Leseprobe
Bergbau in Lateinamerika: eine Goldgrube
für Multis
von
Jürgen Kreuzroither
Lateinamerika
ist zum wichtigsten Ziel für Bergbau-Investitionen geworden. Betrug
sein Anteil an den globalen Investitionen in diesem Sektor Anfang der
90er Jahre noch 12%, so ist er heute auf 33% gestiegen. Entsprechend sind
die Mineralienexporte lateinamerikanischen Ursprungs im Steigen begriffen.
Da gleichzeitig die Metallpreise anzogen, war 2004 mit einem durchschnittlichen
Exportwachstum von 40% ein Rekordjahr. Doch weit davon entfernt, zur Verbesserung
der Lebensbedingungen der Bevölkerung beizutragen, provoziert der
Bergbau-Boom wegen seiner Bedrohung von Umwelt und Gesundheit wachsenden
Widerstand.
Die Hausse
hinterlässt tiefe Spuren in den Herkunftsländern. Die hohen
Preise machen Lagerstätten niedrig konzentrierter Erze interessant,
deren Abbau zuvor nicht wirtschaftlich war. Zusätzlich werden neue
Bergbaumethoden eingesetzt, die zwar den Ausbeutungsgrad wesentlich erhöhen,
aber vom Umweltstandpunkt aus gesehen als bedenklich einzustufen sind.
Zunächst wird im Gegensatz zu früher auch bei Edelmetallgruben
vermehrt der offene Tagebau angewendet. Aufgrund der geringen Metallkonzentration
müssen mit schwerem Gerät und im Laufe der Jahre Millionen Tonnen
Gestein abgebaut und behandelt werden, um den Metallgehalt zu extrahieren.
Es handelt sich um chemische Gewinnungsmethoden. Im Fall von Gold wird
eine verdünnte Lösung von Kalium- oder Natriumcyanid (Cyanid
= Salz der Blausäure) verwendet. Abgebautes Erz wird hiezu in einem
Becken zu Haufen aufgetürmt und mit der Cyanidlösung besprenkelt.
Diese diffundiert langsam durch das Gestein und löst das Gold heraus.
Zur Kupfergewinnung wird Schwefelsäure verwendet. Zurück bleiben
immense Kraterlandschaften und mobilisierte Metall- und Chemierückstände,
die aufgrund ihrer potentiellen Gefahr für das Grundwasser noch über
einen sehr langen Zeitraum nach der Grubenschließung beobachtet
werden müss(t)en.
In Europa und Nordamerika verboten, werden diese Verfahren in Lateinamerika
unter freiem Himmel angewandt. Eine der größten Gefahren besteht
darin, dass die Becken, die aus Kunststofflagen geformt werden, lecken.
Die am Beckenboden angekommene Lösung enthält nämlich nicht
nur gelöste Edelmetalle, sondern auch Arsen, Blei oder Quecksilber.
Als Folge der Hochkonjunktur und der kostengünstigen Bergbaumethoden
wurden die Konzessionsflächen in den letzten Jahren rapide ausgeweitet.
Die Minenindustrie stößt über die traditionellen Bergbauregionen
hinaus vor und macht damit immer größere Bevölkerungskreise
zu Betroffenen ihrer Aktivitäten.
Insellösung
Mine
Diese wenden
sich immer öfter gegen neue oder bestehende Minenprojekte. Allein
das peruanische Bergbau-Ministerium musste 2004 in 97 Konfliktfällen
einschreiten. Schon klagen Bergbaukonzerne meist kanadischer oder
US-amerikanischer Provenienz dass das Umfeld für weitere Investitionen
nicht stabil genug sei.
Außer Umweltbedenken spricht sich auch herum, dass der Bergbau meist
nicht die erhoffte Initialzündung für die Verbesserung des Lebensstandards
bewirkt. Dazu sind die meist unter Beteiligung von transnationalen Konzernen
geführten Großminen viel zu wenig lokal verankert. Einkäufe
im regionalen Umkreis halten sich sehr in Grenzen, oft schon weil die
benötigten Mengen und die geforderte Qualität von den lokalen
Betrieben nicht gewährleistet werden können.
Auch der Beschäftigungseffekt hält sich meist sehr in Grenzen.
Schlüsselpersonal kommt häufig aus dem Ausland, während
für die Einheimischen nur die Hilfsjobs bleiben. Auch ohne diese
Einschränkung sind die Zahlen bescheiden: In Chile verdienen 1,4%
der Erwerbsbevölkerung in der Minenindustrie ihr Brot, in Peru 0,9%
und in Brasilien gar nur 0,1%. Neue Modelle, wie das zeitlich begrenzte
Einkommen aus dem Mineraliengeschäft für den Aufbau lokaler
Wirtschaftsstrukturen genutzt werden kann, sind dringend gefragt.
Was tragen
Minen bei?
Chile und
Peru haben beide bedeutende Bergbausektoren. Ausgehend von der langjährigen
neoliberalen Dominanz in beiden Ländern ist eine Debatte über
die Abgabenhöhe der Großminen entstanden, in deren Verlauf
manch erstaunliche Zahl zu Tage gefördert wurde.
Von 1990 bis 2001 hat die größte Kupfermine der Welt, die staatliche
Corporación Nacional del Cobre (CODELCO) US-$ 10,6 Milliarden an
den chilenischen Fiskus abgeliefert, während die im Privatbesitz
befindlichen Bergbaubetriebe im selben Zeitraum gerade einmal US-$ 1,6
Milliarden leisteten und das, obwohl ihre Produktion um 25% über
der von CODELCO lag. 2002 haben die Töchter ausländischer Minenkonzerne
in Chile nur 0,45% ihres Umsatzes an staatlichen Abgaben geleistet.
