Archiv Ausgabe Nr.1* Februar 2006* 31. Jahrgang

Umbruch in Bolivien

Am 22.Jänner wurde Evo Morales in La Paz als Boliviens erster demokratisch gewählter indigener Präsident vereidigt. Aus den Wahlen vom 18. Dezember war der Kokabauer und Gewerkschaftsführer als Kandidat der MAS (Bewegung zum Sozialismus) mit 54% der Stimmen als klarer Sieger hervorgegangen. Eine der vordringlichen Aufgaben der neuen Regierung besteht darin, dafür zu sorgen, dass die Ausbeutung der Bodenschätze in Zukunft zur Überwindung der Armut beiträgt. Nicht weniger bedeutend wird die Ausarbeitung einer neuen Verfassung sein, die allen Bevölkerungsschichten die politische Teilnahme ermöglicht und dem drohenden Auseinanderbrechen des Landes entlang sozialer, ethnischer oder regionaler Konfliktlinien einen Riegel vorschiebt.

 

Schwerpunktthema Umbruch in Bolivien

Analyse & Hintergund


Inhaltverzeichnis Nr.1 2006

Schwerpunktthema: S.2: Bolivien hat gewählt: Evo Presidente von Robert Lessmann; S.4: Evo Morales ein Portrait von Robert Lessmann; Revolution per Stimmzettel von Robert Lessmann; S.6: Ein solides Mandat von Robert Lessmann; S.7: Neues Zeitalter? von Robert Lessmann;S.8 Nach der Party: Quo Vadis Bolivia? von Robert Lessmann; S.10: Neue Chancen in der Weltwirtschaft von Viktor Sukup

Aktuelles: S.11: Peruanischer Chávez in Sicht? Von Jürgen Kreuzroither; S.13: Ecuador: Erdöl fördert Elend und Krebs; S.14: Shiwa Yacu. Ein Kampf um die Anerkennung indigener Landrechte in Ecuador von Viva Amazonia; S.15: Brasilien: Politische Impressionen von Hermann Dworczak

Analyse & Hintergrund: S.16: Zuckermarktreform für Agrarbusiness von Rudolf Remler-Schöberl; S.17: Venezuela: Widerstand gegen die Logik der Globalisierung von Steve Ellner; S.21: Mexiko: Die andere Kampagne der Zapatisten von David Hradetzky;

Aktion und Service: S.22: Kurznachrichten; S.24: Medienkritik: Neoliberaler Standard von Jens Peter kastner; S.26: Buchbesprechungen: Jahrbuch Lateinamerika. Analysen und Berichte, Band 29: Neue Optionen lateinamerikanischer Politik; Dieter Boris et al: Lateinamerika: Verfall neoliberaler Hegemonie; S.27: Global Fire, eine Bilanz von Lucia Mennel; S.27: Splitter, Termine


Leseprobe

Evo Presidente!

von Robert Lessmann


Der neue Präsident Boliviens heißt Evo Morales. Das ist in mehrfacher Hinsicht eine Revolution. Ein halbes Jahrtausend nach der Conquista wird Morales der erste Indígena an der Spitze seines Landes sein. Er ist der klare Sieger einer Wahl, deren regulärer Termin das Jahr 2007 gewesen wäre. Aber eine Volksbewegung, die zwei Präsidenten stürzte, erzwang diese Neuwahlen. Morales und seine Partei MAS(1) gingen aus diesen Wahlen mit einem historischen Sieg hervor: 54% der Stimmen, absolute Mehrheit, 25 Prozentpunkte Vorsprung vor dem Zweitplatzierten. Ein derart klares Votum hat es in der Geschichte Boliviens noch nie zuvor gegeben. Eine Revolution mit dem Stimmzettel!

Der diesen eindrucksvollen Wahlsieg erzielte, ist das personifizierte Stigma der bolivianischen Politik: Als "Streikprofi, Kokabauer und Marxist", portraitierte ihn eine große österreichische Zeitung. Da war – zwei Tage nach den Wahlen – bereits ziemlich klar, dass er der neue Präsident sein würde. Die europäischstämmigen politischen und wirtschaftlichen Eliten des Andenlandes scheuten ihn, wie der Teufel das Weihwasser. Sein nunmehr abgeschlagener neoliberaler Gegenkandidat Jorge "Tuto" Quiroga stellte ihn im Wahlkampf als Förderer des Drogenhandels dar. Für die ausländische Kooperation war er bestenfalls ein linksradikaler Populist und Unruhestifter. Man wollte nichts mit ihm zu tun haben.
Wegen seiner Forderung, den Kokaanbau zu entkriminalisieren, war er für die US-Amerikaner der gehörnte Teufel der bolivianischen Politik schlechthin. Sie überzogen ihn mit Gerüchten über Verwicklungen ins Drogengeschäft. Auch der Autor dieser Zeilen musste sich von wohlmeinenden Gesprächspartnern warnen lassen, wer mit Morales spreche und Interviews mache, laufe Gefahr, am Ende selbst noch in Chonchocoro zu landen, dem Spezialgefängnis für Kokainbosse außerhalb von La Paz. Die US-Botschaft sprach von Erkenntnissen ihrer "Dienste". Was die mitunter wert sind, weiß man seit Colin Powells Auftritt vor den Vereinten Nationen in Sachen irakischer Massenvernichtungswaffen. Nie wurden Beweise gegen den Bauernführer präsentiert, nie auch nur Anklage erhoben. Indes: Politische Stiftungen luden ihn auf Druck ihrer Botschaften nicht zu ihren Diskussionsveranstaltungen ein, ja luden ihn sogar wieder aus, selbst nachdem er bei den letzten Wahlen vom Juni 2002 auf Anhieb 20,96% der Stimmen erhalten hatte und damit schon damals in die Stichwahl um das Präsidentenamt gekommen war.

