Archivausgabe Nr.5* November 2006* 31. Jahrgang

Mexiko in Flammen

Ulises Ruiz Ortiz (URO), der sein Amt als Gouverneur von Oaxaca am 1. Dezember 2004 nach offensichtlich unsauberen Wahlen im vorangegangenen August angetreten hat, ist einer der korruptesten und umstrittensten Politiker im heutigen Mexiko. Als er am 14. Juni auf die Forderungen der Lehrerschaft des Bundesstaates mit einem brutalen Polizeieinsatz reagierte, wurde er zum Geburtshelfer der APPO, einer der mächtigsten Volksbewegungen der jüngeren Geschichte Mexikos. Inzwischen hat sich sogar der Senat der Republik, mit den Stimmen seiner Parteifreunde von der PRI, für seinen Rücktritt im Interesse des sozialen Friedens ausgesprochen. Doch Präsident Fox, vor sechs Jahren angetreten, um die 71-jährige Vorherrschaft der PRI zu brechen, riskierte knapp ein Monat vor Ende seiner Amtszeit, diese mit einem Blutbad zu beenden, indem er die Polizei mit der Niederschlagung der Proteste gegen Ulises Ruiz beauftragte. Offenbar ist die Regierungspartei PAN zur Geisel der PRI geworden, auf deren Unterstützung sie nach den umstrittenen Präsidentschaftswahlen vom 2. Juli angewiesen ist, will sie sich gegen die erstarkte von Andrés Manuel López Obrador angeführte linke Opposition inner- und außerhalb des Parlaments durchsetzen. Vieles deutet darauf hin, dass Fox mit seiner „Befriedungsaktion“ nur Öl ins Feuer gegossen hat.

Von Hermann Klosius, Schlussredakteur

Krieg nach Einbruch der Dunkelheit
Eine Reportage aus der Barrikadenstadt Oaxaca

Von Leo Gabriel

Kubas Fluch und Kubas Segen. Visionen eines Kuba nach Fidel.

Von Birgit Zehetmayer

Bolivien: Auseinandersetzungen und Putschgerüchte

Von Robert Lessmann

Bolivien: Revolution mit Hindernissen

Von Robert Lessmann


Inhaltverzeichnis Nr.5 2006

Schwerpunktthema: Leo Gabriel: Von der virtuellen Demokratie zur Gegengesellschaft. Ricardo Löwe: Ein Großteil der Linken hat sich geirrt. Leo Gabriel: Krieg nach Einbruch der Dunkelheit. Bericht aus Oaxaca. Leo Gabriel: Oaxaca. Bastion des Widerstands. Sophie Hofbauer: Ein- und Auswanderungsland zugleich.

Aktuelles & Analyse: Ralf Leonhard: Nicaragua. Ortega vereint mit Somozisten. Hermann Dworczak: Brasilien. Lula siegt im zweiten Anlauf. Robert Lessmann: Bolivien. Revolution mit Hindernissen. Robert Lessmann: Bolivien. Koka: Schlagabtausch mit Washington. Robert Lessmann: Bolivien. Auseinandersetzungen und Putschgerüchte. Birgit Zehetmayer: Kubas Fluch und Kubas Segen. Gabriel García Márquez: Fidel, wie ich ihn kenne. Gerald Senzenberger: Kubas "Energetische Revolution" und Österreichs Beitrag.

Aktion & Service: Kolumbiens Geschichte und Gegenwart. Buchpräsentation Werner Hörtner: Kolumbien verstehen. Kurznachrichten. Buchbesprechung John Holloway: Die zwei Zeiten der Revolution. Würde, Macht und die Politik der Zapatistas. Buchbesprechung Robert Lessmann: Che Guevara. Filmkritik: Land unter Strom. Staudämme - Millionengewinne auf Kosten von Mensch und Natur. Ein Film von Dorit Siemers und Heiko Thiele. Diskussion: Herbert Berger: Immer derselbe Film? Wie geht es weiter nach Enlazando Alternativas 2? Leo Gabriel: Plädoyer für neue Strukturen. Antwort auf Herbert Bergers Kommentar. Splitter.