Auch im Peru des Alberto Fujimori wurden internationale Investoren hofiert.
So nimmt es nicht Wunder, dass zwischen 1998 und 2003 nur 2,7% des Steueraufkommens
vom Bergbausektor kamen, obwohl dieser 8% zum Bruttoinlandsprodukt beiträgt
und rund die Hälfte der Exporterlöse des Landes erwirtschaftet.
Immerhin wurde in Peru als Ergebnis der Diskussionen die Regalía,
eine Gebühr auf die Minenproduktion, dahingehend verändert,
dass ein progressives Element eingeführt wurde (wenn auch der Ansatz
sehr bescheiden blieb: Steuersätze zwischen 1% und 3%). Auch der
Canon minero, welcher die Aufteilung des Abgabenaufkommens zwischen Zentralregierung
und Provinzen regelt, wurde zugunsten letzterer geändert.
Andere, unverhältnismäßige Bevorzugungen der Großminenindustrie
bleiben jedoch bestehen: So wird Privatinvestoren garantiert, dass sich
das Abgabenregime, das sie zum Zeitpunkt ihres Engagements vorgefunden
haben, sich für sie nicht ändert. Und Gewinne können in
unbeschränkter Höhe und abgabenfrei ins Ausland transferiert
werden. Dies führte zu der empörenden Situation, dass Doe Run,
US-Betreiber einer berüchtigten Schwermetallmine in La Oroya, Zentralperu,
wiederholt um Aufschiebung von dringend notwendigen Umweltauflagen aufgrund
von finanziellen Problemen ansuchte. Gleichzeitig hatte das Unternehmen
aber beträchtliche Überweisungen ins Ausland getätigt.
Kein Entwicklungsmotor
So ist es
nicht überraschend, dass die Wirkung der Minenindustrie als von der
Weltbank geförderter Entwicklungspromotor für marginalisierte
Länder unter der Nachweisbarkeitsgrenze liegt. Es zeigt sich sogar,
dass die meisten an Mineralien reichen Entwicklungsländer die weltweit
niedrigsten Wachstums- und die höchsten Armutsraten aufweisen
"Ressourcenfalle" heißt das Phänomen unter Ökonomen.
Auch eine Studie zweier Harvard-Ökonomen über 95 Entwicklungsländer
ergab für den Zeitraum 19701990: Je höher die Abhängigkeit
vom Export von Naturressourcen, desto geringer das Wachstum.
Die UN Organisation für Handel und Entwicklung, UNCTAD, stellte fest,
dass der Anteil jener Menschen, die in armen Mineral-exportierenden Ländern
von weniger als 1 US-$ pro Tag leben müssen von 61% (19811983)
auf 82% (19971999) gestiegen ist. Und ein letztes vernichtendes
Urteil zur Strategie des Minensektors als Entwicklungstrumpf findet sich
im jährlichen Korruptions-Index von Transparency International, wonach
26 von 32 vom Mineralien-Export abhängige Länder als korrupt
oder sehr korrupt eingestuft werden.
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Peru:
Spätes Eldorado für Wenige
von Jürgen
Kreuzroither
Die Stadt
Cajamarca im Norden Perus steht symbolhaft für die enge Verknüpfung
des Landes mit dem Erzbergbau. Hier wurde 1532 der Inka-Herrscher Atahualpa
von Francisco Pizarros Heerschar in den Hinterhalt gelockt. Auch ein Lösegeld
in Gold und Silber, welches Atahualpas Gefängniszelle füllte,
rettete ihn nicht vor der Ermordung durch die Spanier und besiegelte das
schnelle Ende des Inka-Reiches.
Angesicht der damals unglaublichen Menge an Lösegeld der heutige
Wert wird auf bis zu 40 Millionen Euro geschätzt wähnten
sich Pizarros Mannen nahe dem heiß ersehnten Eldorado. Sie hatten
Recht und fanden es trotzdem nie, denn erst 460 Jahre später wurde
unweit von Cajamarca Yanacocha, die profitabelste Goldmine der Welt, in
Betrieb genommen.
Keine andere
Branche boomt in dem Andenland derzeit so sehr wie der Bergbau. Peru steht
heute im Mineralienexport bereits an weltweit achter Stelle. Die für
Exploration und Ausbeutung genehmigte Fläche hat sich seit 1992 auf
240.000 km² (sic!) versechsfacht. Und Peru gilt als Land mit dem
drittgrößten Bergbaupotenzial, von dem derzeit nur etwa 10%
der Lagerstätten an Gold, Silber, Kupfer, Zink, Molybdän &
Co erschlossen sind.
Die Weichen für den Boom wurden Anfang der 90er Jahre mit der neoliberalen
Umgestaltung unter Fujimori gelegt, mit tatkräftiger Unterstützung
der Weltbank, die sich eine schnellere Tilgung der Auslandsschulden versprach.
Ein weiterer wichtiger Faktor sind die seit einigen Jahren steigenden
Rohstoffpreise für Bodenschätze. Sie machen, unter Einsatz neuer
Abbautechniken, die Erschließung auch geringerer Konzentrationen
mineralischer Ressourcen rentabel. Dadurch wird die Minenindustrie auf
Gebiete ausgedehnt, die traditionell keine Bergbauregionen waren. Gleichzeitig
sind diese neuen Techniken in der Regel material- und flächenintensiver
(z.B. Goldgewinnung im offenen Tagebau und unter Einsatz von Zyanid).
Vorprogrammierte
Konflikte
Mit dieser
Expansion ist die Minenindustrie zu einer unübersehbaren Existenzbedrohung
für die ländliche Bevölkerung geworden. In den Bergbauregionen
sind heute über 3.000 Gemeinden von den Minenaktivitäten betroffen.