Revolution mit dem Stimmzettel
Mit Morales wurden auf diese Weise weite Teile der ländlichen und indianischen Bevölkerung ausgegrenzt, stigmatisiert und beleidigt. Das Wahlergebnis ist auch eine schallende Ohrfeige für die Arroganz und die politische Blindheit, die in dieser Haltung stecken. Dieselbe Blindheit, mit der man jahrelang den peruanischen Präsidenten Alberto Fujimori hofiert und unterstützt hat, bevor der sich – noch amtierend – im Herbst des Jahres 2000 nach Japan absetzte. Heute sitzt er aufgrund eines internationalen Haftbefehls in einem chilenischen Gefängnis; seine rechte Hand, Vladimiro Montesinos, steht in Lima vor Gericht – unter anderem wegen Menschenrechtsverbrechen, Waffenschieberei und Kokaingeschäften!
Fragt man die Menschen auf dem Lande, warum sie Evo Morales gewählt haben, so bekommt man meistens zur Antwort: "Weil er einer von uns ist!" Der Erdrutschsieg der MAS ist ein Aufschrei jener Nación Clandestina, die der bolivianische Filmemacher Jorge Sanjinés in seinem gleichnamigen Film beschreibt. Das stets ausgeblendete, marginalisierte, geringgeschätzte und unterdrückte, das indigene und das arme Bolivien! Die Mehrheit! Das Wahlergebnis drückt einen Zusammenstoß der Kulturen aus. Indianische Bevölkerungsmehrheit gegen westlich orientierte Eliten, arm gegen reich, Hochland gegen Tiefland.
Das ist als Erklärung zu einfach gestrickt, mag man einwenden. Zurecht! So eindeutig verlaufen die Grenzen nun auch wieder nicht. Die ethnisch-kulturelle und die soziale Frage haben sich politisch fusioniert. Die MAS ist ein Schmelztiegel der Unzufriedenen. Aber diese bestehende, grundsätzliche sozio-kulturelle Polarisierung weiter zu verdrängen und nur nach einem westlichen Schema der Klassengegensätze zu sehen, wäre fatal. Der bolivianische Nationalstaat ist für weite Teile der Bevölkerung eine Fiktion geblieben. Bolivien braucht einen Dialog der Kulturen, um ein Auseinanderbrechen zu vermeiden. Das fulminante Wahlergebnis der MAS stattet den neuen Präsidenten mit dem entsprechend soliden Mandat aus, damit er einen Dialog der Kulturen moderieren kann. Ob er dazu auch tatsächlich in der Lage ist, muss sich zeigen. Die für Juli angesetzte Verfassunggebende Versammlung (Constituyente) wäre der Rahmen, um auch inhaltlich Ernst zu machen mit dem Postulat der alten Verfassung: Bolivien sei pluri-ethnisch und multikulturell.
Noch vor wenigen Jahren wurde Bolivien als Musterland der Reformen bezeichnet. Heute gilt es als Land an der Grenze zur Unregierbarkeit. Die neoliberale Strukturanpassung von Mitte der 1980er Jahre beseitigte die Hyperinflation und schuf stabile makro-ökonomische Rahmendaten. Doch das Wirtschaftswachstum blieb hinter den Erwartungen und Erfordernissen zurück. Die Handelsbilanz ist chronisch defizitär. Die Kaufkraft eines Mindestlohns ging zwischen 1982 und 1990 um 70% zurück. Jeder siebente Bolivianer muss mit weniger als einem US-Dollar am Tag auskommen und es herrscht krasse Ungleichheit: Auf die ärmsten 10% der Bevölkerung entfallen 1,3% von Einkommen und Konsum, den reichsten 10% kommen 32% zu. Die Grenzen zwischen arm und reich decken sich weitgehend mit den ethnischen Trennlinien.
Andererseits wurde Bolivien zum Hätschelkind der internationalen Entwicklungshilfe: Ausländische Hilfen entsprechen zwischen acht und zehn Prozent des Bruttoinlandsprodukts und finanzieren praktisch 100% der öffentlichen Investitionen. Und zum Experimentierfeld: Mit einem ehrgeizigen Projekt sogenannter neoliberaler Reformen der zweiten Generation (weitere Privatisierungen, Verwaltungsreformen, Bildungsreform u.a.m.) versuchte man Mitte der 1990er Jahre, das Modell zu modernisieren. Doch die Reformen waren großteils von ausländischen Entwicklungsagenturen konzipiert und von der Regierung relativ unsensibel von oben nach unten durchgesetzt worden. Die Bevölkerung reagierte skeptisch bis ablehnend. Zweimal musste im Jahr 1995 zu ihrer Durchsetzung der Ausnahmezustand verhängt werden.
Warum wir hier so ausführlich darauf eingehen, hat einen plausiblen Grund, der der internationalen Gemeinschaft und den Vordenkern dieser Reformen zu denken geben sollte: Noch deutlicher als der Wahlsieg von Evo Morales ist der Abgesang des neoliberalen Modells ausgefallen: Die politischen Träger des außengesteuerten Reformprozesses in Bolivien sind von der Bildfläche verschwunden. Das traditionsreiche Movimiento Nacionalista Revolucionario (MNR), die Partei der Revolution von 1952, der neoliberalen Strukturanpassung von 1985/86 und der neoliberalen Reformen der zweiten Generation von Mitte der 90er Jahre, bekam noch 6%. Die anderen haben schlicht aufgehört zu existieren!
Allenthalben hört man nun Hinweise auf die großen Herausforderungen, vor denen die neue Regierung steht. Oft sind es ausgerechnet die Träger, Vordenker und Trittbrettfahrer des alten Modells, die nun vor Staatsinterventionismus, vor Nationalisierungen, vor einer Kokafreigabe, vor diesem und vor jenem warnen. In der Tat: Die Herausforderungen sind groß und komplex – und es wird hier auch noch davon die Rede sein. Zuallererst sollte man aber das Wahlergebnis als solches zur Kenntnis nehmen, respektieren und genau analysieren, was es bedeutet – gerade auch im Hinblick auf die eigene Politik oder Nicht-Politik, die man in der Vergangenheit gemacht oder unterstützt hat.

(1) Movimiento al Socialismo – Instrumento Político para la Soberanía de los Pueblos, Bewegung zum Sozialismus – Politisches Instrument für die Souveränität der Völker

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Leseprobe

Revolution per Stimmzettel

von Robert Lessmann


Das Ausmaß des Wahlsieges der MAS hat historische Dimensionen. Trotz gewisser Einschränkungen gilt: Sie ist aus diesen Wahlen als die mit Abstand stärkste politische Kraft hervorgegangen.

