige Soldaten der US-Armee oder anderer lateinamerikanischer Streitkräfte. Ihre Zahl darf nach dem neuen Gesetz von 400 auf 600 erhöht werden – im Gesetz ist dabei jedoch nur von US-Bürgern die Rede. Einschließlich der Söldner aus anderen Staaten ist ihre Zahl wesentlich höher. Sie üben logistische und auch militärische Aufgaben aus, z..B. als Piloten der kleinen Flugzeuge, mit denen die Koka- und Schlafmohn-Plantagen besprüht werden. Sie bauen aber auch Radaranlagen, bringen den kolumbianischen Streitkräften Public Relations bei etc. Das größte dieser privaten Militärunternehmen ist die DynCorp, die seit 1993 in Kolumbien tätig ist.

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Leseprobe

SOA Schule der Gewalt

von Lesley Gill


Als im Jänner 2001 die "School of the Americas" (SOA) geschlossen wurde und im selben Gebäude das "Western Hemisphere Institute for Security Cooperation" (WHINSEC, "Institut für Sicherheitskooperation in der Westlichen Hemisphäre") eröffnet wurde, brachte das so gut wie keine Änderung. Für "SOA Watch", die soziale Bewegung, die für das Zusperren dieser Institution eintrat, bedeutete das nur einen Teilerfolg.

