Archiv Ausgabe Nr.3* Juni 2005* 30.Jg

Basta Ya! zum Neoliberalismus

Seit ein paar Monaten kommt Lateinamerika nicht zur Ruhe: In Bolivien, Ecuador, Mexiko und Nicaragua strümten Zehntausende, ja Hunderttausende, und in Mexiko über eine Million Menschen auf die Straßen, belagerten Regierungspaläste und Parlamente und verjagten Präsidenten. "Chaos und Anarchie" sagen die einen, "basta ya!" (es reicht!) schreien die anderen. Ist Lateinamerika außer Rand und Band geraten?

Schwerpunktthema: Aufstand gegen den Neoliberalismus

 


Inhaltverzeichnis Nr.3 2005

Schwerpunktthema: S.2: El pueblo se levanta von Leo Gabriel; S.3: Bolivien: Neustart nach Zerreißprobe von Hermann Klosius; S.4: Bolivien am Rande der Unregierbarkeit von Robert Lessmann; S. 7: Ecuador: Alle sollen gehen von Werner Hörtner; S.9 Mexiko: Massendemonstration vereitelt Justizmanöver von Hisao Kato

Aktuelles und Analyse : S.10: Mexiko: Aufstandsbekämpfung durch Banken von Leonie Fuhrmann; S.11: Umkämpftes Eigentum und Wirtschaftsnotstand in Nicaragua von Werner Hörtner; S.12: OAS: Neuer regionaler Krisenmanager für die Region von Ralf Leonhard; S.14: Der Fall Posada Carriles. Terrorismusbekämpfung mitzweierlei Maß von Eduardo Tamayo G.; S.15: Guatemala: Jeden Tag Mord. Interview mit Sergio Morales; S.16: Brasilien: Suche nach dem versprochenen Land von Frei Betto; S.17: Der chilenische Renegat von Harald Neuber; S.19: Spanische Prozesse gegen argentinische Menschenrechtsverletzer von Alexander Springer; S.21: Telesur im Probebetrieb von Birgit Zehetmayer; S.22: Poesie als Schlüssel zur Freiheit - Interview mit Humberto Ak'Abal

Aktion und Service: S.24: Kurznachrichten; S.26: Buchbesprechungen: Humberto Ak'Abal: Das Weinen des Jaguars. Friederike Habermann: Aus der Not eine andere Welt. Filmkritik: Der Garnelenring. S.28: Splitter, Termine


Leseprobe

El pueblo se levanta

von Leo Gabriel


Seit ein paar Monaten kommt Lateinamerika nicht zur Ruhe: In Bolivien, Ecuador, Mexiko und Nicaragua strömten Zehntausende, ja Hunderttausende – und in Mexiko über eine Million – Menschen auf die Straßen, belagerten Regierungspaläste und Parlamente und verjagten Präsidenten. "Chaos und Anarchie" sagen die einen, "basta ya!" (es reicht!) schreien die anderen. Ist Lateinamerika außer Rand und Band geraten?

