Archiv Ausgabe Nr.2* April 2005* 30. Jahrgang

Wasser für Alle!

Der Zugang zum lebenswichtigen Element Wasser ist ein grundlegendes Menschenrecht. Obwohl sich die meisten Staaten verpflichtet haben, ihren BürgerInnen den Zugang zu sauberem Wasser "gerecht und ohne Diskriminierung" zu gewährleisten, ist das für ein Sechstel der Weltbevölkerung nicht der Fall. Obwohl der Kontinent über reiche Süßwasservorkommen verfügt, wird einer großen Zahl armer LateinamerikanerInnen ihr Anteil an sauberem Wasser vorenthalten.

 

Schwerpunktthema Wasserproblematik

Aktuelles und Analyse

Inhaltverzeichnis Nr.2 2005


Schwerpunktthema: S.2: Das Wasser brodelt von Werner Hörtner; S.5: Argentinien: Der grösste Coup der Wasserprivatisierung von Werner Hörtner; S.6 Wasserprivatisierung-Dauerthema in Nicaragua von Werner Hörtner; S.7: Unser heiligster Schatz ist die Würde von Eduardo Galeano (Übersetzung Werner Hörtner)

Aktuelles&Analyse: S.8: Guatemalas giftiges Gold - Interview mit Alvaro Ramazzini; S.10: Nicaragua: Über Nacht zur Terroristin gestempelt von Ralf Leonhard; S.11: Mexiko: Im Schneckenhaus der Zapatisten von Leo Gabriel; S.13: Autonomie ist mehr als ein Statut. Konferenz lateinamerikanischer Indigenabewegungen in Panana von Leo Gabriel; S.14: Dom. Republik: Vom Ferienparadies zum Armenhaus von Luis Barrios und David C. Brotherton; S.16: Bolivien: Die Mühen des Altiplano - Mesa auf dem Schleudersitz; S.17: Brasilien: Lulas Stern verblasst von Hermann Dworczak; Keine Versöhnung in Kolumbien von Roland Angerer; S.19: Chile: Wo es Gefolterte gibt, gibt es auch Folterer von Herbert Berger; S.21: Mit kapitalistischen Modellen ist die Armut nicht zu bekämpfen - Sozialcharta für Latainamerika von Carlos Troger; S.22: Die Bildungsreform in Bolivien von Eveline Rocha Torrez

Aktion und Service: S.24: Kurznachrichten; S.27: Buchbesprechungen: Memo Anjel: Das meschuggene Jahr; S.28: Splitter, Termine



Leseprobe

Das Wasser brodelt

von Werner Hörtner


In Lateinamerika ist die Wasserprivatisierungs-"Mode" in die Defensive geraten. Es sieht sogar nach einer Trendumkehr aus. Den Wasserkonzernen wird durch den Widerstand der Betroffenen oder auf legalem Weg – siehe Uruguay – das Geschäft erschwert oder verunmöglicht. Der Aufstand von El Alto, Bolivien, zeigt in gebündelter Form die Probleme der privaten Wasserversorgung auf.

Als die Nachbarschaftsräte von El Alto im vergangenen Jänner Protestaktionen gegen das Wasserkonsortium Aguas de Illimani, dessen größter Teilhaber der französische Konzern Suez ist, starteten, fand der Protest in der Bevölkerung raschen Widerhall. In der neben und über La Paz gelegenen Stadt, eigentlich eine Ansammlung von Elendsvierteln, die in einem halben Jahrhundert aus dem Nichts zu einer Millionenstadt angewachsen ist, sind noch immer Zigtausende Familien ohne Wasseranschluss – acht Jahre, nachdem die Wasserver- und entsorgung aus den Händen einer ineffizienten kommunalen Gesellschaft an das private Konsortium übergegangen ist.

Von Cochabamba nach El Alto

Über die (unterlassenen) Leistungen von Aguas de Illimani gehen die Ansichten auseinander. Das Konsortium behauptet, es hätte seine vertraglich festgelegten Aufgaben erfüllt und über 80.000 Haushalte an die Trinkwasserversorgung angeschlossen; bei der Kanalisierung wären in diesem Zeitraum die Anschlüsse sogar von 96.000 auf 160.000 angestiegen. Kritiker behaupten, es hätte bei weitem nicht die vereinbarten 68 Millionen Dollar investiert und dafür die Gebühren überdurchschnittlich erhöht. In Rage gebracht hat die Bevölkerung dann die radikale Erhöhung der Wasseranschlussgebühren: Diese wurden mit einem Schlag von etwas über 300 auf 450 Dollar angehoben – in einer Großstadt, wo über die Hälfte der Menschen unter der Armutsgrenze lebt.
Die Forderung der Protestbewegung nach einem Rausschmiss von Aguas de Illimani wurde von Suez, einem der globalen Wasser-Riesen, mit der Drohung einer Schadenersatzklage gegen den bolivianischen Staat beantwortet. Als nach dem "Wasserkrieg" von Cochabamba vor genau fünf Jahren die Regierung dem US-Konzern Bechtel den Vertrag kündigte, klagte dieser vor einem bei der WTO angesiedelten Schiedsgericht auf 25 Mio. $ Schadenersatz. Der Prozess lief jahrelang hinter verschlossenen Türen, bis Bechtel schließlich vor einigen Monaten die Klage zurückzog. Nunmehr hält noch der spanische Versorger Abengoa die Klage in dieser Angelegenheit aufrecht. Eine internationale Kampagne gegen das Unternehmen aus Sevilla ist im Laufen, um auch diese Gesellschaft zum Aufgeben zu drängen (nähere Infos auf www.debtwatch.org oder über abengoa_basta_ya@yahoo.es.
Boliviens Präsident Mesa, der sich über mangelnde Probleme derzeit nicht beklagen darf, will die Sache aussitzen – und unternimmt nichts. Er könnte das Konsortium wohl auf Vertragsbruch klagen, doch ist das ein langwieriger Prozess mit unsicherem Ausgang. Immerhin: In der philippinischen Hauptstadt hat das private Wasserversorgungskonsortium Maynilad Water – ebenfalls mit Suez-Beteiligung – den Staat wegen Verweigerung einer Tariferhöhung auf 303 Mio. $ (!) geklagt. Man höre und staune: Nach einem Jahr verurteilte das WTO-Gericht Maynilad wegen Nichterfüllung der Vertragspflichten. Die Gesellschaft musste der Regierung sogar 128 Mio. $ an Konzessionsgebühren zurückzahlen.