Unlängst (am 5.12.2005) konnten die Zuseher der US-amerikanischen Dokumentation "Der gelenkte Präsident" in ARTE verfolgen, wie Polit-Berater der Firma GCS (Greenberg, Carville and Shrum) den alternden Ex-Präsidenten Gonzalo Sánchez de Lozada im Jahr 2002 noch einmal zum Wahlsieg führten: Mit ausgeklügelten Botschaften an ausgesuchte Wählerzielgruppen, treffgenauen Kampagnen gegen politische Gegner, dynamischen Fernsehspots – selbst die Farbe von "Gonis" Oberhemd bestimmte GCS. Zu sehen war auch der spätere Zweitplatzierte, der junge Bauernführer Evo Morales, wahlweise im karierten Hemd oder im abgetragenen Pullover, ernst, manchmal etwas unbeholfen, dicht bedrängt von Reportermikrophonen, stets ohne die fähnchenschwenkenden Politgroupies seines Gegners auskommend.
Bereits sechs Monate nach "Gonis" Amtsantritt war Bolivien von schweren Unruhen gelähmt. Es kam zu einem Schusswechsel zwischen Polizei und Militär vor dem Präsidentenpalast und Tagen der Anarchie in La Paz. Die Dokumentation zeigt auch das ungläubige Entsetzen der GCS-Spin-Doctors darüber. Was sie nicht zeigt: Es gibt glaubwürdige Berichte, wonach während dieser Februarunruhen von 2003 ein vierköpfiges US-Militärkommando im Generalstab der bolivianischen Streitkräfte die Fäden zog, um "Goni" an der Macht zu halten – und Evo Morales von ihr fern. Im Oktober 2003 wurde "Goni" von einem Volksaufstand aus dem Amt getrieben und aus dem Land. Im Mai 2005 trat auch sein Nachfolger Carlos D. Mesa zurück.
Nun ist Evo Morales doch Präsident. Aus den Wahlen vom 18. Dezember ging er mit 54% der Stimmen als klarer Sieger hervor. Und der Sieg hat historische Dimensionen. Nie zuvor in der Geschichte des demokratischen Bolivien gab es ein so klares Ergebnis. Das bislang beste erzielte "Goni" Sánchez de Lozada im Jahr 1993 mit 35,5%. Der Zweitplatzierte bei den aktuellen Wahlen, Jorge "Tuto" Quiroga, liegt um 25 Prozentpunkte zurück. Die bolivianische Politik war stets von Kopf-an-Kopf-Rennen bestimmt. Bei den letzten Wahlen lagen die drei führenden Parteien bei jeweils um die 20%. Das beinhaltete den Zwang zu Koalitionsbildungen, oft über ideologische Grenzen und alte Feindschaften hinweg. Während man dies im Ausland als Zeichen für demokratische Reife und Stabilität ansah, wurde es von den Bolivianerinnen und Bolivianern zunehmend als "Packelei" kritisiert und führte zu einem Glaubwürdigkeitsverlust der politischen Parteien. Nunmehr gibt es ein glasklares Mandat für einen Wandel. Abgesehen von den großen Herausforderungen, die auf die neue Regierung zukommen: Unter politologischen Gesichtspunkten ist es ein Zeichen für Stabilität. Dies umso mehr, als die Wahlverlierer den Erfolg ihres Gegners sofort anerkannten und Zusammenarbeit anboten. Die Spitzenkandidaten der drei führenden Parteien sind alle um die Mitte 40 – ein Generationswechsel hat in der bolivianischen Politik stattgefunden. Inwieweit diese Stabilität von Dauer sein kann, muss sich zeigen, gerade auch eingedenk der tatsächlichen Sitzverteilung im Parlament (siehe unten), die die Opposition begünstigt.
Noch klarer als der Wahlsieg der MAS fällt die Absage an die diskreditierten Altparteien und Trägerinnen des bisherigen Modells aus: Das traditionsreiche Movimiento Nacionalista Revolucionario (MNR) kam gerade noch auf 6%. "Tuto" Quiroga, Vize-Präsident unter Hugo Banzer und nach dessen Tod ein Jahr lang auch Präsident (2001/2002) trat mit einer Neugründung an, Poder Democrático Social (PODEMOS), und erreichte 29% der Stimmen. Banzers ADN existiert nicht mehr. Samuel Doria Medina, Planungsminister in der Regierung Jaime Paz Zamora, erreichte mit seiner ebenfalls neu gegründeten UN (Frente Unidad Nacional) 8%. Auch Paz Zamoras MIR (Movimiento de la Izquierda Revolucionaria) ist von der politischen Bildfläche verschwunden. Paz Zamora konnte nicht einmal mehr das Amt des Präfekten in seinem Heimatdepartement Tarija gewinnen. Dagegen wurde Manfredo Reyes Villa zum Präfekten des Departements Cochabamba gewählt, die von ihm gegründete NFR rutschte aber unter die 3%-Marke und verlor den Parteienstatus. Das gleiche Schicksal ereilte Felípe Quispes radikal-indigenistisches Movimiento Indígena Pachacuti (MIP), das nur 2% gewinnen konnte. Für den Widersacher von Evo Morales ist dies ein Dämpfer, doch ist durchaus damit zu rechnen, dass der Drahtzieher der Proteste und Straßenblockaden auf dem Altiplano auch dem neuen Präsidenten das Leben schwer machen kann.
Komplizierter sind die Verhältnisse bei der Sitzverteilung in den beiden Kammern des Parlaments. Die MAS gewann dort mit 84 von 157 Abgeordneten eine klare absolute Mehrheit, verfügt aber nicht über eine Zwei-Drittel-Mehrheit, wie sie für einen grundlegenden Strukturwandel notwendig wäre. Über den muss, wenn überhaupt, in der für Juli angesetzten Verfassunggebenden Versammlung, Constituyente, beraten und entschieden werden. Einstweilen funktioniert das System der parlamentarischen Kontrollen. Während die MAS in der Abgeordnetenkammer mit 72 Sitzen über eine absolute Mehrheit verfügt, wird sie sich im Senat, wo sie nur zwölf von 27 Sitzen erringen konnte (PODEMOS 13, UN 1, MNR 1), Mehrheiten suchen müssen, Da die Kompetenzen beider Kammern nahezu identisch sind, könnte es theoretisch zu einer Blockade der parlamentarischen Arbeit durch die Oppositionsmehrheit im Senat kommen.
Weiter eingeschränkt wird die Machtfülle der neuen Regierung durch die Verhältnisse in den neun Departements, wo gleichzeitig die Präfekten gewählt wurden – und zwar erstmals direkt; bisher waren sie vom Präsidenten der Republik eingesetzt worden. Hier konnte die MAS nur in den Departements Oruro, Chuquisaca und Potosí den Präfekten stellen, PODEMOS-Kandidaten siegten in La Paz, Beni und Pando; in Cochabamba, Tarija und Santa Cruz siegten Kandidaten auf neu gegründeten Listen. Eine klare Persönlichkeitswahl, wie die Fälle Cochabamba und La Paz zeigen, wo die MAS zwar bei den Parlamentswahlen mit 65% und 67% den höchsten Prozentsatz an Stimmen bekam, nicht aber den Präfekten gewinnen konnte.
Das Wahlergebnis spiegelt auch die Kluft zwischen Hochland und Tiefland wider. Während die MAS in den Hochlandprovinzen bis zu 67% (La Paz; Potosí 58, Chuquisaca 54, Cochabamba 65, Oruro 63) der Stimmen gewann, gingen alle vier Tieflanddepartements an die Opposition. Dort gewann jeweils PODEMOS mit zwischen 42 und 46% – also längst nicht so eindrucksvoll wie die MAS im Hochland. Demgegenüber: Auch in Santa Cruz und Tarija konnte die MAS 33 beziehungsweise 32% der Stimmen gewinnen. Das Tiefland ist also durchaus kein monolithischer Block, schon gar nicht, was von sogenannten Bürgerkomitees lautstark betriebene Separationsbestrebungen aus dem bolivianischen Staatsverband betrifft.