Zumeist geht es um die Nutzung der knappen natürlichen Ressourcen
Land und Wasser. Nur etwa 5% der Gesamtfläche Perus sind für
Ackerbau nutzbar. Dennoch werden selbst für das knappe Ackerland
in den Andentälern Schürfrechte vergeben, und im Hochland, am
Ursprung vieler Flussläufe, ziehen die Minen wegen ihres ungeheuren
Wasserbedarfes das kostbare Nass ab oder verseuchen es nachhaltig.
Die staatlichen Regulierungen sind generell sehr schwach ausgeprägt.
So gibt es etwa kein Umweltministerium, sondern nur eines für Bergbau.
Die Umweltverträglichkeits-Nachweise in der Projektvorbereitungsphase
sind sehr undurchsichtig, das Mitspracherecht der Bevölkerung ist
eher alibimäßig geregelt, und einen Grundkataster, der einen
gewissen Schutz für bestehende meist landwirtschaftliche
Nutzung bedeuten würde, gibt es ebenso wenig wie ein wirksames Kontrollsystem
für staatliche Auflagen an Minenbetreiber.
Effizient ist der Staat hingegen bei der Durchsetzung neuer Minenprojekte.
In Peru hat nicht der Grundbesitzer auch das Eigentumsrecht an den eventuell
auf seinem Territorium befindlichen Bodenschätzen, sondern der Staat.
Dieser vergibt Konzessionen ohne Mitspracherecht des betroffenen Landeigentümers.
Der Bergbauunternehmer muss in der Folge Zugang zur angepeilten Ressource
erhalten. Dies geschieht meist durch finanzielle Gegenleistungen, aber
auch durch gerichtliche Enteignungen oder mittels bergbaulichem Fruchtgenussrecht.
CONACAMI, ein nationaler Zusammenschluss von durch Bergbauaktivitäten
bedrohten Gemeinden, geht von derzeit 42 offenen oder latenten Konflikten
zwischen der Ortsbevölkerung und Minenbetreibern aus. Und die zunehmend
sensibilisierten und organisierten Betroffenen haben in letzter Zeit bedeutende
Erfolge errungen. Zwei Beispiele:
Tambogrande:
Erfolg für nachhaltige Nutzung
Die Konzessionsfläche
des Projekts Tambogrande erstreckt sich in der Provinz Piura, im Norden
Perus, über eine Fläche von 862 km². Der Mineralkörper
enthält Gold, Silber, Kupfer, Zink und Blei, befindet sich jedoch
zu einem Teil unter einem Dorf gleichen Namens. Geplant war ein Tagabbau
mit einer Grubengröße von 70 Hektar.
Besonders problematisch, neben der notwendigen Absiedlung des Dorfes Tambogrande,
ist auch die Tatsache, dass durch die Minenaktivität die Wasserversorgung
des San Lorenzo-Tales, eines bekannten Obstbaugebietes (Zitrusfrüchte,
Mangos), bedroht worden wäre. Immerhin 100.000 Menschen leben in
dem Gebiet von der Landwirtschaft.
Projektbetreiber war ein Konsortium der kanadischen Firma Manhattan Minerals
mit Centromin, Perus para-staatlicher Minengesellschaft, welche die Konzession
einbrachte. Manhattan Minerals versprach sehr bald, dass es gegen den
mehrheitlichen Widerstand der Lokalbevölkerung keine Mine geben würde.
In einer Volksbefragung im Bezirk Tambogrande sprachen sich im Juni 2002
94%(!) der Bevölkerung gegen das Projekt aus.
Dennoch lief die Genehmigungsphase trotz Boykottaktionen und Straßenprotesten
weiter, und als Centromin Perú im Dezember 2003 offiziell wegen
Vertragsverletzung die Zusammenarbeit mit dem kanadischen Partner aufkündigte,
rief dieser ein Schiedsgericht an. Die Entscheidung von Centromin ist
sicher als politischer Ausweg zu werten, denn die Bevölkerung hat
für ihren gewaltfreien Widerstand nicht nur den peruanischen Menschenrechtspreis
2002 erhalten, sondern Aufmerksamkeit und Anerkennung national wie international.
Die Klage wurde schließlich aus Formalgründen abgewiesen und
Manhattan zog sich Anfang 2005 mit einem Verlust von 60 Millionen US-$
aus dem Projekt zurück. Peru wurde insgesamt von Manhattan wegen
des stärker werdenden Widerstandes aus der Bevölkerung als Bergbaustandort
ausgeschlossen. Man konzentriert sich stattdessen auf die Türkei
und benannte gleich das Unternehmen in Mediterranian Minerals Corporation
um ...
Yanacocha:
Goldmine der Superlative
Die größte
Goldmine Lateinamerikas wurde 1994 in der nördlichen Provinz Cajamarca
in Betrieb genommen. "Yanacocha" bedeutet auf Quechua "schwarzer
See", doch dieser ist dem offenen Tagbau längst zum Opfer gefallen.
Die Grubenaktivitäten erstrecken sich heute auf eine Fläche
von mehr als 150 km² auf einer Seehöhe von 38004200
m! Yanacocha gilt mit durchschnittlich 0,92 g Gold pro Tonne Erzgestein,
das mittels Zyanidlaugerei herausgelöst wird, als profitabelste Goldmine
der Welt. Mehrheitsaktionär ist die US-amerikanische Newmont Mining
Corporation, der größte Goldminenbetreiber der Welt. Beteiligt
sind weiters eine peruanische Gruppe und die IFC, eine Weltbanktochter.