Doch was zunächst wie eine Revolution oder ein Staatsstreich der besonderen Art aussieht, mündet meist ebenso schnell wieder in die von der Verfassung vorgegebenen Ersatzlösungen: In Bolivien und Ecuador wurden Interimspräsidenten eingesetzt, in Mexiko der Generalstaatsanwalt ausgetauscht und in Nicaragua der Notstand verhängt. Ist es am Ende doch so etwas wie ein kollektiver Wahn, der die Menschen in ihrer Verzweiflung zu Rebellionen getrieben hat?
Aber selbst wenn es so wäre: Der Wahnsinn hat Methode. Fast überall stehen die transnationalen Akteure und ihre politischen Kollaborateure am Pranger einer Öffentlichkeit, die noch Jahre zuvor niemand so richtig registriert hatte. Dabei sind es weder die über die Grenzen ihrer Länder hinaus bekannten Volkstribunen wie Daniel Ortega, Evo Morales und Manuel López Obrador noch die aus der lateinamerikanischen Zeitgeschichte bekannten Organisationen, die an vorderster Front zum Widerstand aufgerufen haben. Weder die Indígenas von der CONAIE in Ecuador noch die Sandinisten von der FSLN in Nicaragua oder die von Evo Morales angeführte MAS in Bolivien und auch nicht die Parteikader der PRD in Mexiko hatten diese Volkserhebungen von langer Hand geplant.
Die Menschenmassen kamen von allein, aber sie blieben nicht allein. Denn in ihrem Sog bewegte sich bald das gesamte Spektrum der sozialen und politischen Akteure: die politischen (Links-)Parteien, die Gewerkschaften, die Bauern- und Stadtteilorganisationen, die Studentenbewegungen und die Organisationen der indigenen Völker. Sie erkannten rasch, dass das politische Barometer, nach dem sie sich richten mussten, jetzt auf Sturm stand. Kurz: während die Weltöffentlichkeit wie gebannt den Blick auf den Mittleren Osten, auf Nordkorea und zuletzt sogar auf das vergessene Afrika richtete, verdichtete sich in den letzten beiden Monaten auf der südlichen Hemisphäre des amerikanischen Kontinents ein äußerst vielschichtiger sozialer Prozess, dessen politische Ziele aber relativ leicht erkennbar waren:
"Esta democracia ya no representa a nadie" (Diese Demokratie vertritt niemanden mehr), war eine häufig gebrauchte Redewendung, die zum Ausdruck brachte, dass es die Leute einfach satt hatten, sich von Politikern ausnüzten zu lassen, deren einziges Interesse darin bestand, ihre Macht nicht zu verlieren. Sie stellen damit das parlamentarische System der repräsentativen Demokratie in Frage, die spätestens seit den 80er Jahren in ganz Lateinamerika die lange Nacht der Militärdiktaturen abgelöst hatte. Mit diesem Aufschrei wurden die einst so geachteten Volksvertreter plötzlich zu den Buhmännern eines Volkszorns, der sich bald mit lautstarken Protestrufen und manchmal sogar mit Steinen und Macheten entlud.
Die wirkliche Ursache dieses politischen Hurrikans aber lag in der abgrundtiefen Unzufriedenheit mit dem neoliberalen System, das viele, die einander gestern noch bekämpft hatten, zu einem gemeinsamen Schulterschluss bewog. In Ecuador fokussierte sich der allgemeine Unmut auf die verhasste Person eines Präsidenten, der sein eigenes Volk verraten hat; in Nicaragua gab die Erhöhung der Transporttarife den Anlass für die Unruhen; in Bolivien stand wieder einmal die Ley de Hidrocarburos (Gesetz über Kohlenwasserstoffe wie Erdöl und Erdgas) im Mittelpunkt, das schon einmal zum Sturz eines Präsidenten geführt hatte, und in Mexiko war es eine abgefeimte Intrige gegen den populären Bürgermeister der Hauptstadt, die zu den massiven Protesten geführt hatte.
"El pueblo se levanta" (Das Volk erhebt sich) zeigt gleichzeitig ein Symptom und eine Lösung für die tiefe Krise an, die Lateinamerika während der letzten zwanzig Jahre durchgemacht hat, eine Krise, die bereits vor Jahrzehnten von den Handlangern der Erdölkonzerne, der Banken und Versicherungsinstitute, der Weltbank und des Internationalen Währungsfonds sowie aller jener in- und ausländischen Firmen losgetreten wurde, welche sich durch die Privatisierungen der Bodenschätze und öffentlichen Dienstleistungen bereichert hatten.
"Ya pagamos sus deudas" (Wir haben eure Schulden schon bezahlt), steht auf einem Graffito auf der Wand eines Coca-Cola-Werks in San Cristóbal de las Casas in Mexiko zu lesen. Damit ist offensichtlich gemeint, dass die Länder und Völker Lateinamerikas durch die Zinszahlungen in Milliardenhöhe nicht nur jene Schulden abgetragen haben, welche die Geschäftemacher industrieller und landwirtschaftlicher Großbetriebe vor vielen Jahren in ihrem Namen eingegangen waren, sondern dass die Bevölkerung auch die Last der ökologischen und ökonomischen Zerstörungen übernommen hat, die ihnen die neoliberale Wirtschaftspolitik angelsächsischer Prägung aufgebürdet hat.
Indem die Campesinos und Indígenas, die Arbeitslosenheere und Mittelstandsverlierer jetzt zur Rebellion übergehen, kündigen sie einen politischen Paradigmenwechsel an, der noch lange von sich hören lassen wird. Wie in Bolivien, Ecuador, Mexiko und Nicaragua geht es jetzt überall darum, die überkommenen Mechanismen der repräsentativen Demokratie über Bord zu werfen, um einer echten Partizipation der Bevölkerungsmehrheiten Platz zu machen!