Ein Zauberwort verliert den Glanz

In Lateinamerika war, wie auch in vielen anderen Wirtschafts- und Dienstleistungsbereichen, Chile der Vorreiter jener von den Chicago Boys entworfenen und in Europa von der eisernen Lady aus Großbritannien umgesetzten radikalen Liberalisierungswelle. Alles, auch die öffentlichen Dienstleistungen, sollte dem "freien Markt" überlassen werden. Durch ein neues Wassergesetz von 1981 konnten, auch von Einzelpersonen, eine befristete Zeit hindurch Wasserrechte kostenlos erworben und dann verkauft oder hinzugekauft werden. Staatliche Lenkung – im Sinn eines privilegierten Wasserzugangs – gab es nur mehr bei der Bergbau- und Plantagenlandwirtschaft. Heute ist die Nutzwasserversorgung völlig privatwirtschaftlich organisiert. Leidtragende dieser Entwicklung sind Kleinbauern und Indigene. In den Städten gibt es wenigstens "Wasser-Gutscheine" für Arme, eine Sozialleistung des Staates, womit er praktisch die Gewinne der Privatunternehmen subventioniert.
In den 90er Jahren lief dann die große, von Weltbank, Weltwährungsfonds und Entwicklungsbanken gepuschte Privatisierungslawine an. Kredite an Regierungen wurden nur unter der Auflage der Liberalisierung öffentlicher Dienstleistungsbereiche gewährt; Bedenken nationaler NGOs oder auch von Regierungsstellen nicht berücksichtigt. Fast überall dasselbe Muster: In einer ersten Phase nach der Privatisierung verbessert sich die Versorgung spürbar, es wird investiert, gewartet, neu angeschlossen. Doch dann folgen die Tariferhöhungen – und die Investitionen gehen zurück, die Versorgung verschlechtert sich.

Die Ernüchterung

Auch wenn sich das in ihrer praktischen Politik noch nicht niederschlagen sollte, so begannen die internationalen Finanzinstitutionen die Folgen ihrer Privatisierungspolitik im Wassersektor zunehmend kritischer zu betrachten. Eine Weltbankstudie über mehr als 300 ihrer Projekte der Wasserver- und Entsorgung kam zu dem Schluss, dass "ein großer Teil der untersuchten Projekte, insbesondere in Städten, keinen wirksamen Beitrag zur Umsetzung von Maßnahmen, durch die die Versorgung der Armen verbessert worden wäre, leisteten." Und im Bericht zur 12. Sitzung der UN-Kommission für nachhaltige Entwicklung wurde festgestellt, "dass eine Bilanz der Privatisierung von Basis-Infrastruktur in Lateinamerika zum Ergebnis kommt, dass die Privatisierung im allgemeinen dabei versagt hat, die Interessen der Armen hinsichtlich Zugang und Bezahlbarkeit von Wasseranschluss zu berücksichtigen." (Zitiert nach Danuta Sacher: Wasserprivatisierung in Lateinamerika, in ila, Dezember 2004.)
Doch noch gaben und geben sich die globalen Wasserversorger – allen voran die französischen Suez und Vivendi und die deutsche RWE/Thames Water – nicht geschlagen. In internationalen Foren wie etwa dem World Water Council – eine Vereinigung von Persönlichkeiten der Wasserindustrie und der multinationalen Finanzinstitutionen – wird die Liberalisierung des Wassersektors propagiert und bei internationalen Konferenzen gepuscht. Wie etwa beim Weltwasserforum im März 2003, dem "Internationalen Jahr des Wassers", im japanischen Kyoto. Nach dem angeschlagenen Modell der rein privatwirtschaftlichen Liberalisierung wird nunmehr die Zusammenarbeit des Privatsektors mit der öffentlichen Hand beworben, die Public-Private Partnership. Hinter der Fassade dieses Euphemismus dreht es sich darum, mit öffentlichen Geldern die Wasserversorgung vor der Übernahme durch Privatbetreiber zu sanieren oder mit Mitteln aus der staatlichen Entwicklungszusammenarbeit den Konzernen den Markteinstieg zu erleichtern.