Bald nach Betriebsbeginn gab es eine Reihe von Klagen von Campesinos,
die sich beim Abkauf ihres Landes übervorteilt sahen. Wasserläufe
begannen zu versiegen, verschlammten und das Wasser gewann einen fauligen
Beigeschmack. Fische verschwanden.
Die Wende
Zum endgültigen
Vertrauensbruch führte im Juni 2000 ein Leck bei einem Straßentransport
von Quecksilber, das bei der Cyanidlaugerei anfällt und weiterverkauft
werden sollte. Zirka 150 kg des hochgiftigen, flüssigen Metalls liefen
auf einem 40 km langen Teilstück der Panamericana aus. Die Bevölkerung,
vor allem Kinder, sammelte die wertvoll aussehende, weil glänzende
Substanz meist mit bloßen Händen auf. Das rasche Angebot der
Mine, für die Aushändigung des Quecksilbers zu bezahlen, steigerte
noch den Sammeleifer und war in dieser Hinsicht fatal.
Mittlerweile sind 1.500 Einwohner des Dorfes Choropampa von chronischen
Gesundheitsfolgen betroffen. Es wird von Migräne, Erblindung, Hautkrankheiten,
Anämie, Spontan-Aborten, neurologischen Erkrankungen und Missbildungen
bei Säuglingen berichtet.
Die bisher größte Mobilisierung löste 2004 der Konflikt
um den Cerro Quilish aus. Die Minengesellschaft wollte dort eine Erweiterung
der Grube, da Metalle im Wert von einer Milliarde Dollar vermutet wurden.
Für die Campesinos hat der Berg eine besondere Bedeutung, da ihm
wichtige Wasserquellen entspringen.
Mit der beginnenden Exploration am Cerro Quilish begann eine zweiwöchige
Belagerung der Mine durch die Bevölkerung, die zu massiven Zusammenstößen
mit der Polizei führte. Schließlich stellte sich auch die Regionalregierung
auf die Seite der Protestierenden. Ein Moratorium wurde verkündet
und ein Runder Tisch eingerichtet. Doch die Ruhe ist oberflächlich.
Die Bevölkerung stellt sich mit zunehmender Vehemenz gegen jegliche
Erweiterungspläne der Mine.
Goldgrube
für wen?
Das Misstrauen
der Cajamarquinos rührt nicht nur von den Veränderungen in der
natürlichen Umwelt her. Von den großen Versprechungen einer
breiten Hebung des Lebensstandards ist nach elf Jahren nicht viel übrig
geblieben. Im Gegenteil: Obwohl sich das Bruttosozialprodukt von Cajamarca
seit Beginn des Minenbetriebs mehr als verdreifacht hat, ist die Provinz
in der nationalen Armutsstatistik weiter zurückgefallen. So waren
1996 39% der Kinder chronisch unterernährt, 2000 waren es 43%. Mehr
als die Hälfte der Bevölkerung lebt unter der Armutsgrenze.
Yanacocha beschäftigt 8.0009.000 Personen direkt und indirekt,
aber 60.000 Menschen suchen Arbeit. Kein Wunder: Der Zuzug von Arbeitssuchenden
hat die Bevölkerung der nahen, gleichnamigen Provinzhauptstadt sich
nahezu verdoppeln lassen. Dazu kommt, dass die qualifizierten Jobs meist
von internationalem Personal besetzt sind. Gleichzeitig ist die Mine,
auch wirtschaftlich gesehen, ein Fremdkörper geblieben. Die heimischen
Klein- und Mittelbetriebe konnten nie nennenswert zu Zulieferern avancieren.
Die neuen Größenordnungen überforderten deren unternehmerische
und finanzielle Möglichkeiten.
Lässt
sich Vertrauen erkaufen?
Die Minenleitung
hat ihren Stil geändert. Mehr denn je versucht sie durch Schenkungen
an Schulen und Kliniken oder den Bau von kleinen Wasseraufbereitungsanlagen
das Wohlwollen der Bevölkerung zurück zu gewinnen. 20 Millionen
US-$ sollen dafür heuer ausgegeben werden. Die lässt es sich
schon ausgeben, wenn man bis dato Gold im Wert von sieben Milliarden Dollar
ausgebuddelt hat.
Doch der Erfolg ist ungewiss, das wissen auch die Minenbetreiber und lassen
die Grube und neue Explorationen verstärkt militärisch sichern.
Zu massiv ist der Eingriff in die Lebensgrundlagen der zunehmend selbstbewusster
agierenden Campesinos, zu offensichtlich ist die Verletzung der andinen
Kosmovision durch die klaffende Wunde des Tagbaus mit seinen Millionen
Tonnen Zyanid-belasteten Abraums, der eines nicht so fernen Tages von
den Bergbau-Ingenieuren zurückgelassen werden wird.
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Leseprobe
Die
Gier nach Gold und das "No a las minas". Multinationale Konzerne
plündern die Adern der argentinischen Kordilleren
von Cornelia
Laurin
Die Invasoren
kennen seit jeher nur ein Ziel: Das Land auszubeuten, alles wegzutragen,
was Gewinn verspricht, ohne Rücksicht auf die heiligen Stätten
der indigenen Völker, auf die erhabene Schönheit der zahlreichen
Nationalparks, der letzten Ressourcen unberührter Natur am Ende der
Welt, unbeeindruckt vom Entsetzen der Bewohner. So war es bereits vor
500 Jahren und so ist es auch heute noch, im scheinbar aufgeklärten
21. Jahrhundert. War es einst der Kolonialismus, wuchert heute der Neoliberalismus
im Zeichen der Globalisierung wie ein Krebsgeschwür. Das gleiche
Spiel unter anderem Namen.
