Leseprobe
Vom Gipfel zur Alternative: Die neue transatlantische
Allianz
von
Leo Gabriel
Strengthening
the bi-regional strategic association" lautet der eigenartige Titel
des vom Gastgeberland Österreich geschriebenen Entwurfs für
die Schlusserklärung des Präsidenten- und Regierungsgipfels
EU-Lateinamerika/Karibik. Doch wer hinter diesem immerhin zehnseitigen
Papier eine umfassende Analyse einer Erweiterung der transatlantischen
Allianz vermutet, die zwischen der EU und den USA besteht, wird enttäuscht
sein. Aber auch diejenigen, die wie wir befürchteten, dass am 12.
Mai in Wien der Grundstein für neue Seilschaften im Tauziehen rund
um die Achse des Freihandels gelegt würde, können aufatmen:
Es werden weder die vergangenes Jahr ins Stocken geratenen Verhandlungen
um ein Abkommen EUMercosur zum Abschluss kommen, noch werden die
Annäherungen zwischen der EU und Zentralamerika im Rahmen der so
genannten CAFTA und zwischen der EU und den Andenstaaten über das
Stadium der Absichtserklärungen hinauskommen. Bereits im Vorfeld
protestierten nicht wenige VertreterInnen lateinamerikanischer Staaten
gegen die Sprache des Textes. Nicht nur weil der Text auf Englisch, ohne
offizielle spanische Übersetzung verfasst war, sondern weil er unter
dem Deckmantel von zahlreichen Berufungen auf die Charta der Vereinten
Nationen und diverse multilaterale Konventionen gerade jene Themen aufgriff,
die im einseitigen Interesse der Länder des Nordens gelegen sind:
the rule of (international) law, die fast in einem Atemzug zu lesenden
Absätze über die Bekämpfung des Terrorismus, der Drogen
und des organisierten Verbrechens und nach einem kurzen Ausflug
in das als Umweltthema verkleidete Katastrophenbekämpfungszenario
à la Tsunami und dem obligaten Lippenbekenntnis zu erneuerbaren
Energien die Ecksteine des neoliberalen Diskurses: Wachstum= Entwicklung=Armutsbekämpfung.
Geradezu versteckt nimmt sich dahinter das Migrationsthema aus, das
wie könnte es anders sein in der Forderung nach coordinated
actions against illegal migration gipfelt.
Reaktionen
der lateinamerikanischen Länder
Die Reaktion
der lateinamerikanischen Staaten erfolgte postwendend, diesmal auf Spanisch.
Sie erhoben zunächst einmal die Forderung nach einer Reforma integral
de las Naciones Unidas, einer Gesamtreform der UNO, um gleich danach bei
der Terrorismusbekämpfung (in Anspielung auf die USA) die Einhaltung
völkerrechtlicher Normen einzufordern. Aber auch in Bezug auf die
Drogenbekämpfung wurde zeitgleich mit der Reduktion des Angebots
auch eine Einschränkung der Nachfrage in den Ländern des Nordens
gefordert. Und auch was die MigrantInnen betrifft, könnte die Aussage
nicht eindeutiger sein: Protección efectiva de los derechos
humanos de todos los migrantes (Wirksamer Schutz der Menschenrechte
aller MigrantInnen).Beinahe hat es zur Zeit den Anschein, als könnte
der Präsidentengipfel EULateinamerika/Karibik zu einer klassischen
Nord-Süd-Debatte ausarten, was zweifellos dem politischen Ungeschick
des Gastgeberlandes zu verdanken wäre.
Doch die
Sache ist komplizierter: Geht man den Gerüchten nach, welche der
Staatspräsidenten nach Wien kommen und welche nicht, kommt man zur
Schlussfolgerung, dass wegen Abwesenheit vieler, um nicht zu sagen der
meisten Regierungschefs auf beiden Seiten des Atlantiks bei diesem Gipfel
nicht viel herauskommen wird. Es werden weder die beiden Scharfmacher
(um nicht zu sagen Kriegstreiber), Alvaro Uribe aus Kolumbien und Tony
Blair in Wien anwesend sein noch der argentinische Präsident Néstor
Kirchner und sein brasilianischer Amtskollege Lula da Silva, die für
einen moderaten Ton sorgen könnten (beide wegen der bevorstehenden
Wahlen in ihren Ländern). Rechnet man noch dazu, dass nicht wenige
der in Wien erwarteten Regierungschefs wie der Peruaner Alejandro Toledo,
der Mexikaner Vicente Fox, aber auch der Italiener Berlusconi und der
Franzose Jacques Chirac eher unter die Rubrik der politischen Leichen
fallen, so steigt die Wahrscheinlichkeit, dass beim offiziellen Gipfel
überhaupt nichts herauskommen wird. Ein umso größerer
Stellenwert kommt deshalb den am Rande des Präsidentengipfels stattfindenden
Konferenzen zu: dem Parlamentariertreffen in Bregenz, das über eine
biregionale Versammlung (Asamblea) befinden soll; dem Business-Forum im
Belvedere, bei dem die Konzernwelt den Ausführungen gestandener Sozialdemokraten
wie Hermann Scheer lauschen und sich brustklopfend zur Corporate Social
Responsability bekennen wird (vielleicht ist sogar eine Prise Armutsbekämpfung
dabei). Ja sogar die organisierte Zivilgesellschaft wird in
gehörigem Respektabstand ein paar Wochen vor dem Gipfel den zivilgesellschaftlichen
Ratschlägen von Benita Ferrero Waldner und Christof Leitl folgen.
