Aktuelle Ausgabe Nr.3/4* Juli 2006* 31. Jahrgang

Neue Wege zur Integration

Es ist wohl kein Zufall, dass auf der Schlussveranstaltung von Enlazando Alternativas in der Wiener Stadthalle mit Carlos Lage, Evo Morales und Hugo Chávez gerade die Vertreter jener Länder das Wort ergriffen, die maßgeblich an ALBA, einer neuen Initiative zur Integration der Länder Lateinamerikas, beteiligt sind. Sie haben erkannt, was die Krise bestehender regionaler Integrationsprojekte wie Andenpakt oder Mercosur deutlich macht: Eine Integration von oben, ohne die Einbeziehung sozialer Organisationen der Zivilgesellschaft, die nicht auf die Verbesserung der Lebensbedingungen der breiten Mehrheit abzielt, ist zum Scheitern verurteilt; Integration ohne Vernetzung an der Basis ist auf Sand gebaut.

Schwerpunktthema Neue Wege zur Integration

Analyse & Hintergund


Inhaltverzeichnis Nr.3/4 2006

Schwerpunktthema: S.2: Eine Herausforderung für Europa. Enlazando Alternativas als neue interkontinentale Integration; von Leo Gabriel. S.4: Frustration und Entrüstung; Interview mit Raúl Bernal Meza. S.5: Wenig Konkretes im Wiener Prater; von Sandra Schuster. S.6: Europa - Lateinamerika: Langfristige Perspektiven gefragt; von Victor Sukup. S.7: War das alles? Keine strategische Partnerschaft; von Carlos Troger. S.8: Wir alle tragen Verantwortung. Solidarität mit den indigenen Völkern; von Katharina Kneidlinger. S.9: Mit großen Reden allein betrügt man das Volk; Interview mit Joao Pedro Stedile. S.11: Regionale Integration am Wendepunkt; von Raúl Zibechi; S.12: Recht auf Wasser statt Freihandel; Interview mit Elizabeth Peredo. S.14: von ALCA nach ALBA; von Miguel Berro Alto.

Aktuelles & Analyse: S.17: Das mexikanische Wahlspektakel; von Ricardo Löwe. S.18: López Obrador gibt nicht auf; von Gerold Schmidt. S.19: Atenco und die sexuelle Folter; von Carlos Fazio. S.20: Zynismus oder Image-Pflege? Gewalt gegen Frauen; von Gabi Frimberger. S.21: Kolumbien: Der neue alte Präsident. Uribe gewinnt die Wahlen; von Werner Hörtner. S.23: Das Don Bosco Zentrum: Eine Chance für müde Killer; von Ralf Leonhard. S.24: Peru: Zweite Chance für Alan García Pérez; von Jürgen Kreuzroither. S.25: Bolivien: Constituyente gewählt; von Robert Lessmann. S.26: Neubeginn für die Mapuche? von Katharina Jochum.

Aktion & Service: S.28: Kurznachrichten. S.30: Von Athen nach Wien. Das europäische Sozialforum und nach ASF in Graz; von Hermann Dworczak. S.31: Buchbesprechungen: Ernst F. Fürntratt-Kloep: Unsere Helden seid ihr nicht! Das politische Denken Fidel Castros. Corinna Milborn: Gestürmte Festung Europa. Filmkritik: Fünf Fabriken für den Sozialismus. Ein Film von Dario Azzelini.


Leseprobe

Eine Herausforderung für Europa. Enlazando Alternativas als neue interkontinentale Integration

von Leo Gabriel


Er war ein politisches Happening der besonderen Art: der Alternativengipfel Europa – Lateinamerika, Enlazando Alternativas 2, der vom 10. bis 13. Juni in Wien stattfand. 3500 Menschen besuchten über 70 Veranstaltungen – Workshops, Seminare, Diskussionsrunden. Hugo Chávez und Evo Morales kamen auch auf Besuch. Auch die nicht immer einfachen Verhandlungen mit den Botschaften von Venezuela, Bolivien und Kuba haben sich für die VeranstalterInnen gelohnt. Zum ersten Mal in der Geschichte der globalisierungskritischen Sozial(foren)bewegung gab es einen Schulterschluss zwischen Regierungen und Zivilgesellschaft, zum ersten Mal war es gelungen, ein offizielles Gipfeltreffen von an die 60 Regierungschefs in den medialen Schatten selbst jener Stimmungsmacher zu stellen, die bereits im Vorfeld von bevorstehenden "Ausschreitungen" gesprochen hatten.

Braucht Europa Entwicklungshilfe?