In einer
kleinen Siedlung namens Esquel, weit abseits der Zivilisation, im Süden
Argentiniens, in einem Landstrich, der schon seit Jahrhunderten wie eine
Verheißung in den Ohren vieler Abenteurer klingt, dort im fernen
Patagonien also, zeigen die Menschen der Welt, was es heißt gewaltfreien
Widerstand zu leisten.
Sie wehren sich gegen die Umsetzung des in den 90ern fast im Geheimen
geschlossenen Paktes der menemistischen Regierung mit multinationalen
Konzernen und dem Nachbarstaat Chile, der die Anden (auf argentinischer
Seite von Jujuy bis Santa Cruz) in einen der größten Minendistrikte
der Welt verwandeln soll.
Auch im patagonischen Esquel soll nur sechs Kilometer außerhalb
der Stadtgrenze eine 2.100 Meter lange, 500 Meter breite und 180 Meter
tiefe Wunde in den Boden gerissen werden. Die zukünftige Goldmine
des multinationalen kanadischen Unternehmens Meridian Gold IMA Exploration
Inc. Mit Unterstützung der provinzialen und nationalen Regierung
soll dort im "effizienten" Tagebau argentinisches Gold aus dem
Gestein gelöst und damit der bisher auf den Ökotourismus ausgerichteten
Region ein ungebetener wirtschaftlicher Aufschwung beschert werden.
Die anvisierte Abbaumethode hätte in den industrialisierten Ländern
keine Chance auf Verwirklichung. Um das Gold aus dem übrigen Gestein
zu lösen, wird mit dem hochtoxischen Zyanid gearbeitet, eine Abbaumethode,
die schon an vielen Orten der Erde ökologische Desaster verursacht
hat. Schon die Menge in der Größe eines Reiskornes ist für
den Menschen tödlich. Um sechs Kilogramm Gold zu lösen, wird
eine Tonne Zyanid benötigt.
Bereits in geringen Mengen löst die giftige Substanz zahlreiche chronische
Krankheiten und Mißbildungen bei Embryos aus. Zyanid löst neben
Gold und Silber unter anderem auch Arsen und Quecksilber aus dem Gestein,
eine wahrlich effiziente Abbaumethode, mit der so ganz nebenbei auch noch
das Grundwasser verseucht und auch die Atemluft kontaminiert wird, und
das für Jahrhunderte.
Seit dem Jahr 2001 organisieren die Bewohner von Esquel den Widerstand.
In Form von Petitionen, in Form von Protestmärschen, sie verbreiten
die Informationen über das Internet, dokumentieren die Geschehnisse.
Von überall kommen die Menschen angereist, um die 30.000 Widerständler
bei ihrem "No a las Minas!" zu unterstützen. Im März
vorigen Jahres stimmten die Menschen in Esquel mit 81% in einer Volksbefragung
gegen den wirtschaftlichen Fortschritt durch einen Goldminenbetrieb. Sie
erreichten damit zwar einen zeitweiligen Stop, doch dessen ungeachtet
gehen die Vorbereitungsarbeiten zur Minenerschließung bereits weiter.
Hektarweise wurden Lengawälder abgeholzt und der Boden analysiert.
Mittlerweile wurden allein durch die Bodenanalysen Bäche mit chemischen
Substanzen kontaminiert, und nur 35 Tage nach der erfolgten Volksabstimmung
wurden von der Provinzregierung neue Genehmigungen für zwei weitere
Minen ausgestellt, diesmal nur vier Kilometer außerhalb des Ortes.
Die Menschen fordern ihr Recht auf Selbstbestimmung. Sie wollen verhindern,
dass in den kommenden zehn Jahren täglich mit sieben Tonnen Sprengstoff
die Gegend um Esquel erschüttert wird, sie wollen verhindern, dass
täglich 1,5 Millionen Liter Trinkwasser verbraucht werden und täglich
sechs Tonnen Zyanid und viele andere toxische Substanzen den Boden, die
Luft, das Grundwasser und damit ihre Existenzgrundlage vergiften.
Seit im November 2003 in Buenos Aires das erste Treffen aller durch Minenbetriebe
betroffenen argentinischen Provinzen (Catamarca, Chubut, Córdoba,
Rio Negro, San Juan und Tucumán) realisiert wurde, besteht ein
reger Informationsaustausch zwischen den Regionen. Man nützt die
Erfahrungen der widerständischen Region Esquel, die es bisher geschafft
hat, die gewaltsame Ausbeutung bisher zu verhindern. Gemeinsame Forderungen
wurden formuliert, Einigkeit demonstriert. Die Menschen wehren sich gegen
den Ausverkauf ihrer Heimat, sie fordern eine unabhängige Kontrolle,
um die Kontamination durch bereits bestehende Minen zu erfassen, sie fordern
den ihnen zustehenden Schutz durch den Staat, die Offenlegung aller Informationen
rund um die Minenprojekte und die Garantie einer wahrheitsgemäßen
durchschaubaren Information. Ebenso wurde über die Landesgrenzen
hinaus auch eine Verknüpfung mit anderen betroffenen Ländern
wie beispielsweise Peru und Kolumbien initiiert.
Öko-Terrorismus nennen die örtlichen Direktoren der Mine den
Aktionismus der Esqueler Bevölkerung, um die Verwirklichung der Goldmine
mit ihren drei Standorten zu verhindern. Dabei sollte doch dieser lediglich
auf Tourismus ausgerichteten Region ein wirtschaftlicher Aufschwung beschert
und sollten mit der Inbetriebnahme der Goldmine 300 Arbeitsplätze
geschaffen werden. Die Multinationalen versuchten die Bewohner umzustimmen,
zuerst nach alter Manier mit Geschenken und Einladungen zu traditionellen
Festen immerhin ist ein großer Teil der Widerspenstigen indigener
Abstammung dann, als sich diese List als nutzlos herausstellte,
mit gezielter Desinformation, mit Gegenstudien, mit Enteignungsandrohungen
für nicht verkaufswillige Grundbesitzer, und seit kurzem erreichen
die Widerständler sogar Morddrohungen.