Der Widerstand

Der Diebstahl des Allgemeinguts Wasser zur Profitmaximierung multinationaler Unternehmen rief bald auch den Widerstand der Betroffenen hervor. In Mexiko z.B. hatte Präsident Salinas schon 1992 durch eine Verfassungsänderung den Eintritt ausländischer Unternehmen in die nationale Wasserversorgung ermöglicht. Hier engagierten sich vor allem Suez und Vivendi sowie die britische United Utilities in den Städten sowie in den Touristengebieten. Präsident Vicente Fox erklärte im Gefolge der Attentate vom 11. September Wasser sogar zu einer Angelegenheit der Nationalen Sicherheit, was u.a. den Einsatz von Polizei und Militär zur Sicherung der Ressource Wasser – im Sinne der Privatwirtschaft – erlaubt.
Saltillo ist die Hauptstadt des mexikanischen Bundesstaates Coahuila, mit einer Bevölkerung von etwa 650.000 Menschen, Zentrum von metallverarbeitender Industrie, mit Autofabriken von General Motors und Chrysler. Im Oktober 2001 hat der spanische Konzern Aguas de Barcelona (Agbar) 49 % des kommunalen Wasserwerkes von Saltillo übernommen: zum Preis von 8 Mio $, während der Buchwert bei 45 Mio. $ lag. Und das Unternehmen hat es offenbar geschafft, unter den mexikanischen Anteilspartnern Personen zu "finden", die die Politik von Agbar unterstützen.
Von Anfang an regte sich unter der Bevölkerung Widerstand gegen die Übernahme. Zivilgesellschaftliche Organisationen erreichten mit ihren Beschwerden, dass das Parlament von Cohuila eine Überprüfung des Wasserkonsortiums anordnete, die schwere Unregelmäßigkeiten, u.a. überhöhte Tarife und Gebühren, feststellte. Die Gesellschaft wurde zu einer Tarifsenkung und zur Rückzahlung überzogener Gebühren von 1,5 Mio $ verurteilt. Die Vereinigung der Wassernutzer von Saltillo betreibt gegenwärtig eine Kampagne, um die Wasserversorgung wieder in kommunale Hände zurückzuführen und Aguas de Barcelona aus Mexiko zu vertreiben.
Im August 2003 trafen sich in San Salvador VertreterInnen von 47 Basisbewegungen aus 16 amerikanischen Staaten, von Kanada bis Uruguay, und gründeten Red Vida (Netzwerk Leben). Dieses Bündnis trat dann auf dem Weltsozialforum (WSF) in Bombay Anfang 2004 auf und bildete Allianzen mit ähnlichen indischen Bewegungen. Red Vida war auch auf dem heurigen Sozialforum in Porto Alegre stark präsent, so wie überhaupt das Thema Wasserprivatisierung ein Schwerpunkt des WSF war. Daneben gibt es noch eine Vielzahl von lokalen Bewegungen, die als Reaktion auf konkrete Vorhaben der Wasserprivatisierung entstanden sind.

Alternative: Partizipation

Es stimmt sicher nicht, dass die Beibehaltung oder Rücküberführung der Wasserver- und -entsorgung in die öffentliche Hand die Alternative zu der von den Privatversorgern geschaffenen Situation darstellte. Es gibt in Lateinamerika genügend Beispiele eines völlig unzureichenden kommunalen Wassermanagments, das den Bedürfnissen der Bevölkerung nicht im mindesten entspricht. Wie es der große Vordenker und Kämpfer für eine menschengerechte globale Wasserversorgung, der italienische, in Belgien lehrende Politologe Ricardo Petrella formuliert, sind öffentliche Kontrolle und Beteiligung der Bevölkerung die wichtigsten Komponenten für das Funktionieren eines kommunalen Wassermanagements.
Beispiel Porto Alegre, die "Hauptstadt" der Weltsozialforen. Die kommunale DMAE – Städtische Wasser- und Kanalisationsabteilung – hat es geschafft, unter starker Einbindung der Bevölkerung (bekannt ist das "partizipatorische Budget" von Porto Alegre) 99,5 % der BewohnerInnen an die Trinkwasserversorgung anzuschließen, 98 % an die Stromversorgung und 84 % an die städtische Müllabfuhr. Derzeit befindet sich in ganz Brasilien eine neue Form des Wassermanagements im Versuchsstadium, das zu einer Demokratisierung und Dezentralisierung der Versorgung führen soll.

Die legale Schiene – das Beispiel Uruguay

Über den historischen Volksentscheid vom 31. Oktober in Uruguay, wo sich fast 63 Prozent der Stimmberechtigten für die Aufnahme eines Artikels in die Verfassung aussprachen, wonach Trinkwasserversorgung und Wasserentsorgung fundamentale Menschenrechte darstellen und dass dabei soziale Überlegungen den Vorrang vor wirtschaftlichen Interessen haben müssen, berichteten wir bereits in der Dezember-Ausgabe von Lateinamerika Anders. Der kleine südamerikanische Staat wurde somit weltweit zum Vorreiter einer verfassungsmäßigen Verankerung des Wassers als öffentliches Gut.
In Argentinien läuft seit vergangenem Dezember eine von der Oscar Allende-Stiftung initiierte Kampagne, die nach uruguayischem Vorbild ebenfalls parallel zu den nächsten Wahlen im zweiten Halbjahr 2005 ein Wasser-Referendum durchführen will.

Und die Europäische Union?

Großes Aufsehen und viel Kritik erntete die EU-Kommission, als bekannt wurde, dass sie im Zuge der Verhandlungen über das GATS-Abkommen (Dienstleistungsabkommen) der Welthandelsorganisation wohl die eigenen Mitgliedsländer von der Forderung nach einer Liberalisierung des Wassermarktes ausnahm, diese Forderung aber gegenüber mehr als 70 Entwicklungs- und Schwellenländern erhob. Nach der Unterbrechung der GATS-Verhandlungen durch den gescheiterten WTO-Gipfel in Cancún herrschte einige Zeit Ruhe, nunmehr setzt die EU im Vorfeld der nächsten WTO-Konferenz Ende des Jahres in Hongkong zu einem weiteren Angriff an.
Die Kommission beklagt, dass seit Aufnahme der GATS-Verhandlungen im Jahr 2000 nur wenige Länder die im Rahmen der "Doha-Runde" (2001 fand der WTO-Gipfel in Doha statt) vereinbarten Liberalisierungsangebote über Dienstleistungen unterbreitet hätten. Bis zur Konferenz in Hongkong soll nun eine überarbeitete Liste erstellt werden, in der die Länder detailliert angeben sollen, welche Dienstleistungsbereiche – von Post und Telekommunikation bis hin zu Wasser und Energieversorgung – sie zur Liberalisierung freigeben, d.h. dem internationalen "freien Markt" öffnen wollen. Alles freiwillig natürlich. EU-Außenhandelskommissar Peter Mandelson: "Die EU fordert keineswegs Verpflichtungen zum Abbau oder Abbruch öffentlicher Dienste und zur Privatsierung von staatlichen Unternehmen."
Ähnlich hatte sich die EU schon vor zwei Jahren geäußert. Eine kanadische NGO hatte dann die geheime EU-Liste der Angebotsforderungen veröffentlicht, die erhebliche Widersprüche zu den vorherigen Ankündigungen der Kommission enthielt. Die EU-Kommission verhandelt derzeit in Genf mit den WTO-Vertretungen der einzelnen Staaten und will bis Mai eine "revidierte Angebotsliste" vorlegen. Dann werden wir genau sehen, was sie vereinbart hat.