Das Militär nahm nur kosmetische Änderungen an dieser Ausbildungsstätte vor, die in einige der schlimmsten Fälle von Menschenrechtsverletzungen in Lateinamerika verwickelt ist, aus dem Bestreben heraus, den Anschein eines Neuanfangs zu geben. Niemand wurde wegen der dort unterrichteten Methoden oder wegen der Taten der Absolventen zur Rechenschaft gezogen, und die Schule bildete weiterhin Offiziere in der Verteidigung der Vorposten des Machtbereichs der Vereinigten Staaten aus. Die imperiale Logik, aus der die Notwendigkeit solcher Institutionen folgt, blieb unangestastet – oder wurde sogar gestärkt.
Die Praxis der USA, ihre Macht einzusetzen, um andere Staaten im eigenen Interesse zu durchdringen und zu verändern, entspricht der imperialistischen Logik. Die Hegemonie der USA im Rest des Kontinents hat sich schon immer auf Soldaten gestützt, um eine bestimmte Form kapitalistischer Ordnung abzusichern, und die Militärkräfte der Region haben seit langem als grundlegende Werkzeuge dieses imperialen Projekts der USA gedient. Von ihrer Gründung nach dem 2. Weltkrieg bis zu ihrer Transformation im Jahr 2001 hat die SOA dabei eine bedeutende Rolle gespielt, indem sie über 60.000 Mann ausgebildet hat.
Sie ist Teil eines vielfältigen Repressionsapparates – aus Armeen, Polizeikräfte, Paramilitärs, Waffenproduzenten und think tanks –, der immer größere öffentliche Mittel verschlingt, während die Argumente des Kalten Krieges der neoliberalen Politik und der von ihr vielfach verursachten Unzufriedenheit Platz machen. Dieser Apparat und die Rolle der Schule darin bleiben in dem Maß wichtig, als die Regierungen der Region sich zur Kontrolle der sozialen und wirtschaftlichen Tumulte, die weitgehend von ihrer eigenen Politik verursacht werden, auf die Streitkräfte stützen.
Über die rein militärische Ausbildung hinaus vermittelt die Schule eine spezifische politische Orientierung und ein Wertesystem, das sie als "amerikanisch" definiert. Damit verbundene Privilegien sorgen für einen steten Nachschub an Schülern, die auf sozialen Aufstieg und politische Macht aus sind, während die von den USA geförderte regionale Militarisierung für die entsprechende Nachfrage sorgt. Diese Privilegien bilden die Grundlage für die Bindung der Offiziere an das imperialistische Projekt der USA. Zur Loyalität trägt auch bei, dass die Schule den hohen technologischen Standard des US-Militärs als Beleg für die angeborene Überlegenheit der USA hervorstreicht. Viele Schüler festigen ihre Position gegenüber lokalen Rivalen um die Macht durch den Zugang zu dieser Technologie, auch um den Preis stärkerer Abhängigkeit von den USA.
Eine weitere Versuchung stellt der von der Schule beworbene "American way of life" dar, die an Konsumartikeln reiche Lebensweise der weißen Mittelschicht. Offiziere, die am Kurs für Offiziere des Generalstabs teilnehmen, haben ein bequemes, konsumorientiertes Leben. Sie lernen auch Englisch, erziehen ihre Kinder in Schulen der USA und verdienen einen Teil ihres Einkommens in krisensicheren Dollars. Es überrascht daher nicht, wenn sich viele Absolventen Zivilisten gegenüber überlegen fühlen. In manchen Ländern wird diese Einstellung durch getrennte Wohngebiete und eigene Klubs für Offiziere und ihre Familien noch gefördert.
Das Wachstums dieser Struktur beruht auf den unsymmetrischen Beziehungen, wie sie in Institutionen wie der SOA zwischen US-amerikanischen und lateinamerikanischen Offizieren bestehen. Aufstrebende Offiziere verbringen bis zu einem Jahr mit US-Kollegen und künftigen Führungskräften anderer lateinamerikanischer Heere. Es entwickelt sich zwischen den Teilnehmern eine gemeinsame Grundhaltung gegenüber unterschiedlich bezeichneten "inneren Feinden". Das erleichtert das Einsickern von US-Personal in lokale Streitkräfte, was stärkere Einflussnahme und die allmähliche Umwandlung lateinamerikanischer Armeen in Handlanger der US-Macht ermöglicht.
Die Ausweitung staatlicher Gewalt in Nord- und Südamerika setzt die Straffreiheit für die Sicherheitskräfte voraus. Davor geschützt, Rechenschaft ablegen zu müssen, haben sie straffrei gemordet, gefoltert und Tausende während der schmutzigen Kriege des späten 20. Jahrhunderts verschwinden lassen. Nach der Rückkehr zu zivilen Regierungen blieben repressive Kräfte oft intakt, und es herrscht weiterhin Angst; es ist immer noch schwierig, Verbrechen der Vergangenheit und Gegenwart öffentlich anzuzeigen.
Dazu hat die gewaltsame Zerschlagung von Basisorganisationen und von sozialen Beziehungen auf lokaler Ebene die Menschen kollektiver Organe beraubt, durch die sie ihre Forderungen artikulieren könnten. So hat der straffrei gebliebene Staatsterrorismus den Boden für die Konsolidierung des Neoliberalismus unter zivilen Regierungen geebnet, die mit vergleichbarer Straffreiheit eine destruktive Sozial- und Wirtschaftspolitik umsetzen.