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Leseprobe

Neustart nach Zerreisprobe in Bolivien

von Hermann Klosius


Nach drei Wochen intensiver sozialer Proteste und dem Rücktritt des Präsidenten Carlos Mesa ernannte der Kongress in der Nacht vom 9. auf den 10. Juni Eduardo Rodríguez, den bisherigen Präsidenten des Obersten Gerichtshofes, zum neuen Staatschef, dessen wichtigste Aufgabe die Einberufung baldiger Neuwahlen sein wird. Vaca Díez und Cossío, die unpopulären Chefs der beiden Parlamentskammern, die laut Verfassung die unmittelbaren Kandidaten für Mesas Nachfolge gewesen wären, hatten unter dem Druck der Demonstrationen verzichtet.

Die politische und soziale Zerreißprobe, die der Ernennung von Eduardo Rodríguez Veltzé zum Übergangspräsidenten voranging, hatte bis zuletzt angedauert. Die Sitzung des Kongresses, die wegen der Belagerung des Zentrums von La Paz durch zehntausende DemonstrantInnen in die Hauptstadt Sucre verlegt worden war, musste am Nachmittag des 9. Juni unterbrochen werden, als etwa 1000 empörte Minenarbeiter ins Stadtzentrum vordrangen: Sie protestierten wegen des Tods eines ihrer Kollegen durch Polizeikugeln.
In der nach dreiwöchigen massiven sozialen Protesten mit Streiks, Demonstrationen und Straßenblockaden extrem aufgeheizten Atmosphäre schien das Land in einen blutigen Bürgerkrieg hineinzuschlittern. Doch eine halbe Stunde vor Mitternacht setzte der überraschend wieder in Sucres “Haus der Freiheit”, wo am 6. August 1825 Boliviens Unabhängigkeit proklamiert worden war, zusammengetretene Kongress der Unsicherheit ein Ende: Er akzeptierte den Rücktritt von Präsident Carlos Mesa und ernannte Eduardo Rodríguez, den Präsidenten des Obersten Gerichtshofes, zu seinem Nachfolger.
Hormando Vaca Díez und Mario Cossío, die Vorsitzenden von Senat und Abgeordnetenhaus, die laut Verfassung auf der Liste der Nachfolgekandidaten vor Rodríguez gereiht, bei der protestierenden Bevölkerung jedoch äußerst unbeliebt waren, hatten inzwischen ihren Verzicht erklärt. Noch am Nachmittag hatte Vaca Díez das Land in Atem gehalten, da er nicht zu seinen Ambitionen Stellung nahm. Gleichzeitig behauptete Evo Morales, Anführer der stärksten Oppositionspartei, der "Bewegung für Sozialismus" (MAS), Vaca Díez habe mit den traditionellen Parteien eine Allianz geschlossen, um die Macht zu übernehmen.
Drei Ereignisse scheinen Vaca Díez schließlich zum Verzicht bewegt zu haben: In einem Kommuniqué erklärte die katholische Kirche am 9. Juni, die Mehrheit der GesprächspartnerInnen, mit denen sie als Vermittlerin gesprochen habe, seien für die Einberufung vorzeitiger Neuwahlen eingetreten. Auch die Nueva Fuerza Republicana (NFR), eine der drei angeblich hinter ihm stehenden Parteien, sprach sich dafür aus, den Forderungen der Bevölkerung nachzugeben. Den Ausschlag gab jedoch Luis Aranda, der Oberbefehlshaber der Steitkräfte, als er die Politiker dazu aufforderte, in ihrer Entscheidung "den Wünschen des bolivianischen Volkes Rechnung zu tragen". Das wurde als klare Botschaft dafür verstanden, dass das Heer nicht bereit sei, einen Bürgerkrieg zur Verteidigung der Ansprüche von Vaca Díez auf die Präsidentschaft in Kauf zu nehmen.
Die Ernennung des neuen Staatschefs, der die Abhaltung von Neuwahlen innerhalb von fünf Monaten ankündigte, wurde auf den Straßen von Sucre mit Jubel begrüßt: "Sí, se pudo!" (Es war doch möglich!), schrie die Menge. Sie stellte andererseits für die diskreditierten und an baldigen Neuwahlen daher nicht interessierten traditionellen Parteien ebenso eine Niederlage dar wie für Vaca Díez und die Oligarchie des reichen und auf Autonomie bedachten Bundesstaates Santa Cruz, der er angehört.