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Leseprobe

Bolivien: Neues Zeitalter?

von Robert Lessmann


"Wir werden Bolivien neu gründen", versprach Evo Morales einen Tag vor seiner Amtseinführung in La Paz als erster indigener Präsident Boliviens: "Wir Quetschwa, Aymara, Guaraníes hatten zwar auch gegen die spanische Kolonialmacht gekämpft, aber die Unabhängigkeit von 1825 und der bolivianische Nationalstaat waren nicht für uns gemacht." Mit der Verfassunggebenden Versammlung (Constituyente), die am 6. August, dem bolivianischen Nationalfeiertag, zusammentreten wird, sollen 500 Jahre Unterdrückung ein Ende finden.

Tiwanaku 21.1.: Was einige zunächst für die "sieben Plagen Washingtons" hielten, löste sich in ein "Geschenk der Götter" auf: Die Zeremonie für das indigene Bolivien mit Indígena-Vertretern aus dem ganzen amerikanischen Doppelkontinent und der Vereinten Nationen vor der Kulisse der tausend Jahre alten Ruinen von Tiwanaku passte genau zwischen ein heftiges Gewitter und einen Hagelschauer: Es ist Regenzeit – und auf dem 4000 Meter hohen Altiplano kann das Wetter von Minute zu Minute umschlagen.
Morales kam zunächst in seinem Ringelpullover, der inzwischen über Bolivien hinaus zum Markenzeichen geworden ist. (Ein bolivianisches Modehaus will demnächst mit dem Design in Serienproduktion gehen.) Aymara-Priester führten den designierten Präsidenten durch den Ruinen-Komplex. Auf der Pyramide von Akapana, der höchsten Erhebung in der Ruinenstadt, wurde eine Opferzeremonie an Pachamama durchgeführt, bevor Morales vor Tausenden jubelnden Anhängern eine rote Tunica und den Bastón de Mando (das Zepter) erhielt.
Auf den Stufen vor dem nach Osten Richtung Sonnenaufgang ausgerichteten Eingangstor zum Kalasasaya-Tempel hielt er anschließend eine Rede, und Vertreter indigener Völker aus dem ganzen amerikanischen Doppelkontinent überbrachten ihre Glückwünsche und Geschenke. Anhänger aus allen Landesteilen Boliviens waren mit Bussen angereist und sichtlich stolz, dass einer der ihren nun Präsident wird. Doch in der Fahrzeugkarawane, die sich vom Regierungssitz La Paz zum 70 Kilometer entfernten Ruinenkomplex der vorinkaischen Hochkultur von Tiwanaku bewegte, waren auch viele Jeeps der urbanen Mittelklasse, die die buntkarierte Whipala-Flagge der Campesinos und Indios im Wind flattern ließen. Es herrschte eine Stimmung, die ein wenig mit dem Ende der Apartheid in Südafrika vergleichbar ist. Die Rede des hörbar bewegten zukünftigen Präsidenten war denn auch mehr als alles andere ein Aufruf zur nationalen Einheit. Er sprach nicht zuletzt unter der bolivianischen Fahne und die Zeremonie wurde mit der bolivianischen Nationalhymne abgeschlossen. Seine Zustimmungsraten sind landesweit auf inzwischen 74% geklettert.

La Paz 22.1.: "Alle anderen Regierungen haben uns bestohlen", sagt Eusebio (65). Der Bauer aus dem besonders armen Norden des Departements Potosí hat zum ersten Mal im Leben seine engere Heimat verlassen, um nach La Paz zu kommen: "Weil einer von uns jetzt Präsident wird." Abordnungen von Indígenas aus dem ganzen Land in ihren Trachten, Bauerngewerkschafter, Lehrer, Bergarbeiter mit Helm – sie alle sind gekommen, um zu feiern. Während der langen Wartezeit herrscht eine friedlich-ausgelassene Stimmung auf der Plaza Murillo, an der Parlament und Präsidentenpalast liegen. Und es herrscht striktes Alkoholverbot. Die Musikanten und Tänzer aus Norte de Potosí in ihrer bunten Tracht stehlen der Polit-Prominenz die Schau: Ricardo Lagos aus Chile bekommt Rufe nach der Rückgabe des Küstenstreifens zu hören, der unscheinbare kolumbianische Präsident Alvaro Uribe passiert die Menge unbemerkt, Alejandro Toledo aus Peru mischt sich unaufgefordert unters Volk, um Bilder für den Wahlkampf mit nach Hause zu bringen, das Gleiche tun Argentiniens Néstor Kirchner und Carlos Lage, der kubanische Vizepräsident, auf Zuruf auch ohne Wahlkampf. Der Prinz von Asturien genießt die Aufmerksamkeit der Frauen. Am meisten Aufmerksamkeit aber genießt Hugo Chávez, der mit Sprechchören begrüßt wird und sich nachher beim Fototermin am Balkon des Präsidentenpalastes gebärden wird, als sei er es, der zum Präsidenten ernannt wurde. Er drängt sich zwischen den Präsidenten und seinen Vize, Alvaro García Linera, und legt Morales väterlich die Hand um die Schulter. Lula kommt lächelnd und winkend. Eine Show hat er wohl nicht nötig.
Es riecht nach Arbeit: Evo Morales und sein Vize-Präsident kommen und gehen schnellen Schrittes, der Präsident im schwarzen Anzug mit andin-folkloristischen Verzierungen, entworfen von der berühmtesten Modedesignerin des Landes. Den Amtseid im Parlament legt er unter Tränen ab und erneuert in seiner anschließenden Rede das Versprechen von einer Erneuerung Boliviens, heute mehr mit dem Akzent auf sozialer Gerechtigkeit. Doch vorher folgt eine Schweigeminute für Opfer des "antikolonialen", "antiimperialistischen" und "anti-neokolonialen" Widerstands: von Túpac Katari, der einen Aufstand gegen die Spanier anführte, über den 1980 ermordeten Sozialistenführer Marcelo Quiroga Santa Cruz bis hin zu den Bauern des Chapare, die im Widerstand gegen die Kokavernichtung ihr Leben gelassen haben – und auch Che Guevara fehlt nicht, der 1967 in Bolivien mitsamt seinen Träumen von einer bewaffneten Revolution auf dem südamerikanischen Halbkontinent begraben wurde.
Morales' Diskurs ist heute kämpferisch, wenn nicht revolutionär angehaucht: Mit dem Kolonialsystem und dessen Erbe soll Schluss sein. Noch vor wenigen Jahrzehnten hätten die sozial Schwachen und die Angehörigen indigener Volksgruppen die Plaza Murillo nicht einmal betreten dürfen. Er klagt über die Behandlung im Parlament, die er und seine Bewegung in den letzten Jahren erfahren haben, über Selbstbereicherung und Korruption vorangegangener Regierungen (wobei er den anwesenden Ex-Präsidenten "Don Jaime" (Paz Zamora) direkt angreift. Soziale Gerechtigkeit und nationale Souveränität stehen im Vordergrund. Das Missverhältnis zwischen einem Mindestlohn und einem Abgeordnetengehalt sei "unmöglich": Erstere sollten deshalb angehoben und letztere um 50% gekürzt werden. Besonderes Augenmerk in der Wirtschaftspolitik solle den Kleinunternehmern gelten und den landwirtschaftlichen Kleinproduzenten. Die Vereinigten Staaten lädt er zur Zusammenarbeit beim Kampf gegen den Drogenhandel ein, der aber nicht mehr als Vorwand dienen dürfe, "um unsere Länder zu beherrschen". Deutliche Worte, die freilich erst noch in ein Regierungsprogramm gegossen werden müssen.