Wirtschaftskritik,
politische Alternativen und Kultur
Ein Event,
das da sichtlich aus der Reihe tanzt, ist der vom 10. bis 13. Mai stattfindende
Gipfel der Alternativen (Enlazando Alternativas). Denn diese Veranstaltung,
die in den drei Dimensionen Wirtschaftskritik, politische Alternativen
und kulturelle Basis in der Wiener Stadthalle E, im Kongresshaus der Gewerkschaften
und in der Arena stattfinden wird, steht weder unter dem Druck, konkrete
Resultate erzielen zu müssen wie der Präsidentengipfel noch
unter dem Zwang, den Unterhaltungswert lateinamerikanischer Folklore zu
steigern. Enlazando Alternativas ist ein bikontinentales Treffen der sozialen
Bewegungen und Nichtregierungsorganisationen aus Lateinamerika und Europa,
dessen Bedeutung vor allem darin besteht, dass es überhaupt stattfindet.
Alles Übrige ist eine Draufgabe:
· Auf der Ebene der Wirtschaftskritik wird ein zweitägiges
Tribunal der Völker dafür sorgen, der internationalen
Öffentlichkeit klar zu machen, welche verheerende Rolle viele der
angeklagten europäischen Großkonzerne heute in Lateinamerika
spielen, darunter Firmen wie der Wasserprivatisierer Suez aus Frankreich
oder British Petroleum und Repsol wegen ihrer Beteiligung am Krieg in
Kolumbien oder die spanischen Banken Banco de Santander und Banco de Bilbao
y Vizcaya, die insbesondere in den bäuerlichen Regionen einen denkbar
schlechten Ruf genießen. Auch ein reichhaltiges Dokumentarfilmangebot
wird dieses Thema ausleuchten.
· Die zweite Dimension, nämlich die der Politischen Alternativen,
ist die komplexeste. Nicht nur weil an den beiden zentralen Tagen (am
11. und 12. Mai) insgesamt an die 50 Seminare stattfinden werden, sondern
auch weil sich aus der Begegnung der Landlosen Lateinamerikas mit den
Arbeitslosen in Europa ebensolche Synergieeffekte ergeben werden wie bei
der Großen Versammlung am Vormittag des 13. Mai, bei der die Schlusserklärung
des Alternativengipfels verabschiedet werden wird. Besonders spannend
werden unter dem Stichwort Politischer Dialog die beiden Podiumsdiskussionen
sein, bei denen VertreterInnen der Zivilgesellschaft beider Kontinente
einmal mit den Spitzen der Sozialdemokratie, der Europäischen Linken
und der Grünen diskutieren werden (am Abend des 11.5.) und einmal
mit den beiden lateinamerikanischen Präsidenten Hugo Chávez
und Evo Morales (am Nachmittag des 13.5.).
·
Und last, but not least gibt es da noch das Kulturprogramm, dessen Spannweite
von jugendbetonten musikalischen Darbietungen in Europa lebender lateinamerikanischer
Künstler in der ARENA bis hin zu einer Selbstdarstellung von Kuba,
Venezuela und Bolivien reicht. Eine besondere Herausforderung wird in
diesem Zusammenhang der Versuch einer deutschen Musikgruppe sein, während
des Alternativengipfels mit TeilnehmerInnen des Events den Canto General
von Pablo Neruda und Mikis Theodorakis zur Aufführung zu bringen.Nein,
Enlazando Alternativas 2 wird kein Gegengipfel sein. Er wird der Gipfel
sein, der diesen Namen viel mehr verdient als das von Schüssel &
Co. organisierte Event im Kongresszentrum jenseits des Donaukanals, und
zwar in dem Sinne, dass sich für die TeilnehmerInnen die Mühe
ihn zu besteigen lohnen wird. Denn es winkt ihnen die Aussicht, sich mit
einem der biregionalen Netzwerke, die bereits im Vorfeld der Organisation
des Alternativengipfels entstanden sind, zu verknüpfen.
Auf diese
Weise wird Enlazando Alternativas 2 seiner Aufgabe gerecht, den politischen
Dialog auf den verschiedensten Ebenen voranzutreiben: auf der Ebene der
Kritik des herrschenden neoliberalen Systems, das die Bevölkerung
der Länder beiderseits des Atlantiks in Geiselhaft hält; auf
der Ebene der verschiedenen Alternativvorschläge zivilgesellschaftlicher
Initiativen, Kampagnen und Mobilisierungen; und last, but not least
auf der Ebene eines Diskussionsprozesses fortschrittlicher Regierungen
und linker Parteien, die ein neues Kapitel in der Geschichte der unrühmlichen
und leidvollen Beziehungen zwischen Europa und Lateinamerika eröffnen
wollen. Es ist wie bei den olympischen Spielen: Dabei sein ist wichtiger
als siegen! Nur so können die Opfer von gestern Teil einer Lösung
für die erdrückenden sozialen, politischen und ökonomischen
Probleme werden, die sich in Europa und Lateinamerika auf immer ähnlichere
Weise stellen.