Drei Wochen Krise
Wie im "Gaskrieg" vom Oktober 2003, der zum Sturz von Mesas Vorgänger geführt hatte, das Erdgas im Zentrum der Auseinandersetzungen stand, entzündeten sich die Proteste an dem nach langen Diskussionen am 5. Mai vom Kongress verabschiedeten neuen Energiegesetz. Sie hatten bereits Mitte des Monats in Form von Streiks, Straßenblockaden und Protestmärschen eingesetzt. Im Parlament waren zwar auch die von der oppositionellen Bewegung zum Sozialismus (MAS) eingebrachten Vorschläge diskutiert, in der schließlich beschlossenen Version aber nur zum Teil berücksichtigt worden. Zwar erhöht das Gesetz die steuerlichen Abgaben der Unternehmen im Energiesektor von 18% auf 50% des Werts der Produktion, doch handelt es sich bei den zusätzlichen 32% um eine Sondersteuer, bei der Abschreibungsmöglichkeiten bestehen. Auch das von der MAS geforderte Recht der indigenen Völker auf ein Veto gegen Ölförderung in ihren Gebieten zum Schutz der Umwelt wurde nicht berücksichtigt. Damit wurde die Chance einer einvernehmlichen Lösung, die dem Land die folgenden Wochen der Konfrontation erspart hätte, vertan. Denn jene radikalisierten Sektoren, die bereits die Verstaatlichung von Erdöl und Erdgas sowie Mesas Rücktritt forderten, erhielten nun Aufwind.
Dabei sehen bolivianische Unternehmer und Vertreter multinationaler Energiekonzerne bereits durch das verwässerte Gesetz ihre Gewinne und die juristische Sicherheit ihrer Eigentumsrechte bedroht und haben Schadenersatzklagen gegen den bolivianischen Staat angekündigt. Für Unmut in diesen Kreisen sorgt insbesondere, dass alle 78 bestehenden Verträge mit den Multis neu verhandelt und dem Gesetz angepasst werden sollen.
Präsident Mesa zog es vor, sich die Finger nicht zu verbrennen. Die zehn Tage, die er laut Verfassung Zeit hatte, das Gesetz anzunehmen oder abzulehnen, ließ er verstreichen, wodurch diese Aufgabe dem Parlamentspräsidenten Vaca Díez zufiel, der das Gesetz schließlich am 17. Mai verlautbarte. Mesas Versuch, die Richter des Obersten Gerichtshofes, Abgeordnete, Unternehmer und Bürgermeister zur Teilnahme an einem nationalen Dialog zu bewegen – unter anderem wollte er dabei eine vorübergehende Zurücknahme des Gesetzes erreichen – war bereits am 15. Mai gescheitert. Der Beginn der Proteste am folgenden Tag und die absehbare Polarisierung der politischen Situation waren damit nicht mehr aufzuhalten.
Tausende Frauen und Männer aus verschiedenen Teilen des Landes trafen am 23. Mai nach einem Marsch, der eine Woche zuvor im 200 km entfernten Caracollo seinen Ausgang genommen hatte, in La Paz ein. Dem Demonstrationszug hatten sich Campesinos, Minenarbeiter, Kokabauern aus den Yungas und Mitglieder der Nachbarschaftsvereinigungen von El Alto ebenso angeschlossen wie Studentinnen, streikende LehrerInnen, PensionistInnen und Mitglieder sozialer Organisationen von La Paz. Gemeinsam forderten die von der oppositionellen MAS mobilisierten DemonstrantInnen vom Kongress die sofortige Einberufung einer Verfassunggebenden Versammlung und Modifikationen des Anfang Mai beschlossenen neuen Energiegesetzes.
In einem äußerst angespannten innenpolitischen Klima gewannen jene Teile der sozialen Protestbewegung an Einfluss, die wesentlich radikalere Forderungen stellten: Verstaatlichung der fossilen Energieträger, Vertreibung der multinationalen Konzerne aus dem Land, Schließung des Parlaments und Rücktritt von Präsident Mesa.
Während die DemonstrantInnen tagelang vergeblich versuchten, den um Parlament und Präsidentenpalast auf dem zentralen Platz Plaza Murillo gezogenen Polizeikordon zu durchbrechen – wobei die Polizei ausgiebig Knüppel und Tränengas einsetzte –, machten Gerüchte die Runde, zwei mit der sozialen Mobilisierung solidarische Offiziere planten einen Staatsstreich. Andererseits sprachen sich Vertreter des Unternehmersektors für vorgezogene Neuwahlen und Mesas Rücktritt aus.