Dabei ließ sich der "Alternativengipfel" zunächst eher gemächlich an. Bei der anfänglichen Pressekonferenz im Kongresshaus strömten nach und nach die ankommenden TeilnehmerInnen in den großen Saal und lauschten andächtig den mit viel Verve vorgetragenen Erklärungen jener Bezugspersonen, die während des gesamten Treffens immer wieder in Erscheinung treten sollten: Susan George von Attac-Frankreich, Blanca Chancoso, die emblematische Symbolfigur der ecuadorianischen Indígena-Bewegung, der deutsche Politologe Elmar Altvater und der "spiritus rector" der brasilianischen Landlosenbewegung MST, João Pedro Stedile.
Letzterer sorgte für den ersten medialen Eklat, als er angesichts der politischen Linkswende in Südamerika die rhetorische Frage stellte: "Und was ist los mit Europa? Braucht ihr vielleicht Entwicklungshilfe? Oder haben sich die Grünen und die Sozialdemokraten hier bereits mit den Neoliberalen an der Macht arrangiert?"
Wie sehr diese provokante Frage ins Schwarze traf, stellte sich bald heraus, als während des sorgfältig vorbereiteten "Tribunals der Völker" zwei Tage hindurch die Machenschaften europäischer transnationaler Konzerne (TNK) an den Pranger gestellt wurden. Trotz der Fülle des Materials, mit dem die eigens zu diesem Zweck aus Lateinamerika eingeflogenen Zeugen und Sachverständigen über 30 Fallbeispiele aus den verschiedenen Wirtschaftssektoren (Bodenschätze, Banken, Dienstleistungen, Agrobusiness etc.) dokumentierten, wurde bald klar, dass der Wahnsinn, mit dem die TNK heute in Lateinamerika operieren, eine durchaus verallgemeinerbare Methode hat: Sie treten zunächst mit neuen Technologien unter dem Vorwand auf, die Bedürfnisse der Bevölkerung zu befriedigen, kreieren aber in Wirklichkeit künstliche Bedürfnisse und kontrollieren aufgrund ihrer Quasimonopolstellung bald die lokalen und regionalen Märkte, wobei sie einander Marktanteile zuspielen, als wären sie Bälle auf einem Fußballfeld. Dass sie dabei – im Unterschied zum Fußball – die Felder systematisch zerstören, kümmert sie ebenso wenig wie der Umstand, dass sie bei ihren Beutezügen ganze Bevölkerungen der Arbeitslosigkeit und dem Hunger überlassen.
Ein Beispiel von vielen sind jene beiden Zellulosefabriken, die ein finnischer und ein spanischer Konzern an der Grenze zwischen Uruguay und Argentinien errichten, um so nützliche Dinge wie nicht erneuerbare Papiertücher herzustellen. Einmal in Betrieb genommen, werden die Abfälle der beiden Fabriken den Grenzfluss verseuchen. Die Greenpeace-Aktivistin Evangelina Carrozzo sorgte beim offiziellen Gipfel für großes Aufsehen als sie im Bikini als Sambamädchen "verkleidet" mit einem Schild just beim offiziellen Fototermin der Staatschefs mit einem Transparent auftrat, auf dem geschrieben stand: "No pulpmill pollution".

Alternativen diskutieren und erarbeiten

Aber nicht immer war der Alternativengipfel so vergnüglich: Am 11. und 12. Mai wurden in den Plenardiskussionen zu den fünf Hauptachsen Neoliberale Ordnung, Militarisierung und Menschenrechte, Zusammenarbeit, Integration und politischer Dialog sowie in über 60 Seminaren Konzepte erarbeitet, mit denen in Zukunft die lateinamerikanisch-karibische und die europäische Zivilgesellschaft der Herrschaft der Transnationalen entgegentreten wollen. Das Spektrum reichte von den Forderungen der des "Terrorismus" angeklagten Mapuche-Indianer, die sich gerade im Hungerstreik befanden, über die Ernährungssouveränität und das partizipative Budget (Beteiligungshaushalt) bis zum Entwurf des lateinamerikanischen Integrationsmodells ALBA (zu dieser und anderen Integrationsinitiativen gibt es in diesem "Panorama" noch mehr zu lesen).
Das "Dreigestirn" Venezuela, Bolivien und Kuba, personifiziert durch die Präsidenten Hugo Chávez und Evo Morales sowie durch den Vizepräsidenten des kubanischen Staatsrats Carlos Lage, war es dann auch, das am letzten Tag des Alternativengipfels besonderes Aufsehen erregte. Während eines Kulturprogramms platzten sie in die bis auf den letzten Platz gefüllte Wiener Stadthalle, um dadurch zu dokumentieren, dass der Alternativengipfel zur Hauptsache des Treffens der Regierungschefs geworden war.

Ein neuartiges Netz der Solidarwirtschaft

Auch wenn die zweieinhalbstündige Rede des venezolanischen Staatspräsidenten etwas zu lang ausfiel und für sich lichtende Reihen sorgte, zeigten die über 2000 TeilnehmerInnen dieser Schlussveranstaltung immer wieder lautstark ihre Zustimmung, etwa als Chávez sagte: "Wir sind nicht hierher gekommen, um uns bei einem folkloristischen Ereignis zu vergnügen, sondern um der Frage nachzugehen, wie diese neue Allianz zwischen Regierungen und Zivilgesellschaft durch die Ausarbeitung konkreter Projekte besiegelt werden könnte."
Gesagt, getan: noch im August dieses Jahres wird in Caracas ein Treffen von VertreterInnen der wichtigsten lateinamerikanischen und europäischen Netzwerke stattfinden, bei dem konkrete Projekte diskutiert werden, in denen die Netzwerke selbst als AkteurInnen eines neuartigen, solidarwirtschaftlichen Marktgeflechts auftreten sollen. Das politische Projekt Enlazando Alternativas, das so viele Menschen aus so unterschiedlichen Kulturen in Wien zusammengeführt hat, wird also weitergehen.
Wie aber wird es weitergehen? Darüber gibt es derzeit noch unterschiedliche Auffassungen, die insgesamt einen Diskussionsprozess widerspiegeln, in dessen Verlauf sowohl im Weltsozialforum als auch im Europäischen Sozialforum heftige Debatten stattgefunden haben. Während die brasilianischen "Patriarchen" der Gründergeneration und viele der großen europäischen Nichtregierungsorganisationen unter Berufung auf die Charta von Porto Alegre den Event-Charakter der Foren betonen, in dem der offene Gedankenaustausch über mögliche Alternativen zu Neoliberalismus und Krieg als der höchste Wert angesehen wird, meinen die meisten RepräsentantInnen der sozialen Bewegungen in Lateinamerika und in Europa, dass dieses Format bereits an seine Grenzen gestoßen sei. "Ich werde den Eindruck nicht los, dass hier immer derselbe Film abläuft", sagte Paul Nicholson, ein maßgeblicher Aktivist von Via Campesina, im Anschluss an das letzte Europäische Sozialforum in Athen.