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Venezuela: Widerstand gegen die Logik der Globalisierung

von Steve Ellner


Die starke Opposition von Hugo Chávez gegen das "keine Alternativen"-Diktum des Neoliberalismus lässt darauf schließen, dass die Nachricht vom Tod des anti-hegemonistischen Nationalstaates verfrüht sein könnte.

Die anhaltende Fähigkeit von Präsident Hugo Chávez, bedeutende Reformen trotz der Feindseligkeit der USA und einer aggressiven, von den USA unterstützten Opposition durchzusetzen, hat wichtige Implikationen für fortschrittliche lateinamerikanische Kämpfe. Sein Erfolg stellt die Ansicht, dass es für lateinamerikanische und karibische Länder in der heutigen Welt des globalen Kapitalismus nicht mehr möglich sei, sich effektiv gegen die neoliberale Ordnung der "freien Marktwirtschaft" zu wehren, in Frage.
Die anhaltenden marktwirtschaftlichen Auflagen für jede wirtschaftliche Unterstützung (auch den Schuldennachlass) durch die USA und durch die von den USA dominierten internationalen Finanzinstitutionen könnten die Ansicht festigen, es gebe "keine Alternative" zur Politik der freien Marktwirtschaft, wie Margaret Thatchers berühmtes Urteil lautete. Aber die Erfahrung von Chávez steht im Gegensatz zu Thatchers Spruch und führt zur interessanten Frage, ob der venezolanische Weg auf andere Länder in Lateinamerika und der Karibik anwendbar ist. Sie ist angesichts der Machtübernahme durch Mitte-Links-Regierungen in Argentinien, Brasilien und Uruguay in den letzten Jahren (sowie nach dem Triumph von Evo Morales in Bolivien – die Red.) von hoher Aktualität.
Von Anfang an war Chávez' Hauptziel die Staatsmacht zu erhalten – und sie zu behalten –, um radikale Reformen voranzutreiben. Zu diesem Zweck baute er die größte politische Partei des Landes auf, die "Bewegung der 5. Republik" (MVR), die seit 1998 in Koalition mit kleineren Linksparteien regiert. Bevor er an die Macht kam, hat Chávez Francisco Arias Cárdenas, seinen Stellvertreter im fehlgeschlagenen Putschversuch des Jahres 1992, kritisiert, weil dieser 1995 für einen Gouverneursposten kandidierte, statt sich darauf zu konzentrieren, die nationale Macht zu erobern.
Der radikale Impuls von Chávez' Handlungen seit seinem ersten Wahlerfolg im Jahr 1998 geht über Stil und Diskurs hinaus. Viele seiner Reformen und Handlungen haben die wirtschaftlichen Interessen mächtiger venezolanischer und transnationaler Gruppen beeinträchtigt. Die MVR-Regierung hat z.B. Pläne für die Privatisierung der Sozialversicherung, der Aluminiumindustrie und der extrem wichtigen Ölindustrie, die Chávez' neoliberale Vorgänger geschmiedet hatten, vereitelt. Regierungszuteilungen begünstigen die Armen, indem sie die für Bildung, Gesundheitswesen, Arbeitsplätze und Kredite an Kleinbetriebe bestimmten Budgetposten stark erhöhen. Außerdem hat Venezuelas aktive Rolle in der OPEC während der ersten Amtsjahre von Chávez mehr als jeder andere Mitgliedsstaat dazu beigetragen, die Ölpreise wieder auf das Niveau der 70er Jahre anzuheben. Schließlich prüft eine von Chávez eingesetzte "Interventionskommission" seit Anfang 2005 die Rechtmäßigkeit landwirtschaftlicher Urkunden, womit Großgrundbesitzern Eigentumsverluste drohen.
Die Reaktion der USA auf Chávez' Wahl im Jahr 1998 ließ sich von der damals vorherrschenden Meinung leiten, Chávez werde schließlich doch auf neoliberale Politik zurückgreifen. US-Botschafter John Maisto unterstützte eine "weiche" Position und vertrat erfolgreich im Außenministerium die Ansicht, dass Chávez an seinen Taten gemessen werden sollte, womit er unterstellte, dass seine radikale Rhetorik folgenlos bleiben würde. Damals schien Maistos These plausibel. Tatsächlich hatte Chávez während des Präsidentenwahlkampfes sein Eintreten für ein Moratorium bei Schuldenrückzahlungen ans Ausland gemäßigt. Stattdessen konzentrierte er sich auf einen Vorschlag, eine Verfassunggebende Versammlung einzuberufen, die durch eine Verfassungsreform interne politische Änderungen bringen würde.
Während seiner ersten beiden Amtsjahre gab Chávez politischen Reformen Vorrang. Im Jahr 2001 beschloss die MVR-Regierung allerdings Gesetze mit bedeutendem sozioökonomischem Inhalt, u.a. eine Agrarreform und ein Gesetz, das dem Staat die Mehrheitsbeteiligung an allen Arbeiten der Ölindustrie sicherte. Die Radikalisierung der Regierung fiel mit dem Beginn der Regierungszeit von Bush und der weltpolitisch härteren Haltung Washingtons nach dem 11. September 2001 zusammen. Diese Entwicklungen in den USA ermutigten die venezolanische Opposition, die jetzt erklärte, die Tage von Chávez als Präsident seien gezählt. Das Festhalten der Opposition an Thatchers These der Unvermeidbarkeit des Neoliberalismus hat wahrscheinlich deren Führer dazu bewegt, Chávez zu unterschätzen. Mit verheerenden Folgen. Diese Fehleinschätzung kam in verschiedenen fehlgeschlagenen Plänen zum Sturz von Chávez zum Ausdruck, ohne dass es irgendwelche Reservepläne gab.