Separatismus im Pelz der Autonomie

Zusätzlichen Sprengstoff lieferte in dieser Phase der Schwächung der Zentralregierung die von einem rechten Bürgerkomitee getragene und von wirtschaftlichen Motiven geleitete Autonomiebewegung des Departements Santa Cruz. Die Unternehmerschaft der Region, die 40% des bolivianischen Inlandsprodukts und 60% der Exporte des Landes stellt, versteckt sich hinter dem Comité Cívico pro Santa Cruz, dessen Vorsitz seit Februar der extrem rechtem Gedankengut nahe stehende Neurologe Germán Antelo führt. Santa Cruz und die Regionen Beni, Tarija und Pando kündigten an, sie würden selbständig ein Autonomiereferendum organisieren, sollte das nationale Parlament seine Durchführung nicht für den 12. August, den Tag der Wahlen der Präfekturen, festlegen. Am 18. Mai erteilte die konservative Parlamentsmehrheit diesem Ansinnen auch grundsätzlich ihren Segen.
Ziel des Referendums ist es, dass jedes Departement frei über die eigenen finanziellen und natürlichen Ressourcen verfügen und seine eigenen Behörden wählen können soll. Dabei will das Bürgerkomitee die Autonomie bilateral mit der Zentralregierung aushandeln. Das steht nicht nur im Gegensatz zur geltenden Verfassung, sondern würde dem Prozess der Erarbeitung einer neuen Verfassung, über dessen Notwendigkeit bereits eine grundsätzliche Einigung erzielt wurde, vorgreifen.
Vordringlich wäre daher die Bildung einer Verfassunggebenden Versammlung, deren Aufgabe es wäre, die Kompetenzen von Staat und autonomen Regionen, die Spielregeln zwischen den einzelnen Ebenen und die Schritte zur Konstituierung der autonomen Instanzen festzulegen. Dies ist auch die Position der sozialen Bewegungen, die hinter den Forderungen aus Santa Cruz separatistische Absichten der dortigen Eliten vermuten.