Die Bewegung vor der Machtfrage

Und tatsächlich drängt ganz besonders die jüngere Generation unter den AktivistInnen immer mehr auf die Umsetzung der in den Sozialforumsprozessen entworfenen Ideen und Projekte. "Wenn wir uns nicht der Machtfrage stellen, dann verkommen diese Versammlungen zu folkloristischen Ereignissen", hatte auch Hugo Chávez bei seiner Rede am letzten Weltsozialforum in Caracas gewarnt.
Auf den Enlazando Alternativas-Prozess bezogen bedeutet das, dass sich der politische Dialog nicht nur auf die zivilgesellschaftlichen Organisationen beiderseits des Atlantiks beschränken dürfe, sondern auch einen biregionalen Dialog zwischen der Zivilgesellschaft und den Regierungen einschließen müsse – wie das eben in Wien der Fall gewesen ist. Das heißt nun keineswegs, dass sich die am Prozess teilnehmenden zivilgesellschaftlichen Organisationen zu einer Art "V. Internationale" entwickeln würden. (So lautet der zu Unrecht erhobene Vorwurf mancher etablierten Kräfte, unter denen sich auch viele der europäischen Linksparteien befinden.)
Wenn sich Enlazando Alternativas im Unterschied zu und in Weiterentwicklung des Sozialforumsprozesses zum Ziel gesetzt hat, sich zu einem eigenständigen politischen Subjekt zu entwickeln, so muss dieses Subjekt über zwar durchaus diversifizierte, aber eigenständige demokratische Strukturen verfügen, um politisch handlungs- und reaktionsfähig zu sein; nicht notwendigerweise im Sinne eines Repräsentationssystems, aber zumindest in Form einer gemeinschaftlichen Konsensfindung, an der sich die größtmögliche Anzahl der teilnehmenden Organisationen beteiligen.
Andererseits bedeutet dies aber auch, dass der politische Dialog mit jenen Kräften gesucht werden sollte und könnte, welche – wie die europäischen Grünen oder die Sozialdemokratie – nicht oder nur teilweise mit den von den zivilgesellschaftlichen Netzwerken erarbeiteten Alternativvorschlägen übereinstimmen. Erst dann wird es für Enlazando Alternativas die Möglichkeit geben, sich in die laufenden politischen Prozesse als Machtfaktor einzumischen, ohne dabei seine Identität als Widerstand gegen Neoliberalismus und Krieg preiszugeben oder davon Abstriche zu machen.
Wie dem auch immer sei: Der Alternativengipfel in Wien hat eine Reihe von neuartigen Möglichkeiten aufgezeigt, die beim Tribunal, bei den Seminaren und beim Schlussforum aufgezeigten Lösungen in Zukunft nicht nur konzeptuell weiter zu entwickeln, sondern im Rahmen einer neuartigen politischen Dialogkultur auch in der Praxis umzusetzen.

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Leseprobe

Wandmalereien gegen den Freihandel. Interview mit Elizabeth Peredo

von Ulla Ebner


Die bolivianische 'Fundación Solón' empfindet sich als eine Bewegung für die solidarische Integration von Lateinamerika. Mit der Direktorin der NGO, Elizabeth Peredo, sprach Ulla Ebner im Rahmen des Tribunals der Völker beim EU–Lateinamerika-Gipfel.

- : Können Sie uns die 'Fundación' kurz vorstellen?
E.P.: Die Fundación Solón ist eine bolivianische Organisation, die nach dem bolivianischen Künstler Walter Solón benannt ist, der Wandmalereien zu sozialen Themen gemacht hat. Wir arbeiten in Bolivien zu Fragen wie Integration und Freihandel, Wasser und Menschenrechte. Wir unterstützen die bolivianische Bewegung, die ursprünglich gegen ALCA entstanden ist und sich mittlerweile zu einer Bewegung für solidarische Integration von Lateinamerika entwickelt hat. Und wir verknüpfen in unserer Arbeit die Forderungen der sozialen Bewegungen mit künstlerischem Schaffen. Letztes Jahr haben wir zum Beispiel eine Kampagne gegen Freihandel gemacht und mit Jugendlichen fünfzehn Wandmalereien erstellt. Wir nehmen jene Ideen der Gesellschaft auf, die auf Veränderungen abzielen. Denn es handelt sich nicht nur um einen Diskurs, sondern es geht auch um neue Vorschläge, um einen Akt der Schöpfung.

- : Sie stellten hier am Tribunal der Völker einen Fall von Wasserprivatisierung in Cochabamba vor. Worum ging es da?
E.P.: Ich präsentierte eine Art aktuelle Zusammenfassung der Wasser-Thematik in Bolivien. Der Fall Cochabamba hat auf internationaler Ebene viel Widerhall gefunden, insbesondere in Form von internationaler Solidarität. Es entsand eine weltweite Forderung, dass Wasser als öffentliches Gut, als Menschenrecht und als Gut der Natur gesehen werden muss.
Was ich zeigen wollte, ist wie der Kampf um das Wasser im Jahr 2000 begann, als die Bevölkerung von Cochabamba gegen den US-Konzern Bechtel rebellierte. Der Vertrag dauerte ungefähr sechs Monate. Und in diesen sechs Monaten gelang es dem Konzern, die gesetzlich geregelten Wasser-Zugangsrechte von Campesinos und Indigenen zu ändern. Außerdem erhöhte er den Tarif für Wasser um 300%. Einfach skandalös! Investiert haben sie lediglich eine halbe Million Dollar. Und nachdem sie unsere Rechte verletzt hatten und rausgeworfen wurden, verklagten sie uns vor dem CIADI1 auf 25 Millionen Dollar.