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Leseprobe

Unser heiligster Schatz ist die Würde. Gedanken zum Wasser-Referendum in Uruguay

von Eduardo Galeano (Übersetzung Werner Hörtner)


Im Jahr 2004 erlebten wir in Uruguay einen doppelten Sieg des Volkes. Und dieser Sieg entsprang nicht der göttlichen Vorsehung oder einer Laune der Sterne, sondern der bescheidenen vertrauensvollen Arbeit vieler Menschen, Tür für Tür, Gewissen für Gewissen.
Ich möchte, dass die Hoffnung, die uns dieser Sieg einflößte, nie verfliegt. Klar, dass dieser Sieg die Belohnung der Arbeit von vielen Tausenden Aktivisten viele Jahre hindurch war. Aber dieser doppelte Sieg bedeutet auch eine riesige Verantwortung.

Weltweites Unikat

Das Wasser-Referendum war das erste dieser Art, das auf der Welt abgehalten wurde. Und hoffentlich war es nicht das letzte. Es soll ein Beispiel sein, soll eine ansteckende Wirkung ausüben. Es war der Ausdruck des uruguayischen Volkes, eine Demokratie von unten zu praktizieren, eine wirkliche Demokratie, die, wie es der Name eigentlich sagt, direkt vom Volk vollzogen wird. Wir hatten schon im Jahr 1992 ein Referendum, bei dem sich 72 % der Stimmberechtigten gegen eine Privatisierung der öffentlichen Dienstleistungen aussprachen.
Ich sprach von der Hoffnung, die Demokratie wiederzugewinnen. Aber auch der Hoffnung, den Staat zurückzugewinnen. Denn bei uns war ja die Demokratie nicht nur usurpiert von den Militärs, die die schlechte Angewohnheit haben, von Zeit zu Zeit einen Staatsstreich durchzuführen, sondern die Demokratie leidet ja auch Schaden durch die verlogenen Politiker, die genau das Gegenteil von dem sagen, was sie dann später tun. Das ist ein schlimmer Angriff auf das Vertrauen, das eine neue Generation in die Demokratie setzt. Es gibt Umfragen in Lateinamerika, die besagen, dass die Jugend keinen Glauben hat an die Demokratie. Deswegen müssen wir den Glauben zurückerobern, die usurpierte Demokratie zurückerobern.

Die Rückeroberung des Staates

Und das ist eng verbunden mit einer anderen Hoffnung der Rückgewinnung: der Hoffnung, den Staat zurückzuerobern. Das ist unerlässlich. Durch das Referendum haben wir erreicht, dass der Staat das Eigentum am Wasser bei sich behält. Doch da erhebt sich die Frage: Und wem gehört der Staat? Bedauerlicherweise ist öffentliches Eigentum und Staatseigentum nicht dasselbe. In Lateinamerika, und auch in vielen anderen Regionen der Welt, ist der Staat nicht der Ausdruck des Willens der ganzen Bevölkerung, sondern einer herrschenden Minderheit, die die Macht im Namen von allen – und gegen fast alle – ausübt. Was macht nun diese herrschende Minderheit mit dem Staat? Sie setzt alles Mögliche daran, ihn zu schädigen. Diese Eigenschaft hat es ermöglicht, dass die Privatisierungen in vielen Ländern mit einer derartigen Leichtigkeit durchgezogen wurden. Und warum diese Leichtigkeit? Weil die Menschen nicht mehr an diesen Staat glauben, dessen Ruf die Usurpatoren der Macht so sehr geschädigt haben. Es stimmt ja, dass sich der Staat uns im allgemeinen als ein bürokratisches, ineffizientes, korruptes Ganzes zeigt, dem die Öffentlichkeit dienen muss, und nicht umgekehrt. Und das ist nicht zufällig so, das haben sie gemacht, um die öffentlichen Güter um einen Pappenstiel zu verschleudern.
Ich sage aber auch: Vorsicht! Die Hoffnung ist ein sehr empfindliches Wesen. Sie ist wie ein Kristallglas, sie braucht Liebe und Zuneigung. Und wenn sie bricht, kostet es viel, die Scherben wieder zusammenzufügen.

Wir können sehr wohl!

Die Nachricht vom Wasserreferendum in Uruguay hat in der Welt nicht viel Widerhall gefunden, denn es ist eine Nachricht, die mit der Vorstellung von der Machtlosigkeit der Bevölkerung bricht. Es heißt ja, dass das Wasser das Erdöl von morgen sein werde, dass Kriege um die Wasserressourcen geführt werden, doch es kommen noch keine Soldaten zu uns, sondern Experten, Technokraten von der Weltbank und vom Währungsfonds, und die sind noch gefährlicher als die Soldaten, denn sie sind als Zivilisten in Friedensmission verkleidet, die uns helfen wollen. Sie sagen uns: Ihr könnt nicht. Und wenn ihr könnt, so wird es euch schlecht ergehen, denn ihr werdet dann keinen einzigen Dollar von uns bekommen.
Vorkommnisse wie das Referendum und die Wahl oder das, was in Bolivien geschehen ist, wo die Menschen in Cochabamba Bechtel vertrieben haben, dieses mächtige Unternehmen, Lieblingskind von Bush, und die Leute haben es mit Stöcken und Steinen vertrieben – welch großartige Lektion hat uns doch Bolivien gegeben! –, Vorkommnisse dieser Art helfen uns zu glauben, dass die Tradition der Machtlosigkeit eine Lüge ist. Wir können sehr wohl das Wasser verwalten, wir können sehr wohl mit unseren eigenen Beinen gehen, wir können mit unserem eigenen Kopf denken und mit unserem eigenen Herz fühlen, dass unser wichtigster, unser heiligster Schatz die Würde ist.