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Leseprobe
Öl
im Feuer des kolumbianischen Konflikts - Der spanische Ölmulti Repsol
auf der Anklagebank
von Kristofer
Lengert
Während
des im Rahmen des Alternativengipfels stattfindenden Tribunals sitzen
25 europäische Unternehmen exemplarisch auf der Anklagebank. Mit
der Wiener Etappe beginnt die erste Runde eines Tribunals
gegen die Verbrechen transnationaler europäischer Konzerne in Lateinamerika.
Ein mit internationalen ExpertInnen besetztes Tribunal wird bis 2008 alle
ausgewählten Fälle von Menschenrechtsverletzungen systematisch
aufarbeiten. Dabei geht es nicht nur darum, die ausgewählten Unternehmen
öffentlich anzuklagen, sondern auch Überlegungen zur Rolle transnationaler
Konzerne und neoliberaler Herrschaftsstrukturen anzustellen und Handlungsperspektiven
zu entwickeln.
Unter den
in Wien auf der Tagesordnung stehenden Fällen finden sich europäische
Konzerne, die zu den einflussreichsten und mächtigsten Unternehmen
der Welt gehören, unter ihnen der im folgenden dargestellte Fall
des spanischen Ölmultis Repsol YPF. Dieser macht deutlich, mit welchen
Mitteln die schwer kontrollierbaren transnationalen Ölkonzerne ihre
Interessen durchsetzen: Neben sozialen Verwüstungen und Umweltzerstörungen
in verschiedenen Regionen Lateinamerikas kam mit dem spanischen Ölkonzern
auch der Krieg in die westkolumbianische Provinz Arauca.
Neokoloniale
Kämpfe
Für
den kolumbianischen Staat stellt Erdöl eine der wichtigsten Devisenquellen
dar. Doch nur noch ein Bruchteil der Ölreserven des Landes ist unter
staatlicher Kontrolle. Den weitaus größten Anteil am Geschäft
mit dem Öl haben seit langem die transnationalen Konzerne unter sich
aufgeteilt: Neben Shell sind British Petrol (BP), das französische
Unternehmen ELF, Die US-Firma Occidental Petroleum (Oxy) und der spanische
Konzern Repsol stark im kolumbianischen Ölgeschäft vertreten.
Ginge es nach der kolumbianischen Regierung und den Konzernmanagern, wäre
auch das staatliche Erdölunternehmen Ecopetrol und damit die
letzten staatlichen Anteile an der Erdölförderung an
die ausländischen Investoren verkauft worden; ein Prozess, den die
Erdölarbeitergewerkschaft USO mit Streiks und Protesten gegen die
drohende Privatisierung verlangsamen konnte. Ecopetrol ist ein profitables
Unternehmen. Vor allem aber kann der landesweite Treibstoffbedarf über
das staatseigene Unternehmen gedeckt werden. Bald schon kann es vorbei
sein mit der Energieunabhängigkeit Kolumbiens und ähnlich wie
Ecuador könnte das Land dann dazu gezwungen sein, das Erdöl
teuer zu Weltmarktpreisen einzukaufen, während es billig und zu Sonderkonditionen
aus dem eigenen Land gepumpt wird. Die Argumente, die von der kolumbianischen
Regierung für den Verkauf angeführt wurden, sind die nicht mehr
gewährleistete Wettbewerbsfähigkeit Ecopetrols, die anstehenden
Sanierungsarbeiten und die Ineffizienz. Effizient sind Konzerne wie Repsol
YPF ohne Zweifel: Der spanische Ölkonzern erwirtschaftete im Jahr
2004 einen Nettogewinn von 845 Millionen Euro. Die Methoden von Repsol,
der ein festes Standbein in Lateinamerika hat, sind berüchtigt: In
Bolivien und Argentinien übernahm der Konzern zu Freundschaftspreisen
(und ein paar Trinkgeldern an staatliche Bedienstete) staatliche Förderanlagen
und Infrastruktur. Nach der Übernahme des argentinischen Erdölunternehmens
YPF durch Repsol wurde das Unternehmen saniert und umstrukturiert. Mit
anderen Worten: ArbeiterInnen wurden in Massen entlassen. Für die
argentinische Kleinstadt Caleta Olivia, für die Förderung und
Verarbeitung des Erdöls der wichtigste Wirtschaftsfaktor waren, bedeutete
die Privatisierung ein soziales Desaster: Massenarbeitslosigkeit, durch
das Einbrechen der Kaufkraft und lokalen Nachfrage weitere Geschäftsaufgaben
und die Verarmung der Bevölkerung. Auf die sozialen Kämpfe und
Erwerbslosenproteste reagierte die Staatsmacht mit der Verfolgung und
willkürlichen Inhaftierung vieler AktivistInnen. Im Wettlauf um die
Erschließung der letzten Ölquellen der Welt leisten die transnationalen
Konzerne in bisher unzugänglichen Gebieten an den Rändern der
neoliberalen Hegemonie Pionierarbeit. Ihr Vorgehen erinnert an die Entdeckermentalität
der spanischen Eroberer, wenn es darum geht, neue Quellen und Wirtschafträume
zu erschließen, zu sichern und auszubeuten. In Argentinien ist Repsol
auf diese Weise verantwortlich für die Vertreibung und Zerstörung
der Lebensgrundlage der Mapuche-Indígenas: Die Vergiftung von Grundwasser
und Boden durch die Erdölförderung führte zu Schwermetallvergiftungen
und schweren Erkrankungen. Auch im Nationalpark und Unesco-Naturschutzgebiet
Yasuni im Amazonasgebiet Ecuadors ist Repsol mit ähnlichen Praktiken
aufgefallen: Die Ausbeutung der Energiequellen verseuchte das Siedlungsgebiet
der Huaorani-Indígenas mit Dioxinen und Schwermetallen. Der Bau
einer 500 km langen Pipeline durch das Bauunternehmen OCP, an dem neben
mehreren namhaften Konzernen auch Repsol YPF beteiligt ist, wurde von
breiten gesellschaftlichen Protesten begleitet. Als der geplante Bau einer
zweiten Pipeline durch den US Multi Oxy bekannt wurde, organisierten Gewerkschaften,
Indígenaorganisationen und die von Zwangumsiedlung bedrohte lokale
Bevölkerung einen Generalstreik, dem wochenlange Protestaktionen
folgten. Schließlich sorgte die Regierung mit Hilfe der Notstandsgesetze
durch den Einsatz des Militärs vorrübergehend für Ordnung.