- : Wie ist es der bolivianischen Bevölkerung gelungen, Bechtel zum Rückzug zu bringen?
Die Bevölkerung, die Indigenen, die Wasserkonsumenten und -konsumentinnen übten Druck aus und forderten die Lösung des Vertrags. Die Proteste weiteten sich auch auf andere Regionen des Landes aus, es gab mehrere Tote und viele Verhaftungen. Der soziale Konflikt erreichte ein extremes Ausmaß. Und so hatte die Regierung schließlich keine andere Wahl, als das Unternehmen zu bitten, sich zurückzuziehen. Angesichts des explodierten sozialen Konflikts verließ der Multi fluchtartig das Land. Davor hatte er starken Druck auf die Regierung ausgeübt und sogar erreicht, dass das Militär die Stadt Cochabamba besetzte.
Der Kampf um das Wasser in Cochabamba wurde zum Paradebeispiel, wie Wasserprivatisierung in Ländern der Dritten Welt funktioniert. In unserem Fall waren es die Weltbank sowie die Interamerikanische Entwicklungsbank, die Bolivien dazu gezwungen hatten, die Wasserversorgung zu privatisieren – als Gegenleistung für einen teilweisen Schuldenerlass. Offizielle Begründung war, dass transnationale Unternehmen effizienter arbeiten würden. Sie zwangen uns also diese amerikanische Firma auf – eines der größten Unternehmen der Welt, mit einem Umsatz doppelt so groß wie das Bruttoinlandsprodukt Boliviens.
Der Konzern verpflichtete sich, in den Ausbau der Infrastruktur zu investieren, doch er hielt diese Vereinbarung nicht ein. Er setzte vielmehr ein Gesetz durch – das Gesetz 2029 –, das den Indigenen ihre Wasserquellen wegnahm und sie unter die Kontrolle des Unternehmens stellte.
Cochabamba ist ein sehr gutes Beispiel dafür, wie diese Privatisierungen unter dem Deckmantel der Effizienzsteigerung durchgeführt werden und dennoch die Trinkwasserversorgung der Bevölkerung nicht sicherstellen können. Das heißt das Recht auf Trinkwasser der armen Bevölkerung wird verletzt.
Und dies zeigt ganz deutlich und beispielhaft, dass dieses System, das die großen Unternehmen beschützt, die Ressourcen der armen Länder angreift. Bechtel klagte uns dann mit dem Argument: "Gut, wir haben nur eine halbe Million Dollar investiert, aber wir hätten innerhalb von 30 Jahren Hunderte Millionen Dollar verdienen können." Und jetzt sollten wir sie für diesen künftigen Verdienstentgang entschädigen!
Aber die bolivianische Bevölkerung hat sich gewehrt. Wir organisierten eine riesige Kampagne und erhielten viel Solidarität aus der ganzen Welt. Nach fünf Jahren erreichten wir schließlich, dass Bechtel die Klage zurückzog. Der Konzern ist jetzt in den Wiederaufbau im Irak involviert und macht dort gute Geschäfte. Das Thema Cochabamba hat wohl sein Image gefährdet, und deshalb entschied er sich, seine Anteile um zwei bolivianische Pesos, das sind 25 Cent, an den bolivianischen Staat zu verkaufen.

- : Wie wir wissen, haben wirtschaftliche und soziale Veränderungen ganz unterschiedliche geschlechtsspezifische Auswirkungen. Inwiefern betrifft also die Privatisierung der Trinkwasserversorgung Frauen anders als Männer?
E.P.: Wir haben gemeinsam mit anderen lateinamerikanischen Frauenorganisationen eine Studie darüber gemacht, wie sich die Wasserprivatisierung speziell auf Frauen auswirkt. Frauen sind für alle Bereiche der sozialen Reproduktion zuständig. Also für den ganzen Bereich des Haushalts, auch die Rechnungen. Wer bezahlt die Rechnung, wenn sie dir das Wasser abdrehen? Wer kümmert sich darum, dass es wieder aufgedreht wird? Wer beschafft das Geld, um die Strafe zu bezahlen? Das sind wir Frauen!
Die ärmsten Teilen der Bevölkerung mussten innerhalb eines Monats dreimal soviel zahlen. Wenn sie zuerst 12 Bolivianos zahlten, dann wurden es plötzlich 36. Und das ist sehr viel Geld für eine arme Familie. Also was machten die Frauen? Sie verzichteten auf das Wasser des Trinkwassersystems und kauften das Wasser der Tankwägen, das billiger, aber qualitativ minderwertig ist. Und wer wird wohl um vier oder fünf Uhr morgens auf den Tankwagen warten? Die älteste Tochter. Sie muss in der Früh Schlange stehen und das Wasser nach Hause schleppen. Danach ist sie oft zu müde, um noch in die Schule zu gehen. Und wenn sie doch hingeht, kann sie sich nicht gut konzentrieren. Vor allem die jungen Frauen und Mädchen haben die meiste Last zu tragen.

- : Und welchen Sinn sehen Sie im Tribunal der Völker? Welche Ergebnisse erwarten Sie sich?
Ich glaube, dass das Tribunal eine sehr interessante Initiative ist, denn sie ermöglicht der Zivilgesellschaft, die ja normalerweise aus dem Prozess der Privatisierung völlig ausgeschlossen ist, ihren Standpunkt öffentlich bekannt zu machen. Und wir hoffen, dass wir genügend Fakten und Vorschläge sammeln können, damit diese Fälle auf anderen Ebenen der internationalen Integration und auch in internationalen Protokollen Niederschlag finden. Was wir wollen, ist eine internationale Deklaration, die das Recht auf Wasser als universelles Menschenrecht und Recht der Natur anerkennt. So etwas Ähnliches wie das Kyoto-Protokoll.

Webtipp: http://www.funsolon.org/

(1) CIADI: Centro Internacional para el Arreglo de Diferencias relativas a Inversiones. Eine Institution der Weltbank.

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Wenig Konkretes im Wiener Prater. Kein neuer Schwung durch den EULAC Gipfel in Wien

von Sandra Schuster


Der offizielle EU–Lateinamerika–Karibik-Gipfel sollte Anstöße für neue Freihandelsabkommen bringen, doch von neuem Schwung und wirklicher Partnerschaft war wenig zu spüren.

Vom 11. bis zum 13. Mai fand unter österreichischer EU-Ratspräsidentschaft in Wien der IV. EU–Lateinamerika–Karibik-Gipfel statt. Sieben Jahre nach dem verheißungsvollen Auftakt dieser Treffen auf höchster Ebene präsentierte man sich auf Seiten der EU zwar optimistisch. Dennoch überwog eine verhaltene bis nüchterne Erwartungshaltung, die auch nicht weiter verwundert: Nach dem Linksruck in Lateinamerika saß Europa höchst unterschiedlichen politischen Partnern gegenüber, deren Vorstellungen sich mit den europäischen Plänen von Freihandel und Integration längst nicht auf einen Nenner bringen lassen.
Etwas abgelegen von der Innenstadt, nahe Wiens berühmtem Prater, hebt sich das Messezentrum, Tagungsort des Gipfels, vom bunten Treiben der Umgebung deutlich ab. Fahnen und Transparente schmücken den langen, gläsernen Betonbau und kündigen vom Großereignis der nächsten Tage: Staats- und Regierungschefs aus insgesamt 33 Staaten Lateinamerikas und der Karibik sowie den 25 Mitgliedstaaten der erweiterten Europäischen Union nahmen am Gipfeltreffen teil. Erstmals in dieser Runde vertreten waren zudem Bulgarien und Rumänien sowie Kroatien und die Türkei.