Im Jahr 2002 näherte sich die Haltung der USA gegenüber Chávez jener der traditionellen Oppositionsparteien an, die die ganze Zeit eine kompromisslose Position vertreten hatten. Die Unterstützung der Bush-Regierung für den kurzlebigen Putsch gegen Chávez im April 2002, ihre Billigung des ebenso wirkungslosen zehnwöchigen Generalstreiks später im selben Jahr und ihre jüngsten Bemühungen, Venezuela von seinen Nachbarn zu isolieren, sind nicht nur Reaktionen auf spezifische Reformen, die wirtschaftliche Interessen gefährden. Washington hat Angst vor dem "Demonstrationseffekt", d.h., dem Einfluss, den das venezolanische Beispiel auf den Rest des Kontinents haben kann.
Ein ganz anderer Demonstrationseffekt hatte zehn Jahre früher zugunsten Washingtons gewirkt, als die Sowjetunion zusammenbrach. Verteidiger des Neoliberalismus und der Globalisierung hatten das Schicksal der Sowjetunion als Beweis dafür angeführt, dass alle Formen von Staatsintervention in die Wirtschaft zum Scheitern verurteilt seien. Dadurch dass er die Möglichkeit einer erfolgreichen Anfechtung des dominierenden Systems des globalen Kapitalismus in Frage stellte, schadete dieser Demonstrationseffekt Linken in der ganzen Welt, unabhängig davon, wie sie zur Sowjetunion standen. Washington fürchtet, dass Chávez' Venezuela die gegenteilige Wirkung hat, indem es die Möglichkeit zeigt, sich dem neoliberalen Modell zu widersetzen, und realisierbare Alternativen etabliert.
Chávez' Einfluss in der Hemisphäre ist sowohl unter der Bevölkerung als auch auf diplomatischer Ebene spürbar. Er wude ein Held für Millionen unterprivilegierter Lateinamerikaner, die seinen Mut bewundern und seine politischen Erfolge genau beobachten. Im Gegensatz zu den gemischten Reaktionen auf Lulas Ansprache beim letzten Weltsozialforum in Porto Alegre, Brasilien, erhielt Chávez donnernden Applaus. Er unterstrich sein Engagement für Basiskämpfe, als er der Menge sagte: "Ich bin nicht als Präsident von Venezuela hier ... Ich bin nur Präsident aufgrund bestimmter Umstände. Ich bin Hugo Chávez und ich bin sowohl Aktivist als auch Revolutionär."
Auf der diplomatischen Ebene hat Chávez versucht, Kubas Fehler der 60er Jahre zu vermeiden, als Fidel Castro an die Linke und die gesamte Bevölkerung Lateinamerikas appellierte, damit aber einer Strategie von Bündnissen mit bestehenden Regierungen den Boden entzog. In der Folge konnte Washington Kuba von der lateinamerikanischen Völkergemeinschaft isolieren. Im Gegensatz dazu unterhält Chávez trotz seiner feurigen Rhetorik gute Beziehungen zu Präsidenten, die sich am Neoliberalismus orientieren, wie Mexikos Vincente Fox1, Chiles Ricardo Lagos und Perus Alejandro Toledo. Alle drei haben den Putsch gegen Chávez im Jahr 2002 schnell zurückgewiesen. Chávez hat sogar dem umkämpften Präsidenten Boliviens, Carlos Mesa, bevor dieser letzten Juni zum Rücktritt gezwungen wurde, geholfen, indem er Boliviens kämpferische Sozialbewegungen dazu aufrief, Mesa seine Amtszeit zu Ende bringen zu lassen.
Chávez' Führung und diplomatische Initiativen könnten möglicherweise zu dramatischen Änderungen in Lateinamerika führen – bestimmt der Grund vieler Befürchtungen in Washington. Die Linke hat in den letzten Jahren Wahlerfolge erzielt, und der Erfolg von Mitte-Links Kandidaten in den Präsidentschaftswahlen in Ecuador, Mexiko und Nicaragua würde – nach den Triumphen von Evo Morales in Bolivien und von Michelle Bachelet in Chile (die Red.) – die Kräfteverhältnisse im Kontinent weiter verändern.
Eine solche politische Verschiebung könnte zu gemeinsamen Handlungen an einer Reihe von Fronten im von Chávez skizzierten Rahmen führen. Er ruft zur Schaffung einer lateinamerikanischen hemisphärischen Union auf – der Bolivarischen Alternative für Amerika (ALBA) – als Alternative zu dem von Washington angestrebten Freien Wirtschaftsraum Amerikas (FTAA). Chávez hat maßgeblich dazu beigetragen, Bushs langgehegte Pläne, die FTAA bis zum Jahr 2005 zu verwirklichen, zu vereiteln.
Chávez' Eintreten für kollektive Verhandlungen über die lateinamerikanische Auslandsschuld läuft US-Interessen noch stärker zuwider. In diesem Sinne hat er auf vielen internationalen Konferenzen darauf bestanden, dass 10% des Schuldendienstes an einen Internationalen Humanitären Fonds gehen sollen, der ohne die üblichen neoliberalen Auflagen Sozialprogramme unterstützen solle. Der Ibero-Amerikanische Präsidentengipfel vom November 2003 hat sich für diesen Fonds ausgesprochen..