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Leseprobe

Guatemalas giftiges Gold

Interview mit Bischof Alvaro Ramazzini. Das Gespräche führte Ralf Leonhard


Bischof Alvaro Ramazzini Imeri wurde 1947 in Guatemala Stadt geboren. Er studierte Kanonisches Recht und leitete einige Jahre das nationale Priesterseminar. Bevor er vor 16 Jahren als Bischof in die Diözese San Marcos berufen wurde, fungierte er als Pfarrer der indianischen Gemeinde San Juan Sacatepéquez. Er ist ein entschiedener Gegner des zentralamerikanischen Freihandelsvertrages mit den USA, der nur Exporteuren nütze, aber den Kleinbauern schade. Sein Engagement für die indianischen Rechte und für die Lösung der Landprobleme wird seit vielen Jahren von FIAN, aber auch von österreichischen Organisationen wie Dreikönigsaktion, Horizont3000 und Welthaus Graz unterstützt. Am 22. Februar erhielt er in Wien den Konrad-Lorenz-Preis des Umweltministeriums.

Frage: Sie werden von drei Leibwächtern begleitet, seit ein Mordkomplott gegen Sie aufgedeckt wurde. Was ist der Hintergrund?
AR: Ich glaube, das hat damit zu tun, dass ich den Widerstand zweier indianischer Gemeinden gegen ein Goldbergwerk unterstütze. Nach einer Protestaktion im Jänner, bei der ein indianischer Bauer ums Leben kam, beschuldigte mich Präsident Oscar Berger, die Leute aufzuwiegeln. Indianische Organisationen in Sololá blockierten die Landstraße, um den Transport einer Maschine nach San Marcos zu verhindern. Sie solidarisierten sich mit den indianischen Gemeinden in San Marcos, wo das Gold abgebaut werden soll. Außerdem musste für die Durchfahrt dieses Geräts, das der Aufbereitung von Erz dient, eine Fußgängerbrücke beseitigt werden.

F: Was ist dann passiert?
AR: Der Transport wurde von 700 Polizisten und 300 Soldaten eskortiert. Die Leute wollten sie nicht durchlassen, haben einige Fahrzeuge in Brand gesteckt und Steine geworfen. Die Polizei setzte Tränengas ein. Am Ende wurde die Straße geräumt, und ein Bauer war tot. In den Medien wurde dann die Nachricht verbreitet, die Bauern seien mit Kalaschnikows bewaffnet gewesen. So etwas wird immer behauptet, wenn bei zivilen Protesten Blut fließt.

F: Wieso wurden Sie mit dieser Aktion in Verbindung gebracht?
AR: Wahrscheinlich weil ich den Widerstand gegen die Mine unterstütze und damals beim Präsidenten angerufen hatte. Die Bürgermeisterin von Sololá rief mich während der Protestaktion an. Sie suchte meinen Rat, weil die indianischen Organisationen nicht von der Straße weichen wollten. Also versuchte ich den Präsidenten zu erreichen, um ihn als Oberbefehlshaber der Armee zu überreden, dass er den Transport zurück pfeift. Aber ich kam nur bis zum Sekretär. Der glaubte wahrscheinlich, ich sei selbst in Sololá.

F: Also beschuldigte Sie der Präsident, die Indigenen aufzuwiegeln?
AR: Ja. Wenige Tage später habe ich dann von Kardinal Erzbischof Quezada Toruño von dem Plan erfahren, mich zu ermorden. Ein Mann hatte sich gestellt. Er gab an, man habe ihm 50.000 Dollar für den Job versprochen. Jetzt steht er unter Zeugenschutz.

F: Wer steckt dahinter?
AR: Ob es ehemalige Militärs, Großgrundbesitzer oder sonst wer ist, weiß ich nicht. Ich hoffe, die Ermittlungen finden das heraus.

F: Der Anlassfall für den Konflikt liegt in Ihrer Diözese San Marcos, wo demnächst Gold abgebaut werden soll. Wer betreibt das Bergwerk und warum gibt es dagegen soviel Widerstand?
AR: Die Bergbaugesellschaft nennt sich Marlin. Das Mutterhaus heißt Glamis Gold Ltd. und ist ein kanadisches Unternehmen mit Beteiligung von US-Kapital. Die Regierung hat bereits 2003 die Schürflizenz erteilt. Die Explorationen laufen seit drei oder vier Jahren. Ende dieses Jahres wollen sie mit dem Goldabbau beginnen.
Betroffen sind die indianischen Gemeinden San Miguel Ixtahuacán und Sipacapa, die auf 2000 bis 2500 Meter Höhe liegen. Die Bevölkerung gehört zu den Maya-Völkern der Mam und Sipacapenses. Die Gemeinden wehren sich, weil sie von Umweltorganisationen, aber auch von unserer Diözese aufgeklärt wurden, dass der Tagebau äußerst schädliche Auswirkungen auf die Umwelt hat. Allein der Zyanideinsatz gefährdet das Wasser in hohem Maße. Wasser ist dort ohnehin knapp, und die Mine wird viel verbrauchen. Wir glauben nicht, dass der Bergbau eine Lösung für die Probleme von Armut und Unterentwicklung ist.

F: In der EU ist der Zyanideinsatz verboten. Gibt es in Guatemala keine Umweltverträglichkeitsprüfung?
AR: Doch. Aber die Vorgaben des Bergbausgesetzes sind sehr niedrig. Allein, dass Tagebau mit Zyanideinsatz erlaubt wird, beweist, wie niedrig die Standards sind.