Mächtige Konkurrenten um den Markt

Von europäischer Seite war im Vorfeld allein der Startschuss von Verhandlungen mit den Ländern Zentralamerikas ins Auge gefasst worden. In Lateinamerika hat die EU bislang Freihandelsabkommen mit Mexiko und Chile abgeschlossen. Ein Vertrag mit den zentralamerikanischen Staaten ist für die EU hingegen von weitaus geringerer ökonomischer Bedeutung. Allerdings handelt es sich hierbei wohl um einen strategisch nicht unwesentlichen Schritt, um auf dem amerikanischen Kontinent im Wettbewerb mit den USA nicht ins Hintertreffen zu geraten. Ein weiterer Konkurrent ist China, das sein Handelsvolumen mit Lateinamerika in relativ kurzer Zeit verdoppeln konnte. Demgegenüber wurden die Gespräche mit dem Mercosur über das seit langem verhandelte Freihandelsabkommen von vornherein ganz nach hinten auf die Tagesordnung gesetzt. Grund für den ins Stocken geratenen Verhandlungsprozess sind die EU-Agrarsubventionen, an deren substantiellem Abbau die Mercosur-Mitgliedsstaaten als zentrale Forderung für Zugeständnisse ihrerseits festhalten. Zugleich handelt es sich hierbei um einen Konflikt, der ebenso die laufenden Handelsverhandlungen auf multilateraler Ebene bestimmt. Auf diesen Zusammenhang wies Brasiliens Präsident Luiz Inácio Lula da Silva hin, indem er den Wiener Gipfel als "Zeit für Entscheidungen und Möglichkeiten" wie auch als "entscheidenden Impuls" für die Doha-Runde der WTO rühmte. Des Weiteren betonte er in Bezug auf die Agrarsubventionen, dass nur dann ein "guter Abschluss" erreicht werden könne, "wenn die Staats- und Regierungschefs sich zu mutigen Entscheidungen durchringen könnten."

Von "Strategischer Partnerschaft" zur "Nachbarschaft"?

Bislang wurde der Abschluss von Wirtschaftsabkommen mit lateinamerikanischen Staaten von der EU politisch auf die Formel einer "strategischen Partnerschaft" gebracht. Als Bezugpunkt des Wiener Gipfels stellte die österreichische Außenministerin Ursula Plassnik in ihrer Funktion als EU-Ratsvorsitzende nun die "Nachbarschaft im Global Village" heraus. In Hinblick auf die "große und gemeinsame Herausforderung der Globalisierung" stehe im Vordergrund der Gespräche, wie die beiden Regionen als Nachbarn künftig damit umgehen, so Plassnik. Zudem verwies sie darauf, dass die EU sich in diesen Prozessen als "unterstützender" und "verlässlicher" Partner verstehe, der "Impulse setzen" wolle und den lateinamerikanischen Staaten anbiete, den Erfahrungsschatz von "50 Jahren regionaler Integration" zu nutzen.
Im Zusammenhang mit diesem Ansatz waren neben Handels- und Wirtschaftsfragen auch Gesprächsthemen wie Demokratie, Menschenrechte, Migration oder sozialer Zusammenhalt identifiziert worden. Gleichwohl wurde doch bald deutlich, dass ein solches Vorgehen kaum dazu verhalf, um über Differenzen in den Kernfragen der Handels- und Wirtschaftsintegration hinwegzukommen. So war vor allem die Nationalisierung von bolivianischem Gas und Öl das Thema, das die Agenda zunehmend bestimmte und bereits im Vorfeld für viel Wirbel gesorgt hatte. Von der Neuregelung betroffen sind neben dem brasilianischen Petrobras europäische Konzerne wie der spanische Repsol-YPF, British Gas und die französische Total.
Auf dem Gipfel war Evo Morales, der Präsident Boliviens, von Plassnik mit dem Verweis auf Rechtssicherheit angehalten worden, für Klarstellung zu sorgen. Weniger zurückhaltend äußerte sich der österreichische Bundeskanzler Wolfgang Schüssel. So gab er zu verstehen, dass die lateinamerikanischen Staaten "die Wahl" hätten, "Gelder und technische Unterstützung zur Förderung natürlicher Ressourcen zu erhalten oder eben nicht".