Ein noch heikleres Thema ist für Washington die "Entdollarisierung" der internationalen Ölverkäufe. Die US-Wirtschaft profitiert von der Verwendung des Dollars im internationalen Handel und als Hauptreservewährung der Welt. Unter Chávez hat Venezuela den Dollar umgangen, indem es mit mehr als einem Dutzend lateinamerikanischer und karibischer Länder Verträge über den geldfreien Tausch seines Öls gegen andere Produkte abgeschlossen hat. Es hat andere OPEC-Staaten zu ähnlichen Verträgen aufgefordert. Eine dieser Vereinbarungen tauscht venezolanisches Öl gegen die Anwesenheit von ca. 12.000 kubanischen ÄrztInnen, die in verarmten Gegenden des Landes kostenlos arbeiten.
Innerhalb der OPEC verwendete Chávez die abnehmende Kaufkraft des Dollars als Argument für die Anhebung der Ölpreise auf Dollarbasis. Und mehrere Vertreter der venezolanischen Regierung haben die Möglichkeit, einen bestimmten Anteil des Öls gegen Euros zu verkaufen, in Aussicht gestellt. Der venezolanische Botschafter in Russland und prominente Ölexperte Francisco Mieres hat diesen Vorschlag 2001 auf einer Konferenz in Moskau mit dem Titel "Die versteckten Drohungen von Währungskrisen" diskutiert. Sollte sich Venezuela dazu entschließen, teilweise auf den Euro umzusteigen – ein Schachzug, der wirtschaftlichen Sinn machen würde, wenn der Dollar weiter an Wer verliert und die EU wieder Tritt fasst – würden andere OPEC- und lateinamerikanische Staaten wahrscheinlich nachfolgen.
Für Chávez gehen Macht und Selbstbestimmung Hand in Hand. Die Verteidigung der nationalen Souveränität und das Recht der venezolanischen Regierung, ihre eigene Politik ohne ausländische Einmischung zu formulieren, stehen im Mittelpunkt der chavistischen Bewegung. Die Militäroffiziere, die sich 1992 erhoben und Chávez später gefolgt sind, sehen die Verteidigung der nationalen Souveränität als die heilige Mission des Militärs. Einige von ihnen, wie z.B. Admiral Hernán Gruber Odremán, glauben, dass die USA seit dem Ende des Kalten Krieges daran gearbeitet haben, lateinamerikanische Militärs in richtige koloniale Polizeikräfte zu verwandeln, was er "eine Beleidigung der Nationalehre" nennt.
Das Ziel, eine "multipolare Welt" aufzubauen, dient für Chávez der nationalen Souveränität. Wie bei einem Großteil seiner Rhetorik der Fall, wurde dieser Begriff in konkrete Politik umgesetzt. Er hat Schritte gesetzt, um Wirtschafts- und Militärbeziehungen zu diversifizieren und so die Abhängigkeit von den Vereinigten Staaten zu verringern. Im Jänner 2004 reiste er nach Peking, um chinesische Unterstützung für den Bau einer Ölpipeline von Venezuela zur Pazifikküste Kolumbiens zu gewinnen. Sie soll den Export nach China vereinfachen. Tatsächlich dürfte sich der Handel zwischen China und Venezuela 2005 mehr als verdoppelt haben. Außerdem hat Chávez in letzter Zeit Militärgüter von Russland, Spanien und Brasilien gekauft. Washington hat – zum Teil erfolgreich (die Red.) – versucht, diese Ankäufe zu blockieren. Venezuela überlegt zur Zeit den Kauf russischer MIG-29-Kampfflugzeuge, um die in den frühen 80er Jahren von den USA erhaltenen F-16 zu ersetzen.
Als Chávez 2004 zum ersten Mal gegen den "US-Imperialismus" wetterte, nahm er die Regierung Bush aufs Korn, ohne auf US-amerikanische Wirtschaftsdominanz Bezug zu nehmen. Offensichtlich wollte er nicht die US-Ölfirmen, die weiterhin in Venezuela Geschäfte machen, verärgern. Trotz der angespannten politischen Atmosphäre ließen die Ölmultis keine Rückzugsabsichten erkennen. Auf der Höhe des zehnwöchigen Streiks, der die Regierung stürzen sollte, unterzeichnete Chevron-Texaco einen Vertrag über Gasförderung im Orinoco-Delta. Chávez benützte diese Vereinbarung zu seinem politischen Vorteil.
In letzter Zeit sind jedoch Spannungen innerhalb der Ölindustrie zu Tage getreten. Anfang 2005 hat Exxon-Mobil erklärt, es überlege einen Schlichter anzurufen, um die Anhebung der Abgaben für Verkäufe nicht-konventionellen Öls aus dem östlichen Teil des Landes von 1% auf 16.66% zu beeinspruchen. Der Anstieg verletze rechtsverbindliche Verträge. Die Regierung weist hingegen darauf hin, dass die früheren Verträge abgeschlossen wurden, als die Ölpreise – und damit die Profite – einen Bruchteil des heutigen Niveaus ausmachten.2