Repsol
tötet!
Schwerwiegend
sind die Vorwürfe, die seitens der Indígenagemeinden und des
Zusammenschlusses sozialer Organisationen Organizaciones Sociales
de Arauca gegen die Machenschaften von Repsol in der westkolumbianischen
Provinz Arauca erhoben werden. Mit einer internationalen Kampagne gegen
Oxy und Repsol in Kolumbien versuchen diese seit dem Weltsozialforum in
Porto Alegre, das Vorgehen des spanischen Multis zum Thema zu machen.
Unter der Überschrift Repsol tötet wurde diese Kampagne
im letzten Sommer in Spanien aufgegriffen und wird im Mai während
des Alternativen Gipfels in Wien vor das Tribunal gebracht werden. Der
Konzern wird beschuldigt, in seinem Fördergebiet paramilitärische
Todesschwadronen gegen die Bevölkerung einzusetzen. Arauca liegt
an der Grenze zu Venezuela und ist ein relativ dünn besiedeltes Gebiet
mit 300.000 Einwohnern. Das Departement ist landwirtschaftlich geprägt
und infrastrukturell vernachlässigt. Die Grenzprovinz ist gegenwärtig
ein zentraler Kriegsschauplatz in Kolumbien und hochmilitarisiert. Kämpfe
zwischen Guerilla und Militärs oder Paramilitärs finden täglich
statt. Giftbesprühungen, offiziell gegen die Koka-Pflanzungen, und
Bombardements gehören ebenso zu den alltäglichen Auseinandersetzungen
wie Anschläge und Überfälle, Entführungen, Morde und
Massaker.Arauca wurde 1983 für die Ölkonzerne interessant: Probebohrungen
waren erfolgreich und große Ölvorkommen entdeckt. Oxy begann
im Zusammenschluss mit dem kolumbianischen Staat die Erschließung
und Förderung von Erdöl. Massiv betroffen waren auch hier die
Indígenagemeinden der Guahiba und Uwa, zunächst von
den fatalen Umweltschäden und ihrer zunehmenden Vertreibung. Dann
begannen mit ihrem Protest gegen die Zerstörung der eigenen Lebensgrundlage
Repression und Terror. Als Repsol auf der Bildfläche erschien, eskalierte
der Krieg in der Provinz. Im September 1997 und August 1998 wurden Verträge
geschlossen, die dem Konzern die Ausbeutung von Erdölquellen in den
Municipios Tame, Arauquita und Saravena ermöglichten. Seit Ende 2001
bemüht sich Repsol um die tatsächliche Erschließung dieser
Förderquellen, die von Übergriffen auf die Zivilbevölkerung
und Massakern an Campesin@s und indigenen Gemeinschaften begleitet wird.Im
Zusammenhang mit dem Plan Colombia hatte die US-Regierung 98 Millionen
Dollar zum Schutz der Ölpipelines zur Verfügung und der zuständigen
Heeresbrigade direkt eigene Militärberater zur Seite gestellt. Präsident
Alvaro Uribe Vélez hatte kurz nach seinem Amtsantritt im Sommer
2002 den Ausnahmezustand ausgerufen und weite Teile Araucas zu militärisch
verwalteten Sonderzonen erklärt, eine verfassungswidrige Ausnahmeverordnung,
die den Militärs besondere Rechte zugestand und zu Massenverhaftungen
und Übergriffen durch staatliches Sicherheitspersonal führte.
Ende 2001 kamen die Paramilitärs in die Region. Sie drangen aus dem
Nachbardepartement Casanare nach Arauca, zunächst nach Tame und dann
weiter nach Saravena vor. Zeitgleich mit dem Aufrüsten und der Kompetenzausweitung
der Streitkräfte und abgestimmt auf eine militärische Offensive
gegen die Guerillagruppen, rückten paramilitärische Verbände
in die Gebiete ein, in denen Repsol YPF seine Projekte durchsetzen wollte.