Alles dreht sich um Morales

Morales äußerte sich in einer Pressekonferenz zum Vorwurf des mexikanischen Präsidenten Vicente Fox, der auf dem Gipfel die Funktion des Vize-Präsidenten übernommen und "Populismus" als "entwicklungsschädlich" verurteilt hatte. Dem stellte er entgegen, dass er darin nichts Schlechtes sehe, mit dem breiten Rückhalt der bolivianischen Bevölkerung die Politik umzusetzen, für die er gewählt wurde. Die "Rückgewinnung der Souveränität über die natürlichen Ressourcen" sei dabei ein wesentliches Ziel, wobei er anmerkte, dass Verstaatlichung nicht zwangsläufig Enteignung bedeuten müsse. Als weitere Schritte für Entwicklung nannte Morales Alphabetisierung, den Ausbau des Bildungs- und Gesundheitswesens sowie die Förderung von KleinunternehmerInnen und kleinbäuerlichen Betrieben.
Im Zusammenhang mit Morales und der künftigen wirtschaftspolitischen Ausrichtung Boliviens stellte sich auf dem Wiener Gipfel zudem die Frage nach der Zusammenarbeit innerhalb der Andengemeinschaft (CAN, Comunidad Andina). Die EU hatte auch diesem Integrationsbündnis, das nach dem Austritt Venezuelas nunmehr aus Kolumbien, Peru, Ecuador und eben Bolivien besteht. einen Vorschlag für ein Freihandelsabkommen unterbreitet. Als Ergebnis der internen Sondierung verkündete schließlich Perus Präsident Alejandro Toledo, dass unter Einschluss Boliviens Ende Juli mit der EU Gespräche über ein Abkommen aufgenommen würden. Angedacht sei ein Modell mit unterschiedlichen Geschwindigkeiten, das dem jeweiligen Öffnungs- und Entwicklungsgrad der Länder Rechnung trage. Zudem unterstrich er die Absicht Perus, den für 2008 geplanten V. EU-Lateinamerika-Karibik Gipfel in Lima ausrichten zu wollen.
Lateinamerika befindet sich weiter im Wandel, bedingt auch durch die zahlreichen Wahlen, die in diesem Jahr noch stattfinden. Auch ist weiter offen, ob und wie sich die EU in der Frage der Agrarbeschränkungen bewegt. Ein ernstzunehmender Abbau jedenfalls wäre ein erster Schritt, die Beziehungen zu Lateinamerika zu verbessern.

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Von ALCA nach ALBA

von Miguel Berro Alto


Die "Alternativa Bolivariana para las Américas" (ALBA) hat mit Venezuela, Kuba und Bolivien bereits drei Vollmitglieder. Kann dieses alternative Integrationsprojekt einen Ausweg aus der Abhängigkeit vom Norden bieten?

Der Affront war Kalkül: Noch vor seinem Amtsantritt am 22. Jänner 2006 besuchte der neue bolivianische Staatspräsident Juan Evo Morales Ayma zunächst Havanna und Caracas, nachdem er zuvor in seinem Wahlkampf großzügig vom venezolanischen Staatschef, Hugo Rafael Chávez Frías, unterstützt worden war. Havanna sagte bereits zu, die Augenoperationen gegen den grauen Star auch den Bolivianern anzubieten, während Caracas die Ausgabe von Personalausweisen an alle EinwohnerInnen Boliviens finanzieren will.
Weiter ging dann Morales' Reise nach Europa, China, Südafrika und Brasilien. Washington, wo sich einst jeder "anständige", neu gewählte Präsident Lateinamerikas vorstellte, stand nicht auf dem Programm. In seinem Wahlkampf hatte sich Morales – nach dem mexikanischen Präsidenten Benito Juárez (1858–1872) erst das zweite indigene Staatsoberhaupt in der Geschichte Lateinamerikas – bereits als "kommenden Alptraum des Weißen Hauses" angekündigt. Chávez, sein venezolanischer Amtskollege, hatte das Gipfeltreffen der Organisation Amerikanischer Staaten (OAS) im argentinischen Mar de Plata Anfang November 2005 schon im Vorfeld als "Grab von ALCA" definiert. Jenem ALCA (Área de Libre Comercio das Américas) also, welches die USA seit Mitte der 1990er Jahre als panamerikanische Freihandelszone nach ihren Vorstellungen vorantrieben. Tatsächlich darf ALCA seit Mar de Plata als gescheitert angesehen werden. Was aber ist eigentlich ALBA, dieses von Chávez so sehr gepuschte Integrationsprojekt?

Die bolivarische Morgendämmerung

ALBA (Bolivarische Alternative für die Amerikas) ist eine im Jahr 2005 begonnene Kooperation zwischen Venezuela und Kuba zum Aufbau einer Wirtschafts- und Interessengemeinschaft. Vorgestellt wurde das Vorhaben vom venezolanischen Staatspräsidenten Chávez erstmals im Dezember 2001 auf dem III. Gipfeltreffen karibischer Staats- und Regierungschefs, das seinerzeit auf der venezolanischen Karibikinsel Isla Margarita stattfand. Der Name ist nicht zufällig gewählt: Zum einen bedeutet "alba" im spanischen "Morgendämmerung". Die Namensähnlichkeit zu "ALCA" ist kein Zufall, schließlich sehen die Initiatoren von ALBA ihr Projekt in klarer Opposition zu ALCA. Die Bezeichnung "bolivarisch" wurde in Anlehnung an den in Venezuela geborenen Freiheitskämpfer Simón Bolívar gewählt, der im 19. Jahrhundert vergeblich das Ziel einer panamerikanischen Union der hispanoamerikanischen Staaten verfolgte.
Kommen wir nun zu den Zielen von ALBA: ALBA soll zeigen, dass ein anderes Amerika möglich ist. Der Epoche der Militärjuntas folgte Mitte der 1980er Jahre in ganz Lateinamerika (bis auf Kuba) eine neoliberale Wirtschaftspolitik, vorangetrieben von den USA, der Weltbank und dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und mit fatalen Folgen: Vom Wirtschaftswachstum haben nur wenige profitiert, während breite Bevölkerungsschichten verelendeten. Durch einen massiven Anstieg der Arbeitslosigkeit ist die Kaufkraft in allen betroffenen Staaten teilweise beträchtlich gesunken, was zu erheblichen Einbrüchen in der Binnenkonjunktur führte. Da ALCA genau diese neoliberale Wirtschaftspolitik in der Form einer absoluten Liberalisierung des Handels von Gütern und Dienstleistungen verfolgt, ohne dass die Regierung der USA bereit ist, im Gegenzug die erheblichen Subventionen auf ihre eigenen, vor allem landwirtschaftlichen Güter ebenfalls abzubauen, entwickelte sich ein breiter Widerstand gegen ALCA. So vertreten die ALBA-Protagonisten die Meinung, dass ALCA ausschließlich die Interessen des Kapitals bedient und die jetzt schon dramatische soziale Schieflage in den Staaten Lateinamerikas weiter verschärfen würde.