Sozialer Protest und Neubeginn

Präsident Mesa hat es nicht geschafft, in den eineinhalb Jahren seiner Regierungszeit seit dem Sturz seines Vorgängers Sánchez de Lozada im Oktober 2003 strukturelle Lösungen für die großen konfliktträchtigen Themenbereiche Energiegesetz, Verfassunggebende Versammlung und Autonomiefrage zu erarbeiten. "Die Unfähigkeit von Präsident Mesa, der jegliche Autorität verloren hat, führt das Land in eine Situation von Konfrontation und Unsicherheit", hatte Evo Morales bereits Mitte Mai zutreffend diagnostiziert. Vom Beginn der Mobilisierungen am 16. Mai an, als 20.000 BewohnerInnen von El Alto das Zentrum von La Paz besetzten, schien sich die Spirale der Eskalation des Konflikts unaufhaltsam zu drehen. Minenarbeiter errichteten an 12 Punkten des Landes Straßenblockaden und isolierten so La Paz und andere Städte; eine Gruppe von Campesinos trat in den Hungerstreik, darunter auch Felipe Quispe, der Anführer der Bauerngewerkschaft CSUTCB. In El Alto setzte am 23. Mai ein als unbefristet deklarierter Generalstreik ein und auch der Gewerkschaftsdachverband COB rief zum Generalstreik auf. Dazu traten mehrere Berufsgruppen wie LehrerInnen, GesundheitsarbeiterInnen und schließlich auch das Personal der Flughäfen mit der Forderung nach Lohnerhöhungen in den Streik. Auch die Ärzte und Ärztinnen drohten mit Arbeitskämpfen.
Trotz der zunehmend chaotischen Situation – in den großen Städten herrschte bereits ein Mangel an Benzin und Lebensmitteln – kam die Ankündigung des Rücktritts von Carlos Mesa überraschend. Erst drei Tage später, als der Großteil der sozialen Bewegungen, darunter die MAS von Evo Morales ebenso wie die Minenarbeiter, dem neu ernannten Präsidenten eine Schonfrist einräumten, entspannte sich die Situation. Auch die Bereitschaft von Eduardo Rodríguez, mit den Exponenten der radikaleren Sektoren, wie Jaime Solares, dem Führer der Gewerkschaft COB, oder Abel Mamani, Anführer der Nachbarschaftsvereinigungen von El Alto, zu sprechen, die nach wie vor eine Verstaatlichung von Erdöl und Ergas fordern, trug zur Normalisierung bei.
In seiner Antrittsrede ersuchte Präsident Rodríguez, ihm in dieser Angelegenheit Zeit zu geben. Was die Autonomiefrage betrifft, scheint sich trotz der Einwände aus Santa Cruz ein Konsens darüber herauszukristallisieren, dass erst die nächste Regierung sich dieses Themas annehmen wird. Die nun von Rodríguez gebildete Übergangsregierung besteht eher aus Technokraten, denn aus Politikern, was aber ihrer wichtigsten Aufgabe, der raschen Einberufung von Neuwahlen von Präsident und Parlament sowie der gleichzeitigen Wahl von Mitgliedern einer Verfassunggebenden Versammlung, keinen Abbruch tun sollte. Sowohl Präsident als auch Parlament sind sich bewusst, dass sie jede Minute der nunmehrigen Atempause nützen müssen, wenn sie die Gefahr einer neuerlichen Zerreißprobe oder sogar eines Bürgerkrieges von Bolivien abwenden wollen.

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Leseprobe

Alle sollen gehen

von Werner Hörtner


Die "Forajidos"(1) von Ecuador – die "Schurken"– schlossen sich der Forderung des argentinischen Aufstands vom Dezember 2001 an und verlangten, alle Politiker sollten ihre Sessel räumen. Präsident Lucio Gutiérrez war der erste – doch war er auch der letzte?

Eines muss man ihm zugestehen: Für überraschende Entwicklungen und Konfliktlösungen war er immer gut, Ecuadors Präsident Lucio Gutiérrez. Bis ihm das ganze Taktieren und Intrigieren nichts mehr half und er am 20. April dieses Jahres um 14 Uhr 04 in einem Hubschrauber vom Präsidentenpalast Carondelet in Quitos Altstadt in die Luft ging, als Polizist verkleidet. Das war das Ende des ecuadorianischen Regierungschefs, von dem sich viele, auch die Indígena-Konföderation CONAIE, am Anfang einen Neuaufbruch in Richtung Demokratisierung und volksnaher, sozialer Politik erwartet hatten.
Doch der einstige Oberst, der beim Sturz von Jamil Mahuad im Jänner 2000 eine führende Rolle gespielt hatte und dann bei den Wahlen im Oktober 2002 als Kandidat einer Allianz aus Indígena- und Volksbewegungen, Gewerkschaften und Linksparteien gewonnen hatte, war schon bald nach seinem Amtsantritt auf die andere Seite gewechselt. In Washington versprach er Bush, "der beste Verbündete der USA im Irak-Krieg zu sein", sein militärisches Outfit tauschte er gegen teure Maßanzüge – und brach skrupellos alle Versprechen, sich gegen die neoliberale Politik seiner Vorgänger zu stellen. Ein halbes Jahr später brach die CONAIE offiziell mit dem früheren Verbündeten und zog ihre drei Minister aus dem Kabinett zurück.