Indígenagemeinden im Ölfördergebiet wurden überfallen,
ihre SprecherInnen sowie soziale Organisationen und Gewerkschaften verstärkt
Opfer einer Strategie aus staatlicher Repression und paramilitärischem
Terror gegen die sozialen Bewegungen. Obgleich es schwer sein wird, die
Verbindungen zwischen Repsol und den paramilitärischen Banden zu
beweisen, ist das Vorgehen von Paramilitärs und privaten Sicherheitsunternehmen
eindeutig im Interesse des spanischen Konzerns: In seinem Interessengebiet
in Tame gehen paramilitärische Todesschwadronen mit offener Gewalt
gegen die Zivilbevölkerung vor und haben es darauf angelegt, dem
Konzern die Erschließung seiner Fördergebiete durch eine Vertreibung
der Zivilbevölkerung zu ermöglichen. Ihre Methoden sind Terror
und Mordanschläge gegen Indígenagemeinden, Gemeindesprecher,
Gewerkschaftsvertreter und AktivistInnen der sozialen Organisationen.Die
Liste der Opfer der Todesschwadronen und die Anzahl der von Paramilitärs
verübten Massaker ist lang. Der Krieg ließ die Mordrate explodieren:
Sie lag im Bezirk Tame im Jahr 2003 bei 340 (Morde pro 100.000 Einwohner),
während der kolumbianische Durchschnitt ca. 70 und der lateinamerikanische
30 beträgt. Seitdem war zwar die Mordrate leicht rückläufig,
doch auch 2005 blieb Tame einer der gewalttätigsten Bezirke Lateinamerikas.
Trügerische
Hoffung auf Fortschritt
Die kolumbianische
Regierung argumentiert, durch die Investitionen der transnationalen Unternehmen
bessere Bedingungen für die Entwicklung der marginalisierten Regionen
zu schaffen. Doch mit der Ausbeutung der Rohstoffe ging keine Besserung
der Lebensverhältnisse einher. Arauca ist im Gegenteil ein Beispiel
dafür, wie sich mit der Erschließung der Ölquellen die
Lebenssituation vieler verschlechtert: durch die Eskalation des Konfliktes,
den die Region wegen ihrer natürlichen Reichtümer wie ein Magnet
angezogen hatte, die Zerstörung der Lebensgrundlage von Indígenas
und Landbevölkerung, die Vertreibung und Verdrängung der Menschen,
die Zerschlagung sozialer Organisationsformen und die zunehmende Verarmung
einer ganzen Region.
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Die
zwei Leben des Sebastián. Aufarbeitung der vergangenheit in Argentinien
von Edith
Dörfler und Luzia Strohmayer
Vor 30 Jahren
begann in Argentinien die von General Videla angeführte Militärdiktatur.
Diese siebenjährige Zeit des Terrors gipfelte in zahlreichen Verschleppungen
und Ermordungen regimefeindlicher Personen. Das heutige Argentinien beschäftigt
sich intensiv mit der Aufarbeitung dieser Zeit umso mehr, als es
immer wieder mit geisterhaft anmutenden Beweisen für die Grausamkeit
des damaligen Regimes konfrontiert wird.
Sebastián
hat zwei Leben.
Das gelebte,
das er 27 Jahre lang unwissend als Mitglied einer Familie führte,
die vorgab seine zu sein. Und jenes, das ihm die argentinische Militärjunta
am 27. März 1978 raubte, indem sie seine Eltern verschleppte, ermordete
und ihn illegitim an eine regimetreue Familie abgab. Dass es die Möglichkeit
dieses zweiten Lebens gegeben hatte, erahnte er, als er erfuhr, dass er
nicht das leibliche Kind seiner Eltern war. Was ihn antrieb, sich auf
die Suche nach seinem "gestohlenen Ich" zu begeben, war der
Zweifel, erzählt er: "Der Zweifel nicht zu wissen, wer
du bist zerfrisst dich." Am 9. Februar 2006 war das erste
Ziel einer langen Etappe erreicht: Trotz verwischter Spuren des Verbrechens
hat er seine wahren Wurzeln gefunden, und sogar noch mehr: "Ich habe
mir erhofft, meine Großeltern zu treffen und dass sie glücklich
sein würden. Was ich mir nicht erwartet hatte, war, dass eine ganze
Familie, Onkeln, Cousins etc auf mich warten würde. Und dass es ihnen
eine riesige Freude bereiten würde mich zu finden", zeigt sich
Sebastián überwältigt. Was wie ein Wunder anmutet, ist
der akribischen Arbeit einer Organisation mutiger Frauen zu verdanken.
Die so genannten "Abuelas (Großmütter) de Plaza de Mayo"
werden nicht müde, den damaligen Verbrechen nachzuspüren und
nach ihren Enkelkindern zu suchen. Denn Sebastián ist kein Einzelfall.
Was war damals geschehen?
Das von ökonomischen und sozialen Problemen gebeutelte Land hatte
seit 1930 schon drei Militärdiktaturen, in denen es bereits zu Verhaftungen
und Verschleppungen von Oppositionellen gekommen war, durchleben müssen.