Die SOA ist ein wesentliches Instrument für den Aufbau der US-Vorherrschaft in der Hemisphäre. Sie trug dazu bei, eine elitäre transnationale militärische Kultur zu schaffen, die sich in der Feindschaft gegenüber Volksbewegungen und dem Einsatz von Gewalt zur Sicherung des Status quo einig ist. Und doch ist dieser Status quo extrem instabil und erfordert zu seiner Sicherung ständige Wachsamkeit und Intervention. Das trifft besonders seit dem 11. September 2001 zu, da die Eliten der USA nun offener imperialistische Ziele verfolgen, was zu unvorhersehbaren Reaktionen führt. Die SOA – oder ähnliche Institutionen – werden daher wahrscheinlich ein wesentliches Instrument der US-Politik bleiben.
Seit dem 11. September hat die aggressive Durchsetzung einer globalen Ordnung durch die Vereinigten Staaten - und in deren Interesse – für heutige Fürsprecher des US-Imperialismus einen positiven Beigeschmack erhalten. Die Attentate des 11. September entfachten den selbstgerechten Zorn der USA und stärkten Institutionen, die Gewalt lehren, kontrollieren und ausüben. Der "Kampf gegen den Terror" hat kein absehbares Ende und liefert neue Rechtefertigungen, den Globus im Einklang mit US-Interessen neu zu gestalten, um welchen Preis auch immer. Um den Irak anzugreifen, manipulierte die Regierung Bush Tatsachen – und die Ängste der Bevölkerung. Ölinteressen und Terrorbekämpfung sind auch maßgeblich für die zunehmende US-Intervention in Kolumbien; der Kongress berät über die Erhöhung der Zahl von US-Soldaten in Kolumbien.
Doch die Tragödie des 11.9. wurde auch benützt, um die SOA neu zu legitimieren. Für die Armee ist es jetzt wichtiger denn je, sich angesichts zunehmender terroristischer Drohungen an der Seite lateinamerikanischer Militärs zu engagieren. Zusätzliches Geld steht jetzt für die Finanzierung weiterer Ausbildungsplätze zur Verfügung.
Der 11. September hatte auch Auswirkungen auf die moralische Grundhaltung großer Teile der US-Öffentlichkeit. Es wird jetzt offen über die Legitimität von Folter debattiert, und ihre Definition wird flexibler. Verhörspezialisten der Armee geben offen zu, Folter gegen Terrorismus-Verdächtige anzuwenden. In diesem Kontext konnten die "Enthüllungen" von Abu Ghraib kaum überraschen. Inwieweit würde ein Kurs in Terrorbekämpfung an der SOA/WHINSEC vor diesem Hintergrund einfach die früher angewendeten brutalen Methoden einfach "aktualisieren"? Was würde Kursteilnehmer daran hindern, ihre gewonnenen Fertigkeiten gegen die selbe Art von Leuten einzusetzen, die im letzten Jahrhundert Opfer der Unterdrückung geworden sind?
Offiziere der US-Armee werden eine solche Kontinuität abstreiten. Sie erklären, die SOA sei längst vergessen und ihre Nachfolgerin habe mit derartigen Praktiken nichts zu tun. Geschichte unter den Teppich zu kehren, ist in Sachen US-Außenpolitik ein wiederholt angewandter Trick. Für die unter Druck gesetzten Offiziere von Fort Benning, Sitz der SOA, ist es Teil ihrer Strategie zur Schwächung der sozialen Bewegung, die ein Ende des von den USA geförderten Staatsterrorismus fordert.
Die Attacken des 11. September lieferten der Armee neue Munition gegen SOA Watch, deren Mitglieder sich jährlich zu Tausenden in Fort Benning treffen, um der Opfer der Schüler der SOA zu gedenken und die Schließung der Schule zu fordern. Die Bemühungen des Militärs, diese gewaltfreien Proteste als eine Bedrohung der öffentlichen Sicherheit zu brandmarken, zeigen, dass die Bewegung gegen die SOA längst nicht mehr unterschätzt wird. Obwohl die Namensänderung die Opposition im Kongress gegen die Schule gespalten hat, ließen sich die Mitglieder der Protestbewegung nicht beirren und verlangen weiterhin die Schließung der Institution, für sie die "Schule der Mörder".
Obwohl die SOA/WHINSEC weiterhin besteht und die US-Armee keine Reue darüber zeigt, für massive Menschenrechtsverletzungen verantwortliche Militärs geschult zu haben, hat die Bewegung die Schule gezwungen, sich zu reformieren. Die Handbücher werden jetzt überarbeitet und die Kursangebote wurden modifiziert, um die Schule als weniger militaristisch erscheinen zu lassen. Doch die SOA/WHINSEC ist nicht die einzige und auch nicht die wichtigste Institution dieser Art. Wegen der durch die Protestbewegung erhöhten öffentlichen Aufmerksamkeit wurden die schlimmsten Trainingspraktiken der SOA in andere Einrichtungen verlagert.
Auch wenn es der Bewegung gelingen sollte, die Schule zu schließen, wird die imperiale Politik, die sie – ebenso wie Invasionen, Stellvertreterkriege Todesschwadronen und rechte Diktaturen – hervorgebracht hat, fortbestehen. Ohne Abschaffung der imperialen US-Politik und ihrer gesamten Infrastruktur werden die Rechte der LateinamerikanerInnen weiterhin missachtet werden.
Das Schicksal der SOA wird aber auch in Lateinamerika selbst entschieden werden. Die Menschen dort finden erstaunlicherweise immer Formen des Widerstands, womit sie die Ordnung untergraben, die von den USA ausgebildete Militärs zu verteidigen suchen. Je weiter der Einfluss des US-Militärs reicht, desto wichtiger wird die Solidarität innerhalb und zwischen den sozialen Bewegungen des Kontinents, ob es nun darum geht, die Erinnerung an vergangene Verbrechen zu bewahren, Gerechtigkeit und verantwortliches Regieren in der Gegenwart zu garantieren, oder eine friedlichere Zukunft zu erreichen.
Entnommen aus nacla – Report on the Americas, September/Oktober 2004.

Übersetzung und Kürzung: Hermann Klosius

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