Mr. Smart macht einen Rechenfehler

Gutiérrez etablierte dann ein System der Pfründewirtschaft, in dem er zahlreiche wichtige und lukrative Posten an Verwandte und Gefolgsleute verteilte. Und er überstand alle Protestaktionen der Bevölkerung, brachte die CONAIE mit einigen Zuckerl an den Rand der Spaltung – und fühlte sich sicher im Kreis seiner Günstlinge und mit der Unterstützung des Militärs, auch wenn sein Popularitätsgrad in der Bevölkerung auf sechs Prozent gesunken war. Doch sein letzter großer Coup zum Jahresende wurde ihm zum Verhängnis: Er entließ alle Mitglieder des Obersten Gerichtshofes und besetzte diesen mit seinen Leuten. Diese stellten dann die Untersuchungen wegen Amtsmissbrauch und Korruption gegen seine Vorgänger Fabián Alarcón und Jamil Mahuad ein und erlaubten dem verhassten Ex-Präsidenten Abdalá Bucaram die Rückkehr aus dem Exil. Das brachte die Volksseele der sonst eher geruhsamen EcuadorianerInnen zum Kochen.
Mitte April begannen in der Hauptstadt Quito die Proteste, diesmal getragen vor allem vom Mittelstand und der Studentenschaft. Die CONAIE zeigte sich zuerst an einer Teilnahme nicht interessiert, einmal wegen ihrer internen Auseinandersetzungen und dann, weil sie die Auseinandersetzung um den Obersten Gerichtshof, ein "Streit unter Weißen", nicht interessierte. Eine wichtige Rolle bei den Mobilisierungen spielte Radio La Luna, ein unabhängiges, nichtkommerzielles Medienprojekt unter der Führung von Paco Velasco, das zusehends zur Stimme und zum Echo der Forajidos wurde. Innerhalb von wenigen Tagen wuchsen die zuerst verstreut und unkoordiniert stattfindenden Proteste zu einer Massenbewegung, die durch die Repression der Sicherheitskräfte noch an Macht und Entschlossenheit gewann.
Und so sah Lucio Gutiérrez – wie schon fünf andere Präsidenten des Landes in den letzten sieben Jahren – sein Heil nur mehr in der Flucht. Doch der Flughafen, wohin er den Militärhubschrauber dirigierte und wo schon eine Maschine mit laufendem Motor auf ihn wartete, war schon mit 1500 DemonstrantInnen besetzt, die die Startbahn versperrten – und so war der selbstherrliche Präsident froh, mit seinem Helikopter in der brasilianischen Botschaft Zuflucht zu finden. Brasilien gewährte ihm dann auch Asyl, doch in der zweiten Juniwoche verließ Gutiérrez überraschend sein Gastland und reiste in die USA. Einige vermuten, er wolle seine Rückkehr nach Ecuador vorbereiten, andere meinen, er wolle in Miami studieren ...

Wie weiter?