Die Militärjunta unter Jorge Rafael Videla, Emilio Eduardo Massera
und Orlando Ramon Agosti, den Befehlshabern der drei Kräfte Luftwaffe,
Heer und Marine, die am 24. März 1976 in Argentinien per Staatsstreich
die Macht ergriffen hatte, sollte die anderen jedoch an Grausamkeiten
bei weitem übertreffen. Erklärtes Ziel, festgelegt im Plan de
Reorganisación Nacional, war eine Erneuerung der Gesellschaft von
Grund auf. Die auf dem Absolutheitsanspruch der Ziele beruhende Gewaltdoktrin
der neuen Machthaber bediente sich zur "Sicherung der Staatssicherheit"
grausamster Terrormethoden; Ziel war die totale Auslöschung jeglicher
Opposition. Der "Feind" wurde innerhalb des Systems geortet,
ein "Krieg" erfunden, auf dem es klare Seiten gibt: jene mit
ihnen, und alle anderen. Gekämpft wurde an einer Front, die überall
war auch der "Feind" wurde überall vermutet. Aufgrund
des bewaffneten Kampfes einiger politischer Organisationen, die als Antwort
auf den Staatsterrorismus entstanden waren, wurden 1976 alle Zivilrechte
suspendiert und eine komplexe politische Tatsache auf das binäre
Denken eines Krieges reduziert.
Doch Gegner waren nicht nur die bewaffneten Mitglieder der regimefeindlichen
Untergrundorganisationen. Um es General Videla selbst erklären zu
lassen: "Ein Terrorist ist nicht nur jener, der Bomben legt oder
mit Waffen tötet, sondern auch jener, der Ideen im Gegensatz zu unserer
abendländischen und christlichen Kultur verbreitet." Betroffen
von dieser weiten Interpretation waren vor allem Mitglieder der Gewerkschaft,
Intellektuelle wie Journalisten, Künstler, Juristen, Wissenschaftler,
Lehrer und Studenten. Jegliches progressives Gedankengut war gefährlich
für den Denkenden. Um ein reibungsloses Funktionieren des Staatsterrors
zu gewährleisten, wurde die Judikatur durch einen 80 prozentigen
Richtertausch gleichgeschaltet. Für den geistigen Beistand sorgte
die katholische Kirche; die proklamierten Werte waren durchaus im Sinne
der konservativen Kleriker. Im besten Falle kollaborierte die Staatskirche,
indem sie wegsah.
Die "Verschwundenen",
ihre Kinder und deren Großmütter
Zum Wegschauen
gab es wahrlich genug: Bei der CONADEP (Comisión Nacional de Personas
Desaparecidas) sind etwa 9000 Fälle von "Desaparecidos",
so die Bezeichnung für die "Verschwundenen", verzeichnet.
Nach Angaben von argentinischen Menschenrechtsorganisationen wie "Abuelas
de Plaza de Mayo" oder "Madres de Plaza de Mayo" muss man
von ca. 30.000 Menschen, die zwischen 1975 und 1982 "verschwanden",
ausgehen. Denn es gab keine offiziellen Verhaftungen, sondern der Terror
schlich bedeckt durch das Land. In Nacht- und Nebelaktionen wurde die
Opfer entführt und in Konzentrationslager gesteckt, wo sie heimlich
festgehalten und grausam gefoltert wurden. Der Folterkammer entging kaum
jemand lebend entweder wurden die "Verschwundenen" erschossen
oder oftmals betäubt aus dem Flugzeug über dem Meer abgeworfen.
Von offizieller Seite gab man vor, nichts von ihrem Verbleib zu wissen.
Opfer dieser Politik für "Tradition, Familie und Privateigentum"
wurden auch Neugeborene. Frauen, die entführt wurden und zu dieser
Zeit schwanger waren, brachten, sofern sie nicht durch die Schocks der
Folter eine Fehlgeburt erlitten hatten, ihre Kinder in den Konzentrationslagern
zur Welt. So auch die Mutter von Sebastián, Adriana Leonor Tasca,
eine junge Studentin, die Mitglied der regimefeindlichen Untergrundorganisation
Montoneros war. Sie wurde im Dezember 1977 entführt und gebar im
Konzentrationslager CCD La Cacha Ende März 1978 ihren Sohn. Dessen
Vater Gaspar Onofre "Quinto" Casado war unabhängig von
seiner Braut ebenfalls im Dezember in das größte Konzentrationslager
der Junta ESMA (Escuela Mecanica de la Armada) verschleppt worden. Beide
sollten sie niemals zurückkehren doch ihr Kind überlebte.
Sein
Überleben ist dem perversen Zustand zu verdanken, dass die Folterknechte
eine Vielzahl dieser Neugeborenen oder auch der Kleinkinder, die mit entführt
worden waren, illegitim an Militärs oder deren Vertrauenspersonen
abgaben. Der Kindesraub war gezielte Politik, Teil dieses Plans zur "Erneuerung"
der Gesellschaft: Diese Kinder waren Kriegsbeute, die zur "richtigen"
Erziehung an Regimefreunde weitergegeben wurden. Das Interesse an den
Babies aus den Folterkammern war groß; es gab sogar eine Art "Warteliste"
von Adoptionswilligen. All das geschah heimlich unter Mithilfe von Richtern,
Ärzten und Beamten, die das Regime unterstützen.