Die venezolanische Erfahrung widerspricht den heute dominierenden theoretischen Beiträgen zur Globalisierung, welche die Rolle des Nationalstaates, vor allem in unterentwickelten Ländern, als minimal beurteilen. Analysten mit dieser Einschätzung haben die Ansicht vertreten, dass in der heutigen globalen Wirtschaft das Geltendmachen nationaler Souveränität durch starke Dritte-Welt-Regierungen kein Veränderungspotential birgt und außerdem nicht einmal möglich sein könnte. Rechte und linke AutorInnen vertreten diese These. Die auf der rechten Seite, die für die US-Außenpolitik und die Gesetze des freien Marktes eintreten, verbinden starke Dritte-Welt-Regierungen mit lokalen Oligarchien und "Kumpanenkapitalismus", den sie für das katastrophale Versagen des Neoliberalismus, die in ihn gesetzten Erwartungen zu erfüllen, verantwortlich machen.
Einige linke Autoren, die Globalisierung analysieren, geben der Stärkung von Dritte-Welt-Staaten ebenfalls keine Chance. Wie wir gesehen haben, war Chávez' Ziel von Anfang an, Macht auf der nationalen Ebene zu erringen. Dieses Ziel ist für manche suspekt, die die Bedeutung des Nationalstaates abschreiben und statt dessen Kämpfe um lokale Autonomie befürworten und sich mit Gruppen wie Mexikos Zapatisten solidarisieren.
Michael Hardt zum Beispiel, Mitautor des hoch gelobten Buches "Empire", weist auf zwei verschiedene Positionen gegenüber der "Rolle der nationalen Souveränität" hin, die auf den Weltsozialforen vorkamen. Auf der einen Seite, sagt er, verteidigen die Führer der meisten international anerkannten Organisationen, die an den Foren teilnehmen, die nationale Souveränität der Dritten Welt als "Schutzwall gegen die Kontrolle des ausländischen und globalen Kapitals." Die zweite Position wird von der Mehrheit jener unterstützt, die an den Foren teilnehmen und Sozialbewegungen verschiedenster Art angehören. Diese zweite Gruppe "wendet sich gegen jedwede nationale Lösung und will stattdessen eine demokratische Globalisierung". Während die zweite Position a priori demokratisch und antikapitalistisch sei, sei die erste hierarchisch und potentiell autoritär, meint Hardt. Er schließt daraus, dass die zentralisierte Struktur der staatlichen Souveränität selbst dem von den Bewegungen entwickelten horizontalen Netzwerk zuwiderlaufe.
Aber im Gegensatz zu Hardts Behauptungen zeigen die bald sieben Jahre, die Chávez an der Macht ist, dass Dritte-Welt-Regierungen die nationale Souveränität energisch verteidigen und gleichzeitig ein nationalistisches, fortschrittliches Programm gegen mächtige wirtschaftliche Interessen vertreten können. Hardts Charakterisierung der fragwürdigen demokratischen Legitimation von Dritte-Welt-Regierungen der "nationalen Befreiung" wird der Komplexität der heute in Venezuela stattfindenden Transformationen nicht gerecht. Obwohl die chavistische Bewegung als extrem "vertikal" begann, stellten zwei interne Wahlen innerhalb des MVR (eine für die nationale Parteileitung und die andere für die Auswahl der KandidatInnen für die Lokalwahlen) Schritte in Richtung interne Demokratisierung dar.
Es wird auch häufig argumentiert, dass Chávez' Venezuela sich vom Rest Lateinamerikas zu sehr unterscheide, um einen länger anhaltenden Einfluss haben zu können. Hohe Ölpreise finanzieren populäre Programme und stellen damit Venezuela auf eine andere Ebene. Außerdem erhält Chávez wichtige Unterstützung durch eine Militärstruktur, deren Offiziere historisch aus der Mittel- und Unterschicht kamen, ganz im Gegensatz zu dem einem Kastensystem vergleichbaren Charakter des Militärs im Großteil des Kontinents.
Das sind gute Argumente, doch der venezolanische "Revolutionsprozess" bietet trotzdem wichtige Lektionen für jene in Lateinamerika, die für soziale Gerechtigkeit und die dafür notwendigen Änderungen eintreten. Eine erste Lektion liegt darin, dass es unbedingt notwendig ist, eine solide Wählermehrheit zu erzielen, um weitreichende soziale Änderungen mit demokratischen Mitteln durchzusetzen. Chávez hat in den neun Wahlen, die seit 1998 abgehalten wurden, etwa 60% der Wählerstimmen erhalten. Diese Resultate scheinen die Beobachtung zu untermauern, dass eine knappe absolute Mehrheit oder eine relative Mehrheit der Wählerstimmen, wie die 36%, die Salvador Allende in Chile 1970 wählten, kein Mandat für radikalen Wandel darstellt.
Zweitens sind aktive Mitarbeit und Mobilisierung Schlüsselelemente des Prozesses. Chávez hat auf mehr als nur Wähler- oder passive Unterstützung gebaut. Er verfolgte eine Strategie permanenter Volksmobilisierung, um seinen aufständischen Gegnern entgegen zu treten. Das war entscheidend für sein politisches Überleben, auch beim Putschversuch im April 2002. Die massiven Straßenaktionen für den chavistischen Prozess wurden durch die Überzeugung der einfachen Parteigänger möglich, dass Chávez' Rhetorik nicht inhaltsleer ist und auf seinem Engagement für tiefgreifenden Wandel und nicht auf Manipulation beruht.
Eine 3. Lektion aus Chávez' Erfahrungen ist, wie wichtig das Timing und die ständige Vertiefung des Transformationsprozesses durch die Einführung neuer Ziele nach jedem politischen Erfolg sind. Erfolge, denen neue Slogans und Vorschläge folgten, sind u.a. das Abhalten einer nationalen Verfassunggebenden Versammlung 1999, das Niederschlagen des Putschversuchs im April 2002, die Niederlage des Generalstreiks im Februar 2003, die Schlappe der Opposition bei den Wahlen zur Absetzung von Chávez im August 2004 und die Gouverneurswahlen zwei Monate später, in denen Chávez-Kandidaten in allen außer zwei Staaten gewonnen haben.3
Trotzdem ist Venezuela noch weit davon entfernt, ein Wirtschaftssystem entwickelt zu haben, das Chávez erlauben würde, sein Modell in den Rest Lateinamerikas zu exportieren. Beim Weltsozialforum 2005 bezeichnete er sich als "Sozialist" und fügte hinzu: "Wir müssen den Sozialismus als These zurückgewinnen, als ein Projekt und einen Weg, aber eine neue Form des Sozialismus, eine humanistische, die Menschen, nicht Maschinen oder den Staat, in den Vordergrund stellt. Das ist die Debatte, die wir in der ganzen Welt fördern müssen." Venezuela selbst baut allerdings kaum den Sozialismus auf, jedenfalls nicht im traditionellen Sinn des Wortes, da kein Wirtschaftssektor für Nationalisierung vorgesehen ist. Wenn sich ein neues Modell abzeichnet, so beruht es auf der Priorität von sozialen Anliegen, auf dem Aufbau von Arbeiterkooperativen und kleinen Produzenten, sowohl auf dem Land als auch in der Stadt, und der Weigerung des Staates, sich mit großen kapitalistischen Gruppen zu verbünden, ohne sich aber einem modus vivendi mit ihnen zu verschließen.
Venezuelas Fähigkeit Amerika zu beeinflussen, hängt von der erfolgreichen Umsetzung der chavistischen Politik und Strategien ab. In diesem Stadium sind die wichtigsten Aspekte von Chávez' Demonstrationseffekt sein Nationalismus, der ihn dazu veranlasst, US-Auflagen abzulehnen; sein Anti-Neoliberalismus, der Privatisierungen stoppt; und seine sozialen Prioritäten, die in Sonderprogramme in den Bereichen Gesundheits- und Schulwesen umgesetzt wurden. Das Nachahmen von Chávez' Politik durch Nachbarstaaten würde zeigen, dass Dritte-Welt-Regierungen sehr wohl im Zentrum des politischen Kampfes stehen und dass nationale Alternativen durchaus existieren, trotz der gegenteiligen Warnungen vieler bekannter AutorInnen zum Thema Globalisierung.


Steve Ellner hat viel über lateinamerikanische Politik und Geschichte veröffentlicht. Seit 1994 gibt er Universitätskurse an der Schule für Recht und Politikwissenschaft der Universidad Central de Venezuela (UCV). Leicht gekürzt entnommen aus NACLA Report on the Americas, September/Oktober 2005. Übersetzung aus dem Englischen: Barbara Jungwirth, www.bjungwirth.com.

1. Das Verhältnis zu Vicente Fox hat sich nach dem OAS-Gipfel von Mar del Plata Anfang November drastisch abgekühlt, wo Chávez den mexikanischen Präsidenten als Lakaien der USA bezeichnete.
2. Im Konflikt mit der Regierung gab Exxon-Mobil erst im Jänner dieses Jahres nach, indem der Konzern seinen Anteil an einem Ölfeld verkaufte.
3. Der überwältigende Erfolg regierungsnaher Parteien in den Parlamentswahlen vom 4. Dezember 2005 wurde durch den Umstand getrübt, dass fast alle Parteien der Opposition die Wahlen boykottiert haben.

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