Nach der Amtsenthebung des Präsidenten durch einen Teil des Kongresses übernahm sein Stellvertreter, Alfredo Palacio, das Amt des Staats- und Regierungschefs. Der 61-jährige Herzchirurg hatte aus seiner Gegnerschaft zur Politik von Gutiérrez schon lange kein Hehl gemacht und in ersten Erklärungen nach dessen Sturz davon gesprochen, dass die Zeit der Diktatur, der Unmoral und der Arroganz nun zu Ende sei.
Der neue Präsident war bislang in der Öffentlichkeit ein Unbekannter, und er war auch als Gutiérrez' Vize kaum in Erscheinung getreten. Doch mit seinen ersten Erklärungen und Maßnahmen ließ der Sohn eines bekannten Bildhauers und marxistischen Aktivisten aufhorchen. Er holte eine führende Figur der Indígena-Bewegung, Lourdes Tibán, als Staatssekretärin mit Ministerrang in die Regierung und ernannte Rafael Correa, einen scharfen Kritiker der neoliberalen Wirtschaftspolitik und des Freihandelsabkommens TLC, das gegenwärtig mit den USA verhandelt wird, zum Wirtschaftsminister.
Nahestehende bezeichnen den neuen Präsidenten als einen linken Liberalen, als einen Freidenker. Bei der Vorstellung seines Kabinetts am 24. Mai definierte Palacio seine Vorstellungen für die moralische und politische Neugeburt des Landes. Wichtige Punkte dabei sind die Reform der staatlichen Institutionen, um ihnen ihre Unabhängigkeit zurückzugeben und die Gewaltentrennung wieder zu etablieren. Gleichzeitig möchte Palacio die direkte Demokratie fördern: "Die Bevölkerung ist der repräsentativen Demokratie müde geworden und vertraut nicht mehr in die gewählten Volksvertreter. Sie möchte eine partizipative Demokratie, die ihr mehr Repräsentativität sichert".
Doch der Weg hin zu einer partizipativen Demokratie ist unklar. Präsident Palacio hatte schon bald nach seinem Amtsantritt die Einberufung einer "Verfassunggebenden Versammlung zur Neugründung der Heimat" angekündigt, doch geriet diese Idee bald wieder ins Hintertreffen. Nunmehr ist von einer Volksabstimmung über einzelne Themenkreise die Rede, die im Rahmen "Runder Tische zum Sozialen Dialog" diskutiert werden sollen. Aber der erste Schwung ist verpufft, es beginnt sich wieder Resignation breit zu machen, dass alles so bleibe wie immer.

Der Wirtschaftsminister im Brennpunkt

Das am meisten beachtete und beobachtete Kabinettsmitglied ist wohl Rafael Correa, der neue Wirtschaftsminister. Der 42-jährige Ökonomieprofessor – er studierte u.a. an den Universitäten von Illinois und von Löwen in Belgien – war ein scharfer Kritiker des neoliberalen Kurses von Präsident Gutiérrez und der ecuadorianischen Position bei den Verhandlungen zum Freihandelsabkommen mit den USA. Sein Credo ist, die Wirtschaft solle den Menschen dienen und nicht umgekehrt.
Eine der ersten Ankündigungen des neuen Wirtschaftsministers war es, die hohen Erdöleinnahmen des Landes in Richtung sozialer Investition zu lenken. Bisher flossen diese Einnahmen in einen Fonds, den FREIREP, von dem dann 70 % zur Schuldenrückzahlung – 638 Millionen US$ im Jahre 2004 – aufgewendet wurden, 20 % zur Absicherung von Preisschwankungen auf dem Erdölmarkt und nur 10 % für Sozialausgaben. Correa möchte die Ausgaben für den Schuldendienst radikal senken und die für soziale Investitionen stark anheben.
Interessant – und ein Prüfstein für die Ernsthaftigkeit der neuen Wirtschaftspolitik – wird die Position Ecuadors bei den laufenden Verhandlungen zu einem Freihandelsabkommen mit den USA (TLC), die parallel mit Kolumbien und Peru geführt werden. Bei Redaktionsschluss war das alte Verhandlungsteam noch im Amt. Die nationale Kampagne gegen das TLC und die CONAIE forderten Anfang Juni die Regierung auf, von der Verhandlungsrunde mit den USA zurückzutreten. Während die offizielle Verhandlungsrunde von Guayaquil ohne konkrete Ergebnisse zu Ende ging, beschlossen die parallel dazu in der ecuadorianischen Hafenstadt versammelten TLC-kritischen Bewegungen aus den betroffenen Andenländern, ihren Widerstand gegen den Freihandelsvertrag weiter zu intensivieren.

(1) Gutiérrez hatte die gegen ihn Protestierenden als forajidos, als Schurken, Geächtete, Banditen bezeichnet. Diese hatten dann diesen Schimpfausdruck ins Positive gewendet und sich stolz selbst Forajidos genannt.

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