F: Offenbar ist aber ein Teil der Bevölkerung auch für das Projekt.
AR: Der Konzern hat mit den Bürgermeistern gesprochen und eine Versammlung mit einem Komitee abgehalten. Vor allem in Sipacapa. In San Miguel Ixtahuacán ist die Bevölkerung gespalten. Jene, die in der Mine Arbeit bekommen oder ihr Land verkauft haben, sind dafür. Andere, die besser informiert sind, sind dagegen. Das schafft soziale Spannungen. Im September hat das Büro für strategische Analysen, eine Art ziviler Geheimdienst, den Präsidenten vor Spannungen infolge von Bergbauaktivitäten gewarnt. Der hat darauf aber nicht reagiert.
Mehrere Organisationen und die Diözese, die wir gegen das Projekt ankämpfen, berufen uns auf das Abkommen 169 der Internationalen Arbeitsorganisation, ILO (Anm.: Das ist das einzige völkerrechtlich verpflichtende Abkommen zum Schutz indigener Völker), das für solche Fälle eine Befragung der Betroffenen vorschreibt. Das Abkommen wurde 1996 von Guatemala ratifiziert, aber bis heute gibt es kein Ausführungsgesetz, das festlegt, wie diese Befragung aussehen soll. Sicherlich wird sich die Bergbaugesellschaft darauf berufen, sie hätte ohnehin die Gemeinden befragt.

F: Was verspricht sich die Regierung von so einem Projekt?
AR: Das fragen wir uns auch. Sie stellt es so dar, als wäre der Goldabbau ein Mittel zur Armutsbekämpfung. Wirtschaftlich schaut für sie wenig dabei heraus. Sie bekommt Steuern und Lizenzgebühren von 1%. Davon geht die Hälfte an die Gemeinde. Aber dieses Prozent bezieht sich nicht auf den Wert des geförderten Goldes (jährlich zwischen sechs und sieben Tonnen Gold), sondern auf den deklarierten Reingewinn nach Abzug aller Unkosten. Wasser wird gratis zur Verfügung gestellt. Der Konzern rechnet mit Gewinnen von 800 Millionen bis 1,1 Milliarden US-Dollar in zehn Jahren. Dann soll die Mine geschlossen werden.

F: Man argumentiert also mit Arbeitsplätzen?
AR: Ja. In den ersten zwei Jahren wurden 1500 Arbeitsplätze zugesagt. Dann 200 bis 400 für den Rest der Abbauarbeiten. Derzeit zahlen sie 50 Quetzales täglich, das sind ca. 6 Euro, kein schlechtes Einkommen für Guatemala. Für die Leute ist das ein starkes Argument. Und es ist nicht leicht, sie zu überzeugen, dass die zu erwartenden Schäden in keinem Verhältnis zu den Vorteilen stehen. Die werden erst während der Ausbeutung oder nach deren Abschluss sichtbar werden. Das Problem ist, dass die Menschen zuerst den unmittelbaren Vorteil sehen und sich wenig den Kopf zerbrechen, was morgen passiert.


F: Acht Jahre Frieden haben also nicht allen etwas gebracht.
R: Wenn man mich fragt, ist es jetzt heute schlimmer als während des bewaffneten Konflikts. Damals wussten wir, es gibt einen brutalen Krieg, in dem Leute spurlos verschwinden, ermordet werden oder in Gefechten sterben. Das war der Alltag. Jetzt gibt es keinen bewaffneten Konflikt mehr, aber eine hohe Zahl von Gewaltverbrechen: immer mehr Morde, die nicht aufgeklärt werden. Die Armut steigt an, etwa 80 Prozent sind arm, das heißt sie essen zweimal täglich trockene Tortillas mit Salz und Kaffee und haben keine oder keine sichere Arbeit. Viele versuchen, in die USA auszuwandern. Und die Aktivisten von sozialen Organisationen werden verfolgt.. Das finde ich schlimmer.

F: Dass bei den letzten Wahlen die Republikanische Front des ehemaligen Diktators Ríos Montt abgewählt wurde, hat man im Ausland mit Erleichterung konstatiert. Ist die neue Regierung besser?
AR: Sie hat kein Konzept. Die Bischofskonferenz hat darauf aufmerksam gemacht, dass kein nationaler Entwicklungsplan mit klar definierten Etappen existiert. Wir kämpfen mit denselben Problemen wie immer: Straflosigkeit, langsame und ineffiziente Justiz, zu wenig Augenmerk für Gesundheit und Bildung. Die Regierung verfolgt den Kurs einer Militarisierung: Sie unterdrückt Proteste, statt auf Kritik zu hören. Nehmen wir die 700 Polizisten, die aufgeboten wurden, um den Bergwerkstransport zu begleiten. Dort, wo ich lebe, in Tecún Uman, haben wir gerade ein Dutzend Polizisten, obwohl dort der Drogenhandel blüht. Die Nationalpolizei ist unter der vergangenen Regierung schrecklich korrupt geworden. Gewalttäter, Drogenhändler, das organisierte Verbrechen werden nicht mehr verfolgt. Und drängende Probleme wie die Steuerreform oder die ungerechte Verteilung des Landes werden nicht angegangen. Vielleicht gibt es gute Absichten, aber in der Praxis sind diese nicht zu sehen.

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Leseprobe

Im Schneckenhaus der Zapatisten. Ein Bericht aus den neuen autonomen zapatistischen Körperschaften, den ‚Caracoles' (Schnecken)

von Leo Gabriel


Seit die Comandantes der Zapatistischen Befreiungsarmee EZLN im August des Jahres 2003 vor die Fernsehkameras traten und mit der ihnen eigenen Hintergründigkeit verkündeten, dass die Zivilgesellschaft von nun an die Regierung in den von den Zapatisten kontrollierten Regionen übernehmen werde, wusste noch niemand so recht, was damit gemeint war. Die Journalisten, die damals von San Cristóbal nach Oventíc gekommen waren, um den "Sub" Marcos zu sehen oder ihm ein paar Halbsätze zu entlocken, waren bitter enttäuscht. Denn anstelle des maskierten Idols wurde ihnen eine akustisch schwer verständliche Tonbandaufnahme vorgeführt, in der der oberste Zapatistenführer erklärte, er habe gerade Bauchweh, wünsche aber den Caracoles im übrigen viel Glück auf ihrem weiteren Lebensweg.