Die Einwohner von Esquel begannen sich zu fragen, welchen Interessen sie
wohl in die Quere gekommen sind. Und die Recherchen brachten folgende
Ergebnisse:
1. Der multinationale Konzern legte einen Abbauplan auf den Tisch, der
in zehn Jahren Gold im Wert von 2.500.000.000 Dollar verspricht, das abzubauende
Silber noch nicht mit eingerechnet.
2. Ein unter der menemistischen Regierung beschlossenes Gesetz verpflichtet
einen privaten Minenbetreiber zu einer Zahlung von maximal 3% des Wertes
des abgebauten Metalles. In der Provinz Chubut sind es lediglich 2%, jedes
Land hat seine eigenen Bestimmungen. Laut Esqueler Berechnungen wären
das 40 Millionen Dollar, die im Lande verblieben.
3. Doch da gibt es noch eine andere Bestimmung. Um den Export aus dem
entlegenen Patagonien zu fördern, muss der argentinische Staat 5%
an den Exporteur zurückerstatten. Das sind bei 2.500 Millionen Dollar,
125 Millionen und abzüglich der oben berechneten 40 Millionen bedeutet
das: Die argentinischen Steuerzahler würden in diesem Fall Meridian
Gold 85 Millionen Dollar bezahlen, damit der multinationale Konzern die
argentinischen Kordilleren plündert und Gold im Wert von 2500 Millionen
außer Landes schafft. Ein feines Geschäft!
"SOS Esquel, necesitamos su ayuda!" wir brauchen
Ihre Hilfe, schreit das kleine Dorf in den Tiefen Patagoniens durch die
internationalen Netze des Internets und hofft, die Aufmerksamkeit der
Welt auf sich zu ziehen. www.noalamina.i8.com oder www.esquelonline.com/~noalamina/sos.htm
bietet Informationen in Englisch und Spanisch über den Kampf des
kleinen patagonischen Ortes gegen die Finanzmacht der Welt.
Schon prophezeien internationale Finanzverbände wie z. B. die Weltbank,
dass Argentinien innerhalb der nächsten 25 Jahre unter den fünf
Ländern mit den besten Investionsmöglichkeiten im Minensektor
zu finden sein wird.
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Nicaragua:
Von der Landreform zur Gegenreform
von Ralf
Leonhard
Die von den
Sandinisten während ihrer Regierungszeit durchgeführte Landreform
konnte ihre Wahlniederlage im Jahr 1990 nicht verhindern. Die unter Arnoldo
Alemán voll einsetzende Gegenreform führte zu neuer Landkonzentration
und zugleich zu steigender Abhängigkeit von Lebensmittelimporten.
Für Kleinbauern, die sich in Kooperativen zusammengeschlossen haben,
bietet der faire Handel einen der wenigen gangbaren Auswege.
"Wir
hatten das Gewehr in der einen Hand, die Machete für die Arbeit in
der anderen und den Patronengürtel um den Leib", erinnert sich
Mercedes Chavarría. Er stand früher der Genossenschaft von
La Posolera vor. Ein für die nördliche Bergregion typischer
weißer Cowboyhut gibt seinem furchigen Gesicht einen verwegenen
Ausdruck. Einmal überrannten die antisandinistischen Contras das
Dorf, dann vernichtete der Hurrikan Joan 1988 Trinkwasseranlage und Stromleitungen.
Dann kamen die Wahlen 1990 und mit der bürgerlichen Regierung neue
Spielregeln. Genossenschaftsland konnte jetzt parzelliert und verkauft
werden. Da die meisten das Arbeiten im Kollektiv satt hatten, beschlossen
sie, Land und Vieh aufzuteilen. "Auf jeden entfielen gerade zwei
Hektar", erzählt Mercedes Chavarría. Das war zu wenig.
Also zogen die meisten Genossenschafter weg und verkauften ihr Land weiter.
Er selbst wollte mit seinen damals fünfzig Jahren und den dreizehn
Kindern nicht noch einmal weg und von vorne anfangen. "Ich habe zwölf
Hektar dazugekauft. Zuletzt waren von der ursprünglichen Genossenschaft
nur mehr fünf übrig. "
So wie der Genossenschaft im entlegenen Waslala ist es vielen Kooperativen
während der Regierung von Arnoldo Alemán (19972002)
gegangen. Sie waren den neuen Zeiten wirtschaftlich nicht mehr gewachsen
und lösten sich auf. Das war möglich, weil per Gesetz das bis
dahin unveräußerliche Genossenschaftsland parzelliert und verkauft
werden konnte. Die Regierung half eifrig nach, indem sie die Subventionen
für agrarische Inputs strich und die Nationale Entwicklungsbank anwies,
die Kredite fällig zu stellen. Die für Agrarkredite zuständige
Bank wurde dann aufgelöst. Seither sind Produzenten auf die Privatbanken
angewiesen, und die arbeiten außerhalb der Städte fast ausschließlich
mit Großkunden.
Experten schätzen, dass von den rund zwei Millionen Hektar Landes,
die sich Mitte der 90er Jahre in den Händen von Klein-, Mittelbauern
und Agrargenossenschaften befanden, zwischen 350.000 und 400.000 verloren
gegangen sind. Sandinistische Bauernvertreter sprechen von einer Gegenreform,
die unter Alemán begonnen habe und von Präsident Enrique Bolaños
fortgesetzt werde.