Gemeinsam gegen Armut und soziale Ausgrenzung

ALBA hingegen definiert sich als Programm mit Betonung auf dem Kampf gegen Armut und soziale Ausgrenzung; man möchte durch die Schaffung gemeinsamer Fonds gemeinsame Vorteile unter den beteiligten Nationen schaffen. Nur so würde auch der Lebensstandard der Bevölkerung wachsen können. Nicht zuletzt diese verbesserten Lebensbedingungen sind nötig, um die brachliegende Binnennachfrage der lateinamerikanischen Länder wieder zu beleben. Die Auswüchse der neoliberalen Wirtschaftspolitik drohen die nachhaltige innere Entwicklung des Kontinents zu zerstören, da ALCA nur den reichen, finanzkräftigen Industrienationen nutzt. ALBA hingegen will eine "Allianz der Gewinner" schaffen, beruhend auf der Solidarität zwischen den Regierungen und Völkern Lateinamerikas.
Von zentraler Bedeutung ist dabei der landwirtschaftliche Sektor: Er stellt die erste zentrale Säule im Programm dar. Die Betrachtung der Landwirtschaft als zentralen Faktor mag dabei für einen Westeuropäer auf den ersten Blick befremdend klingen. In Lateinamerika ist sie jedoch auch aus kulturellen Gründen von entscheidender Bedeutung, sieht man doch hier nicht zuletzt eine Möglichkeit, kulturelle Vielfalt und kulturelle Möglichkeiten zu wahren. Hierbei ist vor allem die wichtige Rolle der Kokapflanze zu beachten, von der es über 200 Sorten gibt, von denen sich nur ein geringer Teil zur Produktion von Kokain eignet (dieses Kokain könnte ohne Chemikalien aus den USA und Europa übrigens gar nicht erzeugt werden).

Priorität Agrarpolitik

Von zentraler Bedeutung ist die Landwirtschaft aber vor allem deshalb, weil die Überschwemmung des Marktes mit von den USA hoch subventionierten Gütern eine erhebliche Verzerrung des Wettbewerbes zur Folge hat: Die inländische Landbevölkerung ist unter solchen Bedingungen weder konkurrenzfähig, noch kann sie sich auf Dauer selbst ernähren. ALBA sieht in der gegenwärtigen Agrarexportpolitik seitens der mächtigen Industrieländer eine Marktverzerrung sowie einen Machtmissbrauch. Deshalb wollte man nicht akzeptieren, dass sich die ALCA-Verhandlungen des Agrarmarktes darauf beschränken, dass die Entwicklungsländer ihre Zollschranken abbauen, solange sich vor allem die USA weigern, ihre undurchsichtigen Subventionen und weitere Maßnahmen gleichartiger Wirkung offen zu legen und ebenfalls abzubauen. Die Ignoranz der US-Regierung und eine seltene Einigkeit der lateinamerikanischen Staaten haben im November 2005 besonders in diesem Punkt ALCA zum Scheitern gebracht.

Verhängnisvolles Patentsystem

Auch das gegenwärtige Patentsystem, das im ALBA- Programm als Biopiraterie bezeichnet wird, stellt die Versorgung und die Landwirtschaft Lateinamerikas vor erhebliche Probleme. Dieses und die daraus entstehende Machtkonzentration mit den dadurch verursachten hohen Preisen schließen nicht nur in Lateinamerika große Teile der Bevölkerung von der medizinischen Grundversorgung aus. So führte die Einführung der Patente auf Medikamente in Ägypten im Vergleich zu patentlosen Medikamenten zu Preiserhöhungen auf das 5- bis 6-fache. Als Gegenbeispiel zum gegenwärtigen Patentsystem der mächtigen Länder des Nordens wird hier Indien genannt: Hier hält man sich nicht an den Patentschutz, Preise für Pharmaka sind bis zu 41-mal niedriger – bei einer blühenden Pharmaindustrie mit über 20.000 Unternehmen.
Das gegenwärtige Patentsystem mit den obigen Ausprägungen schließt aber nicht nur weite Teile der Bevölkerung von einer medizinischen Grundversorgung aus. So wird der Samenmarkt von nur fünf transnationalen Unternehmen kontrolliert. Daher wird für alle Länder ein freier Zugang zum Wissen in Form der Patente eingefordert, im Gegenzug sollen die genetische Vielfalt und das reichhaltige traditionelle Wissen der Länder des Südens als gleichberechtigt berücksichtigt werden.
Im ALBA- Programm werden die Bereiche Gesundheit, Bildung, Trinkwasser, soziale Sicherheit, Kultur, Telekommunikation, Energie und Luftfahrt als wesentliche Dienstleistungen definiert, die in Folge der Liberalisierungs- und Privatisierungswelle in weiten Teilen Lateinamerikas komplett verstaatlicht wurden. Bei den Investoren handelt es sich um transnationale Unternehmen aus den USA und der EU. Die Machtfülle dieser Unternehmen und die Abhängigkeit der betroffenen lateinamerikanischen Staaten sorgen zum einen dafür, dass die Profite bei der Grundversorgung wie auch beim Abbau von Bodenschätzen ins Ausland wandern und somit der ohnehin brachliegenden Binnenkonjunktur vorenthalten bleiben. Bei der Grundversorgung mit öffentlichen Gütern sollte die Befriedigung der Bedürfnisse der Personen und nicht der Profit, die sozialen Bedürfnisse der Individuen und nicht die Kaufkraft an erster Stelle stehen. Gleichzeitig hat diese Art der Privatisierung zu monopolistischen bzw. oligopolistischen Entwicklungen mit steigenden Preisen bei fallender Qualität zu Lasten der breiten Masse der verarmenden Bevölkerung geführt. Die Grundversorgung mit wesentlichen Dienstleistungen sowie die Erschließung von Bodenschätzen sollten Sache des Staats sein, zugunsten einer breiten Versorgung.