Vom Autonomiegesetz zur autonomen Praxis

Was es aber mit den als "Schnecken" bezeichneten politischen Gebilden, von denen es damals wie heute in ganz Chiapas fünf gibt (La Realidad, Oventíc, Morelia, La Garrucha, Roberto Barrios) wirklich auf sich hat, war wie ein Geheimnis, das bislang noch niemand so richtig gelüftet hatte. Dabei hörte sich die Geschichte relativ einfach an und klang durchaus plausibel: Nachdem es die Zapatisten auch durch ihren langen Marsch in die Hauptstadt im März 2000 nicht erreicht hatten, dass die bereits im Oktober 1996 mit der mexikanischen Regierung ausgehandelten Abkommen von San Andrés vom mexikanischen Parlament ratifiziert würden, und nachdem der großmäulige Präsident Vicente Fox, der im Wahlkampf behauptet hatte, er könne den Konflikt mit den Zapatisten innerhalb von 15 Minuten lösen, keinerlei Initiativen mehr entwickelt hatte, entschlossen sich die Comandantes der EZLN, ihr jahrelanges Schweigen zu brechen und all das in die Praxis umzusetzen, was ihnen der mexikanische Staat vorenthalten hatte.
Theoretisch war das alles sehr einfach: Es wurden in den einzelnen Regionen, wo die Zapatisten schon seit 1996 Dutzende von so genannten Autonomen Gemeinden errichtet hatten, administrative Strukturen eingerichtet, die sich – um jeglicher Verwechslung vorzubeugen – Juntas de buen gobierno (Komitees der guten Regierung) nannten. Was taten und tun diese Juntas aber wirklich? Sind sie bloße Verwaltungsorgane, oder sind sie auch mit richterlichen Befugnissen ausgestattet? Bloße Handlanger der EZLN – wie manche munkeln –, oder stehen sie in Konkurrenz zu dieser, wie andere "Zapatologen" behaupten?

Auf Lokalaugenschein

Um alle diese Fragen zumindest teilweise zu beantworten, entschloss ich mich, im vergangenen Jänner nach Chiapas zu fahren – in Begleitung meines altgedienten mexikanischen Kameramanns und mit der Unterstützung der in Chiapas beheimateten Friedensorganisation CIEPAC, um für den ORF ("Orientierung") einen Bericht zu drehen. Die Sache war bestens vorbereitet: Christof, ein Südtiroler Mitarbeiter der österreichischen Mexiko-Plattform, war zu den Juntas gefahren, um Briefe zu überbringen. Gloria Muñoz, eine mexikanische Journalistin, die ein besonderes Naheverhältnis zu den Zapatisten hat und bei ihrer Europarundreise auch in Wien einen Vortrag gehalten hatte, unterstützte das Projekt...
Und doch hatte ich ein etwas unsicheres Gefühl, als wir dann letztendlich die kurvenreiche Bergstraße von San Cristóbal nach Oventíc mitten im Nebel entlang fuhren. Denn wie oft hatten Journalisten nicht schon versucht, in die Zapatistengemeinden zu gelangen, waren aber immer wieder von den ebenso freundlichen wie bestimmten Kontrollposten der Zapatisten abgewiesen worden? Es war auch kein gutes Omen, dass wir unterwegs versucht hatten, ein indianisches Kirchenfest zu filmen und buchstäblich verjagt wurden, als unser Kameramann sein Gerät auspackte. "Es una realidad impenetrable", entfuhr es ihm dann, als er etwas erschrocken das Auto bestieg: eine Wirklichkeit, die man nicht durchdringen kann.

Oventíc: das Tor zur Welt

"Das ist auch eine Art, mit der Globalisierung fertig zu werden", dachte ich noch, als wir, etwas unterkühlt, das Gatter von Oventíc erreichten, auf dem in großen Lettern "Oventíc – das Tor zur Welt" geschrieben stand. Ich wollte schon fragen, ob damit die Welt drinnen oder draußen gemeint war, als uns ein vermummter Zapatist bat, in einem kleinen Café Platz zu nehmen, in dem es auch Tonbandkassetten mit Aufzeichnungen von Radio Insurgente zu kaufen gab. Aber wo ist Radio Insurgente? fragte ich. "Überall und nirgends" schienen die Mienen zu antworten, die sich in Schweigen hüllten.
Die Dunkelheit war schon hereingebrochen, als mich der vermummte Türwächter jäh aus meinem Halbschlaf riss: "Die Junta de buen gobierno erwartet Sie!" Wir folgten ihm über den lehmigen Boden ein paar Häuser weiter. In Oventíc gibt es sogar elektrisches Licht – ein seltener Luxus in den Zapatistengemeinden. Aber Oventíc ist nicht irgendeine Gemeinde. Oventíc ist eben das Tor zur Welt.
Im "Regierungspalast", einer Holzhütte von ca. 4 x 6 Metern, bot sich uns ein außergewöhnlicher Anblick. Aufgereiht an einem langen Tisch saßen fünf vermummte Gestalten, drei Männer und zwei Frauen; über ihnen ein riesiges Gemälde des Pfeifen rauchenden Subcomandate Marcos und unter ihnen – wir. Von einer niedrigen Sitzbank aus stellten wir die Fragen: nach ihrem Wirtschaftskonzept, nach dem Finanzausgleich zwischen ärmeren und reicheren Gemeinden, nach ihrer Rechtsprechungsbefugnis und den Problemen, die es dabei gibt, etc.etc.
Unsere GesprächspartnerInnen hatten anscheinend die Fragen, die wir ihnen vorher geschickt hatten, genau studiert – so genau, dass sie gar nicht auf unsere Zwischenfragen eingingen, mit denen Journalisten normalerweise ihr Gegenüber aus der Defensive locken. Nur hier und da nuschelten sie einander etwas auf Tsotzil zu, nur um sicher zu sein, dass sie die Fragen auch richtig verstanden hätten. Schüchtern, aber doch irgendwie überzeugt, unterbrochen von längeren Pausen, erklärten sie sinngemäß:
"Wir stammen aus den 18 Gemeinden, die das Caracol Oventíc ausmachen. Unsere Gemeindeversammlungen haben uns gewählt. Da wir aber gleichzeitig unsere Felder bestellen müssen, wechseln wir uns alle paar Wochen ab. Da wir alle in Kooperativen arbeiten, haben die einen auch nicht mehr und die anderen weniger. Ja, wir verbringen viel Zeit damit, Konflikte zu schlichten. Jetzt sind auch die Leute aus Zinancantán gekommen, die den Zapatisten dort das Wasser abgeschnitten haben."