Die Sandinistische
Agrarreform
Die Umverteilung
von landwirtschaftlich nutzbarem Land zählte zu den Versprechen,
die die siegreichen Sandinisten nach der Vertreibung von Diktator Anastasio
Somoza im Juli 1979 am dringlichsten einzulösen hatten. Durch drei
Dekrete (3, 38 und 329) wurden die Ländereien der Familie Somoza
und deren engster Gefolgsleute beschlagnahmt. Damit verfügte die
Revolutionsregierung immerhin über ein Fünftel des Acker- und
Weidelandes. Diese Latifundien wurden zunächst nicht verteilt, sondern
größtenteils als Staatsfarmen (Area Propiedad del Pueblo) organisiert,
da die Sandinisten das exportorientierte Landwirtschaftsmodell beibehalten
wollten, um den Devisenfluss nicht zu unterbrechen. Ein Teil wurde an
Genossenschaften vergeben, die sich mit wenigen Ausnahmen erst zusammenschließen
mussten. Auch sie blieben bei den Exportmonokulturen, wie Baumwolle, Kaffee
oder Zucker, die damals noch relativ gute Preise auf dem Weltmarkt erzielten.
In wenigen Jahren fanden also gewaltige Umwälzungen statt. Nach offiziellen
Daten existierten vor dem Sturz Somozas 42 landwirtschaftliche Genossenschaften
mit insgesamt 9270 Mitgliedern. Ende der 80er Jahre hatte sich diese Zahl
auf 3252 Kooperativen erhöht und die Anzahl der Mitglieder war um
85.607 angewachsen. Nur zehn Prozent davon waren Frauen. 1991 erreichte
laut einer Statistik der Nationalen Entwicklungsbank die von Genossenschaften
bewirtschaftete Fläche einen Anteil von 21% des Acker- und Weidelandes.
Favorisiert wurde die sogenannte Cooperativa Agraria Sandinista, eine
Kopie der sowjetischen Kolchose, in der nicht nur gemeinsam eingekauft
und vermarktet wurde, sondern das Land in unveräußerlichem
Kollektiveigentum stand. Das Land war weder veräußerlich noch
vererbbar. Abgesehen von kleinen Gemüsegärten hinter dem Haus
gab es keine Privatparzellen. Gerade diese Zwangskollektivierung scheiterte
politisch, weil sie den von der Revolution postulierten "neuen Menschen",
der den Eigennutz zugunsten des Gemeinwohls zurückstellte, schon
voraussetzte.
Die Agrarproduktion genoss hohe Priorität. Allerdings wurde das Heil
in der Mechanisierung der Großproduktion gesehen. Ideen nachhaltiger
und kleinräumiger Wirtschaft mit angepasster Technologie, die von
wohlmeinenden NGOs an die Sandinisten herangetragen wurden, erhielten
als "rückwärtsgewandte" Projekte eine schroffe Abfuhr.
Es wurden im großen Stil Traktoren und Agrarmaschinen aus der Sowjetunion
und anderen COMECON-Staaten importiert, man forcierte die mechanisierte
Milchwirtschaft, die künstliche Beregnung von Zucker und Reis und
setzte den seit den 50er Jahren üblichen großflächigen
Einsatz von Kunstdünger und chemischen Pestiziden fort. Diese wurden
so billig angeboten, dass kein Bauer auf die Idee kam, mit den Giften
sparsam umzugehen. Dasselbe traf auf die Traktoren zu, deren fahrlässig
schlechte Wartung bald einen Friedhof von Technologiekadavern hervorbrachte.
Erst als die Konterrevolutionäre unter den Campesinos des Nordens
ihre Rekruten nicht mehr ausschließlich durch Zwang gewannen, vollzog
die Regierung einen Schwenk und begann mit der Verteilung von kleinen
Parzellen an Kleinstbauern und Landlose. So wuchs das an Privatbauern
verteilte Land von 8% in den Jahren 1981 bis 1984 auf 24% in der zweiten
Hälfte der 80er Jahre. Der Anteil der Latifundien sank gleichzeitig
von 36 auf zwölf Prozent. Allerdings erzeugte die kriegsbedingte
Umsiedlung Tausender Campesino-Familien ab 1985 neuerlich böses Blut.
Genossenschaften mussten Mitglieder für den Kampf abstellen und konnten
die Produktion nur in geringem Umfang aufrecht erhalten. Der Anspruch,
jedem neuen Landeigentümer auch ausreichend Beratung, Kredite und
Werkzeug zu verschaffen, konnte immer weniger eingelöst werden.
Trotzdem konnten während der sandinistischen Dekade insgesamt 111.833
von an die 140.000 Familien, die Land begehrten, eine Parzelle bekommen.
Grundbuchsfähige Titel konnten aber die wenigsten vorweisen. Der
hieb- und stichfesten legalen Absicherung der Übertragungen wurde
von Seiten der Revolutionsregierung nicht die nötige Bedeutung beigemessen.
Schließlich rechnete kaum einer damit, dass man die Wahlen 1990
verlieren würde. Und verloren wurden sie in großem Ausmaß
auf dem Land. Während die FSLN in den städtischen Gebieten immerhin
durchschnittlich 44,2 Prozent der Stimmen holte, waren es auf dem Land
nur 36.3%. Das lag zum Teil daran, dass die Bauern in besonderem Maße
die Last des Krieges zu tragen hatten und die Genossenschaften bevorzugtes
Ziel von Contra-Attacken waren, zum Teil konnten sich die Ideen der Revolution
unter der aufgeklärteren Stadtbevölkerung leichter durchsetzen
als unter den konservativen, von der konservativen Katholischen Kirche
geprägten Bauern. Die Agrarreform hatte zwar die feudale Struktur
Nicaraguas nachhaltig gebrochen, doch politisch hatte sie sich für
die Sandinisten nicht gelohnt.