Es ist nicht
einfach, Informationen über die Kinder der "Verschwundenen"
herauszufinden. Die Politik des Verschweigens, der Geheimhaltung trug
Früchte. Doch die Abwesenheit der "Verschwundenen" und
ihrer Kinder war konkret und hinterließ schmerzende Löcher
in den Familien. Noch während der Diktatur, bereits im Jahr 1976,
bildete sich die Organisation der "Madres de Plaza de Mayo"
zur Suche der "verschwundenen" Kinder, aus der 1977 die Organisation
der "Abuelas de Plaza de Mayo" hervorging. Diese widmete sich
vorrangig der Suche nach den gestohlenen Enkelkindern. Auf ihrer ersten
Versammlung am Plaza de Mayo in Buenos Aires forderten sie die Rückgabe
von 13 Kindern; seitdem versammeln sie sich hier regelmäßig
und tragen als Markenzeichen ein weißes Kopftuch. Bislang haben
sie mit Sebastián 82 Kinder gefunden. Vor ihnen liegt
aber noch eine große Aufgabe: Konkret haben sie Kenntnis von über
260 Fällen von Kindesraub, vermuten aber bis zu 500.
Auch Sebastián war "Kriegsbeute". Durch die Ermordung
seiner Eltern hatten die damaligen Machthaber ihm seine wahre Identität
und seine Geschichte genommen und ihn gemäß ihres allmächtigen,
gottgleichen Selbstverständnisses in ein neues Leben gesteckt. Der
Mann, der sich als sein Vater ausgab, war ein gewaltbereiter militärnaher
Geschäftsmann, der von Sebastiáns wahrem Ursprung wusste.
1985 waren er und seine Frau wegen Kindesraubs vor Gericht, der Fall wurde
damals allerdings fallengelassen und Sebastián hatte nichts davon
erfahren. Erst mit 22 Jahren erfuhr er, dass die Leute, die ihn aufzogen,
nicht seine wahren Eltern sind und begab sich vorerst noch zögerlich
auf die Suche nach seinen wahren Wurzeln. Nach zwei Jahren des
Zweifels suchte er schließlich Unterstützung bei der CONADI
(Comisión Nacional por el Derecho por la Identidad), der staatlichen
Kommission zur Wiederfindung der Verschwundenen, und recherchierte intensiv
auf den Internetseiten der "Abuelas" und des "Nunca Mas",
die Schicksale von Verschwundenen dokumentieren. Ein Bild stach ihm dabei
in die Augen das Bild eines Mannes, in dem er sich selbst zu erkennen
glaubte. Auf dem Bildschirm flimmerten die Fotos von Adriana und Quinto,
Quinto mit 18 Jahren, der dem 27-jährigen Sebastián so ähnlich
war. "Dieses alte Foto schien mir wie ein Spiegel", erzählt
Sebastián. Und das Datum, an dem seine Mutter Adriana ein Kind
erwartete, stimmte mit seinem Geburtsdatum überein. Schöne Übereinstimmungen
in der Tat, aber Beweise waren es noch lange keine.
Gewissheit
durch Gene
Der Beweis
liegt in den Genen. Konkret in der "Banco Nacional de Datos Genéticos"
(nationale Gen-Datenbank), die auf die Bitte der "Abuelas" im
Jahr 1987 gegründet wurde. In der von der CONADI verwalteten Datenbank
werden DNA-Analysen der Verwandten von "desaparecidos" gesammelt,
um eine Zuordnung der biologischen Identität eventuell gestohlener
Kinder zu ermöglichen.
Anstoß
zu Sebastiáns Entschluss, sich dieser psychischen Belastung auszusetzen,
war ein Beitrag in der monatlichen Zeitschrift der "Abuelas".
In der Ausgabe vom August 2005 wurde die aufrührende Geschichte der
Schwiegermutter jenes Mannes erzählt, der ihm so ähnlich erschien.
Am 29. September 2005 begleiteten ihn seine Freundin Luz und deren Familie
ins Hospital Durand zur Blutanalyse, in der die Antwort auf all seine
Zweifel liegen sollte. Am 9. Februar 2006 kam mit den Ergebnissen die
Gewissheit, dass die Übereinstimmungen kein Zufall waren und
ein erstes Treffen mit der Familie. Seine Tante Cotita Casado, aktives
Mitglied der "Abuelas" und seit 28 Jahren auf der Suche nach
ihrem Neffen, schildert den Moment des Zusammentreffens Sebastiáns
mit den Mitgliedern der Großfamilie: "Die Umarmungen, Lachen
und Freudentränen wurden immer mehr. Und die Anekdoten, die das Dickicht
von Onkeln, Tanten, Cousins und Cousinen diesem jungen Mann ein wenig
erklären sollten. Auf einmal hatte dieser Junge, der seinem Vater
Quinto so ähnlich sah, von seiner väterlichen Seite Großmutter
Kita und die Tanten und Onkeln, Kitita, Tronco, Sexto, Tito, Cotita plus
19 Cousins und Cousinen; mütterlicherseits hat er seine Großeltern
Bruno und Angelita und seine Tante Ana. Viele Male musste er den Hörer
abheben um die Willkommensgrüße all derer, die jetzt zu seiner
Familie gehörten, entgegenzunehmen." Am selben Tag noch fuhr
er nach Mar del Plata, wo ein großes Familientreffen organisiert
wurde, um ihm den Platz in der Familie, der ihm geraubt und so lange vorenthalten
worden war, anzubieten. "Die jahrelange Suche nach ihm hat diesen
Platz geschaffen", betont Cotita Casado.