Grundversorgung als Aufgabe des Staates

In Bolivien hat diese Entwicklung unlängst zu heftigen Auseinandersetzungen geführt. So ging der Wasserkrieg in Cochabamba auf die unverfrorene Art der Wasserprivatisierung zurück, während die Volksaufstände von 2003 und 2005 auf den wachsenden Unmut der Bevölkerung über die kolonial anmutende Selbstbedienungsmentalität der transnationalen Konzerne bei der Förderung der reichhaltigen Bodenschätze des Landes zurückzuführen waren. Als Folge dieser Proteste gelang es Evo Morales, dem Anführer der bolivianischen Kokabauernbewegung, als erstem Kandidaten in der Geschichte Boliviens, bereits im ersten Wahlgang der Präsidentschaftswahlen die absolute Mehrheit zu gewinnen.
Neben den oben genannten Forderungen setzt sich ALBA auch für die Betonung der Bedeutung von Menschen- und Arbeitsrechten, der Rechte der Frau und des Umweltschutzes ein. Den zentralen Punkt stellt aber die Vertiefung der Zusammenarbeit der lateinamerikanischen Staaten außerhalb jeglichen Einflusses internationaler Organisationen (v.a. IWF und Weltbank) dar. Ein Einfluss, der im ALBA- Programm scharf als "unheilvoll" kritisiert wird. Erreicht werden soll dies schließlich durch die Bildung von Ausgleichsfonds oder Fonds der strukturellen Anpassung mit dem Ziel, die bestehenden gravierenden Entwicklungsgefälle zwischen den Ländern und Produktionssektoren zu reduzieren (durch ausgleichende Korrekturen). Dabei sollen neben den gängigen Kriterien (Pro-Kopf-Einkommen, Bruttonationaleinkommen, Bevölkerungsgröße) individuelle Kriterien wie z.B. Unterschiede in der Einkommensverteilung, Zusammensetzung der Exporte, Verwundbarkeit durch externe Einflüsse usw. berücksichtigt werden. Jedes Land soll sich dabei auf die Güter konzentrieren, für die es die besten Möglichkeiten hat, und durch gleichberechtigte Kooperationen mit seinen Partnern gemeinsam mit diesen profitieren.

Konkrete Projekte und Maßnahmen

Dass ALBA kein Papiertiger ist, zeigen die folgenden konkreten Projekte und Realisationen: Am 14.2.2004 unterzeichnen der venezolanische Staatspräsident Chávez und sein kubanischer Amtskollege Fidel Castro einen Vertrag zur Umsetzung von ALBA, mit der langfristig ganz Lateinamerika aus dem "Würgegriff" der USA befreit werden soll. Im Kern garantiert Venezuela Kuba Öllieferungen zu einem Preis von 27 US$ pro Barrel. Zweitausend VenezolanerInnen dürfen jährlich auf der Antilleninsel studieren, Kuba schickt Ärzte nach Venezuela zur Grundversorgung der armen Bevölkerungsteile und bildet 15.000 venezolanische ÄrztInnen aus.
Der gemeinsame Bau einer Gaspipeline für Südamerika mit einer Länge von 8000 Kilometern wurde am 20.01.2006 von Venezuela, Brasilien und Argentinien beschlossen. Dabei wurde auch eine gemeinsame Ausbeutung der Öl- und Gas-Vorkommen im Golf von San Jorge in Argentinien und im Orinoco-Becken in Venezuela vereinbart. Auch die bolivianischen Gasvorkommen sollen schnell an die Pipeline angeschlossen werden. Bolivien ist momentan der größte Gaslieferant von Argentinien und Brasilien und besitzt die zweitgrößten Treibstoffreserven auf dem südamerikanischen Kontinent.
Finanziert werden sollen Infrastrukturmaßnahmen wie dieses Mammutprojekt, die auf die wirtschaftliche Entwicklung und Integration der Region zielen, langfristig mit einer bald zu gründenden gemeinschaftlich finanzierten "Banco del Sur".
Mit "Televisión del Sur" (kurz: Telesur) wurde am 24.7.2005 auf Initiative von Venezuela ein multistaatlicher TV- Satellitensender in Betrieb genommen. Beteiligt sind Venezuela, Argentinien, Kuba, Uruguay und Brasilien. Ziel ist – nach Vorbild des arabischen Nachrichten Senders Al Jazeera – eine von den Interessen der USA unabhängige Berichterstattung, welche die beteiligten Staaten, allen voran Venezuela, besser darstellen soll.

Ein neuer Dritter Weg

Bei ALBA handelt es sich also um weitaus mehr als um blanken Populismus, wie es vor allem von der Regierung der USA dargestellt wird. Am 30. April 2006 ist mit Bolivien ein dritter Staat offiziell beigetreten. ALBA steht dabei nicht in Konkurrenz zum 1990 gegründeten Mercosur; Chávez' Politik zielt auf enge internationale Kooperationen ab, wie die obigen Beispiele zeigen. In politischer Hinsicht ist ALBA als Dritter Weg zwischen Sozialismus und Kapitalismus mit einem starken sozialen Charakter zu sehen. Dabei wird nach aktuellem Stand nicht der Kommunismus, sondern eine Chancengleichheit (besonders in den Bereichen Bildung und Gesundheit) angestrebt. In Bolivien wurde der Wahlsieg von Morales wie die Gewinnung einer tatsächlichen Unabhängigkeit gefeiert. Problematisch ist jedoch die enge Bindung von ALBA an die Person Chávez, so dass auch abzuwarten bleibt, ob und wie ALBA nach Ablauf der Präsidentschaft von Chávez in Venezuela funktionieren wird.
ALBA ist im Hintergrund einer kontinentalen Gegenbewegung zu den verheerenden Folgen des Neoliberalismus in Lateinamerika zu sehen. Die USA sind mit der Idee einer panamerikanischen Freihandelszone nach ihren Vorstellungen eindeutig gescheitert; ALBA möchte nun eine panamerikanische Kooperation zum Nutzen der lateinamerikanischen Bevölkerungen schaffen, steht dabei aber noch ganz am Anfang. Erleichtert und finanziert wird ALBA durch die erheblichen Erdöleinnahmen Venezuelas.
Der Affront eines frisch gewählten Staatspräsidenten Morales, die USA ganz bewusst nicht zu besuchen, wird möglicherweise nicht die letzte bittere Pille sein, welche die USA von einem sich emanzipierenden Lateinamerika schlucken müssen. Die Zeiten haben sich geändert ...

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