1995 waren die Besitzer von 47 Prozent des landwirtschaftliche nutzbaren
Landes nicht mit Eigentumstiteln abgesichert. Vielmehr hofften die enteigneten
Landherren nach der politischen Wende auf eine rasche Restitution. Vor
Ende der Regierung Violeta Barrios de Chamorro waren nicht weniger als
7185 Rückstellungsklagen anhängig. Sie betrafen ein Viertel
des Landes und sorgten für Unruhe unter den Campesinos. Letzten Endes
blieb die Naturalrestitution aber die Ausnahme. Auch unter den konservativen
Regierungen war die Vertreibung von Campesinos politisch nicht durchsetzbar.
Leichter war es, die Alteigentümer, von denen sich viele längst
in den USA niedergelassen hatten, in Geld abzufinden. Für jene, die
ihre Finca einst hochverschuldet zurückgelassen hatten, war das ein
blendendes Geschäft, denn sie wurden für ein Grundstück
entschädigt, das sie längst an die Bank verloren hatten.
Unter der Chamorro-Regierung wurde die Landverteilung nach einer Unterbrechung
von zwei Jahren zunächst fortgesetzt. Die Ansiedlung von 20.000 Contras
und die drastische Verkleinerung der Armee musste mit Landgeschenken an
Rebellen und Soldaten erkauft werden. Und auf jede neue Welle von Aufständen
wiederbewaffneter Contras (Recontras) oder Soldaten (Recompas) folgten
neue Titelvergaben. Dabei wurde die Agrargrenze immer weiter zu Lasten
der Primärwälder verschoben. Die ehemaligen Staatsfarmen wurden,
angeleitet von der sandinistischen Landarbeitergewerkschaft ATC, als Area
Propiedad de los Trabajadores (APT) zu einem großen Prozentsatz
von den dort lebenden Arbeitern übernommen.
Liberale
Gegenreform
Während
die von einer breiten Allianz getragene Chamorro-Regierung sich als Übergangsinstrument
verstand und marktliberale Reformen mit der Beibehaltung der staatlichen
Sozialverantwortung verband und dank des großen Einflusses der Sandinisten
verbinden musste, trat der Liberale Arnoldo Alemán an, soviel wie
möglich an sozialistischen Reformen zurückzudrehen. Es bedurfte
keiner brutalen Enteignungen, um dem Genossenschaftssystem sandinistischen
Typs den Todesstoß zu versetzen. Ein Gesetz, das die Parzellierung
und nach einer Übergangsfrist den Verkauf des Kollektivlandes
erlaubte, führte binnen kurzer Zeit zur Neustrukturierung des Landeigentums.
Wenn jeder plötzlich seinen eigenen Grund bewirtschaften muss, steigen
auch die Kosten. Jeder braucht sein Haus, eigenen Strom- und Wasseranschluss.
Da zogen es die meisten vor, schlecht zu verkaufen, als die Mühen
und Kosten der Erschließung auf sich zu nehmen. So wuchs einerseits
der Anteil der Kleinbauern, andererseits begann eine neue Landkonzentration.
Der Präsident selbst, der seinen Landbesitz durch eine Anzahl von
Schnäppchenkäufen zu mehren verstand, war einer der Hauptprofiteure
der Agrarwende.
Gleichzeitig vollzog die ATC eine Wende und besann sich auf die früher
verpönte nachhaltige Landwirtschaft. Angepasste Technologie und organisches
Wirtschaften wurden als Mittel der Überlebensstrategie erkannt. Unter
dem Druck des liberalisierten Marktes erkannten auch immer mehr Campesinos,
dass sie sich einer Genossenschaft anschließen mussten, wollten
sie sich aus der Abhängigkeit von den Zwischenhändlern, die
sich ihren Vorschuss teuer bezahlen lassen, befreien. Der faire Handel
und von europäischen NGOs geförderte Projekte haben vielen nicaraguanischen
Bauern neue Perspektiven eröffnet. Denn die Regierungspolitik fördert
nur vor allem exportorientierte Großproduktion.
Doch nicht einmal die durch Kredite, Straßen und Bewässerung
geförderten Monokulturen sind heute rentabel. Orlando Núñez,
der große Vordenker sandinistischer Agrarpolitik, erklärt,
dass die Zuckerproduzenten beim Export jedes Zentners acht Dollar verlieren,
die Kaffeebauern zehn Dollar pro Sack. Er sieht den einzigen Ausweg in
der Reorientierung der Agrarproduktion auf den Binnenmarkt. Grundnahrungsmittel
haben im Inland einen besseren Preis als im Export. Denn Nicaragua ist
heute in hohem Maße von Lebensmittelimporten abhängig. Selbst
Bohnen müssen im Ausland gekauft werden. Derzeit haben Agrarproduzenten,
wenn sie auf sich selbst gestellt sind, kaum Perspektiven. Und wenn sie
ihre Parzelle aufgeben, dann ziehen sie nicht mehr in die Stadt, sondern
suchen gleich den Weg in die Emigration.
Mercedes Chavarría muß nicht auswandern. Er hat in seiner
Kakaogenossenschaft in Waslala ein Stück Revolution wiedergefunden.
Jetzt ist es nicht der Staat, der sein Produkt zu garantierten Preisen
abnimmt, sondern der deutsche Schokoladenfabrikant Ritter, der den Rohstoff
zu Bedingungen des fairen Handels importiert. Das Wachstum der Kooperative
beweist, dass die Revolution in den Köpfen vielleicht jetzt erst
richtig beginnt.
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