Das Archivo
Biográfico Familiar der Abuelas
Zurück
in Buenos Aires versucht Sebastián, sein Leben ausgehend von seiner
neuen Geschichte zu verstehen. Viele Fragen gehen ihn im Kopf herum; diese
zu beantworten, soll sein persönliches "Familienarchiv",
eine Sammlung von Tonbandaufzeichnung, Dokumenten und Fotos, helfen. Auf
den Tonträgern erzählen Familienmitglieder und Freunde den verlorenen
Kindern von ihren Eltern, wie sie lebten, was sie gerne machten, als welche
Menschen sie sich kennen gelernt hatten. Eine Gruppe von StudentInnen
hat im Auftrag des "Archivo Biográfico Familiar" der
Abuelas, das von Cotita Casado organisiert wird, die Aufgabe übernommen,
diese Dokumente für die Rekonstruktion der Familiengeschichte der
Kinder der "Verschwundenen" zusammenzutragen. Bereits 1760 Interviews
wurden in ganz Argentinien durchgeführt, 2512 Fotos für 52 Archive
sind schon gemacht. 34 Archive wurden schon ihrem Empfänger übergeben,
doch bleibt noch viel zu tun.
Eine Frage,
der sich die Kinder der "Verschwundenen" immer stellen müssen,
ist die nach der Rolle der bisherigen Familie. Ein Thema, zu dem Sebastián
noch schweigt. Der Vater, der sich ihn "angeeignet" hat, ist
tot, seine Ziehmutter, die er bis vor fünf Jahren für seine
wahre Mutter hielt, sagt, sie hätte nichts gewusst. Was bleibt, ist
die Ungewissheit. Für die meisten der "gestohlenen" Kinder
ist es sehr schwer, mit der Tatsache umzugehen, dass sie die Folterknechte
ihrer wahren Eltern oder deren Helfer für ihre Familie gehalten haben.
So mancher steckt bei aufkeimendem Verdacht den Kopf in den Sand und versucht
gar nicht, seine vornehmliche Familie zu dekonstruieren. Von jenen, die
diesen Schritt gewagt haben und ihre "wahre" Familie gefunden
haben, brechen die meisten den Kontakt zu den Familien, die sie illegal
aufgenommen hatten, ganz ab, wie die Erfahrungen der "Abuelas"
zeigen.
Schuld
und Sühne auf argentinisch
Eine Frage,
die Opfer wie Täter betrifft, ist jene nach Strafe und Entschädigung
für die begangenen Verbrechen. In Argentinien ging man auf diese
Fragestellung nach dem Fall der Militärdiktatur im Jahr 1983 sehr
rasch und offen zu. Die Militärs hatten versucht, sich durch ein
Gesetz der Selbstamnestie vor Strafverfolgung zu schützen und der
aufkeimenden Demokratie Bedingungen zu stellen. Doch sie hatten die Rechnung
ohne die Bevölkerung gemacht, die Raúl Alfonsín zum
Präsidenten eines demokratischen Argentinien machte. Gesellschaftlicher
Druck führte 1985 zum historischen "Juicio (Prozess) a las Juntas",
der oft als das argentinische "Nürnberg" bezeichnet wird.
Die CONADEP, die im Bericht "Nunca Mas" die Gräuel der
Diktatur quantifizierte, wurde im selben Jahr gegründet. Doch die
junge Demokratie konnte dem Druck des nach wie vor starken Militärapparates
nicht standhalten. Die Angst vor einem erneuten Staatsstreich im Nacken,
erließ Alfonsín 1987 zwei Amnestiegesetze, das "Schlusspunktgesetz"
und das "Gesetz über den schuldigen Gehorsam". Sein zynischer
Nachfolger, Carlos Menem, wollte in den 90er Jahren einen Deckel über
das leidige Thema schieben und begnadigte die Verurteilten. Doch nicht
alle der vorherigen Erfolge wurden zunichte gemacht, und so erhielten
ehemalige politische Häftlinge, Überlebende der Konzentrationslager
und Kinder, die durch den Völkermord zu Waisen geworden waren, in
den frühen 90er Jahren die ersten Reparationszahlungen.
Der wirtschaftliche
Einbruch und soziale Schock des Jahres 2001 machte die Auseinandersetzung
mit der Vergangenheit wieder zum Thema. Der neue Präsident Néstor
Kirchner reagierte darauf: Gemälde der ehemaligen Generäle wurden
entfernt, die Amnestiegesetze aufgehoben und die alten Verbrecher kamen
wieder vor Gericht. Der Anspruch auf Reparationszahlungen wird von den
geraubten auf alle damals in Gefangenschaft geborenen Kindern ausgeweitet.
Das Konzentrationslager ESMA, in dem Sebastiáns Vater ermordet
worden war, wurde zum Museum, der 24. März soll zum nationalen Gedenktag
deklariert werden. Diese Schritte helfen der Bevölkerung, die eigene
Vergangenheit aufzuarbeiten und schaffen die rechtlichen, politischen
und ethnischen Grundlagen gegen eine Wiederholung dieses Grauens. Jede
wieder "gefundene Identität" verschafft dem Thema neue
Medienpräsenz und der Kampf der "Abuelas" hört
erst dann auf, wenn alle der damals verschwundenen Kinder ihre wahre Identität
kennen. Diese jungen Menschen sind der Beweis dafür, dass diese tragische
jüngste Vergangenheit noch gar nicht so vergangen ist.
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