Konfliktregelung in Chiapas

Der Fall hatte vor nicht ganz einem Jahr großes Aufsehen erregt: Die von der linksliberalen Partei der Demokratischen Revolution (PRD) regierte Gemeindeverwaltung von Zinancantán geriet mit den dort ansässigen Zapatistenfamilien in einen Streit ums Wasser, an dem es in der Gegend immer mehr mangelt. Nachdem einige Dorfbewohner die Wasserleitungen der Zapatisten durchgeschnitten hatten, um sie zu vertreiben, kam es zu heftigen Auseinandersetzungen, bei denen es relativ viele Verletzte gab. Erst vor kurzem wurde das Haus eines Zapatisten abgebrannt.
Obwohl die Konflikte zwischen Zapatisten und nicht-zapatistischen Parteigängern der PRD, der PRI und der PAN keine Seltenheit sind, werden die Juntas de buen gobierno von den offiziellen Behörden zunehmend als Verhandlungspartner anerkannt. Dem kommt auch der Umstand zu Gute, dass die öffentlichen Einrichtungen in den Caracoles selbst auch von Nichtzapatisten frequentiert werden.

An Bedürfnissen orientiert: Spital und Schule

Das sollten wir auch am nächsten Tag sehen, als wir die Klinik von Oventíc besuchten. In einem relativ imposanten Ziegelbau – außer der Schule der einzige, den es in der Gegend gab – wartete eine Schar von Indígenas geduldig auf ihre "Aufnahme". Umgeben von Wandmalereien, die den Menschen die Grundbegriffe der Hygiene beibringen sollten, hörten die PatientInnen die Anweisungen der so genannten promotores de salud, die – ähnlich den Barfuß-Doktoren im maoistischen China – in verschiedenen Kursen gelernt hatten, die am häufigsten auftretenden Krankheiten wie Darmerkrankungen, Magencholiken und Wurmvergiftungen (insbesondere bei Kindern) zu behandeln. Eine etwas größere Hausapotheke mit von in- und ausländischen Solidaritätsgruppen gespendeten Medikamenten versorgt sie mit dem Nötigsten. Auch kleinere chirurgische Eingriffe werden durchgeführt.
Die Idee, die öffentlichen Einrichtungen an den Bedürfnissen der lokalen Bevölkerung auszurichten, wurde auch in der Schule von Oventíc umgesetzt. Zwar gibt es auch dort eine relativ große Anzahl gespendeter Enzyklopädien, doch die liest kaum jemand. Viel lieber hören die SchülerInnen den so genannten promotores de la educación zu, die die Erfahrungen der Dorfgemeinden mit den weltweiten Ereignissen verbinden. So wird der Irakkrieg etwa als Krieg der Armen gegen die Reichen und die spanische Kolonialzeit als Versklavungsprozess der Indígenas dargestellt. Die Schulstufen werden nach dem jeweiligen Kenntnisstand und nicht nach dem Alter festgesetzt, und so ist es auch keine Ausnahme, dass eine Großmutter von 50 Jahren die Schulbank gemeinsam mit ihren Enkeln drückt.
Um die Lebensmittel zu verbilligen, wurden auf den Landstraßen so genannte zapatistische Genossenschaften errichtet. Auch sie stehen unter der Aufsicht der Juntas. In La Garrucha gibt es sogar ein eigenes Internetcafé, das von Studenten aus der mexikanischen Hauptstadt betrieben wird. Kurz: Die Caracoles stellen die Kristallisationpunkte eines relativ weitverzweigten Netzes von lokalen Einrichtungen dar, die von den Gemeindemitgliedern selbst aufgebaut wurden. So wird auch das auf die Mayas zurückgehende Bild der nach außen hin offenen Schnecke deutlich und verständlich, in der die kollektiven Energien des Gemeindeverbandes gebündelt werden.

Das wahre Gesicht der Comandantes

Wer oder was hinter dieser beachtlichen Leistung, innerhalb von einem Jahr die politische und soziale Landschaft von Chiapas nachhaltig verändert zu haben, steht, wurde bei unserem Besuch in La Garrucha klar. Dort stellte sich nämlich die Junta de buen gobierno besonders langsam an, als es darum ging, die Dreherlaubnis für unseren Fernsehbeitrag zu bekommen. Schließlich wurde uns lediglich gestattet, die Einrichtungen – "aber ohne Gesichter" – zu filmen. Das bedeutete uns ein so genanntes Sicherheitskomitee, das es vor allem darauf abgesehen hatte, dass wir ihre Gesichter nicht filmten. Erst als wir darum baten, ein Gespräch mit der Kommandantur der EZLN zu führen, fiel es uns wie Schuppen von den Augen. Die im Unterschied zur Junta de buen gobierno unvermummten Mitglieder des Comité de Seguridad waren niemand anderes als die Angehörigen der Zapatistischen Befreiungsarmee, die hinter der Junta de buen gobierno die Fäden zogen und dadurch die Bäuerinnen und Bauern in einem einzigartigen Erziehungsprozess darauf trainierten, politische Verantwortung zu übernehmen.
Dass sie als Mitglieder der EZLN nicht vermummt waren, ist darauf zurückzuführen, dass ihr wahres Gesicht die beste Garantie dafür war, von Außenstehenden wie uns unerkannt zu bleiben.

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