Leseprobe

Krieg nach Einbruch der Dunkelheit. Eine Reportage aus der Barrikadenstadt Oaxaca

von Leo Gabriel


Der Autobus, der meinen Kameramann David Hradetzky (übrigens einer der Auslandszivildiener, welche die Informationsgruppe Lateinamerika seit nunmehr acht Jahren in periodischen Abständen nach Mexiko schickt) und mich in der Nacht nach Oaxaca brachte, war preiswert und bequem. So bequem, dass ich eine Stunde vor der geplanten Ankunft jäh aus dem Schlaf gerissen wurde: "Wir kommen nicht weiter", sagte der Chauffeur, "weil diese verdammte Stadt verbarrikadiert ist." Als ich einwarf, dass man uns bei der Abfahrt versichert hätte, dass es unterwegs keine Probleme geben werde, winkte er ab: "Diese Terroristen haben schon mehrmals Autobusse in Brand gesteckt und die Fahrgäste ausgeraubt. Passen Sie bloß auf!"
Einige Minuten später waren wir bei der ersten Barrikade, die von einigen LehrerInnen besetzt war. Waren das etwa "Terroristen"? Die Frauen lachten: "Typisch Televisa", sagten sie, "seit einigen Tagen behaupten alle Fernsehstationen, dass ganz Oaxaca in Händen der Guerilla ist. Eine der vielen Lügen, die der Gouverneur Ulises Ruiz verbreitet."
Die mit Glassplittern gespickten Straßen waren am frühen Morgen noch menschenleer, aber auf dem Hauptplatz gab es bereits geschäftiges Treiben. Eine Gruppe von Frauen kümmerte sich um die Müllentsorgung, während andere das Frühstück zubereiteten und wieder andere ein Auto (der Staatspolizei, wie man mir versicherte) beschmierten: "Tu serás del pueblo" (Du wirst der Bevölkerung gehören), konnte man kurze Zeit später lesen.
Vor dem mit Holzbrettern dicht gemachten Rathaus waren die Tische der APPO (Asamblea Popular del Pueblo de Oaxaca) aufgestellt, der "Volksversammlung", die fast jeden Tag zusammentrat, um über das weitere Vorgehen zu beraten. Wir kamen gerade vorbei, als einige der AktivistInnen von der Menschenrechtskommission über die Vorfälle in der vergangenen Nacht berichteten. Diesmal, sagten sie, hätte es den Korrespondenten der spanischen Nachrichtenagentur EFE erwischt, der zufällig in der Nähe war, als einige bewaffnete Polizisten in Zivil von einem Pritschenwagen aus das Feuer eröffneten. Augenzeugen erzählten, wie die Polizisten auf die Journalistenautos geschossen hatten, obwohl diese klar als solche gekennzeichnet waren.
Überhaupt spielen die Medien in diesem postmodernen Revolutionsszenario, das in vielem an die Zeit der Pariser Kommune erinnert, eine große Rolle. Allein in der Landeshauptstadt halten die Aufständischen sieben Radiostationen und eine lokale Fernsehanstalt besetzt. Auch die Tageszeitung Noticias ist mit von der Partie, wie uns ihr Direktor versicherte.
Als die Leute erfuhren, dass wir aus Österreich waren, zeigten sie sich besonders kämpferisch. In der Mitte des Hauptplatzes befand sich eine riesige Pappfigur in einem Hubschrauber aus Papiermaschee, auf der asesino (Mörder) stand. Offensichtlich war damit der Gouverneur Ulises Ruiz gemeint, der von einem Hubschrauber aus frühmorgens am 22. Mai das Feuer auf eine LehrerInnendemonstration eröffnen ließ.
"Wir sind bereit über alles zu verhandeln, sobald der Gouverneur zurücktritt", erklärt Edén Bravo Castellano, einer der Chefverhandler der APPO, "dann müssen wir daran gehen, das zerrissene soziale Netz wiederherzustellen. Wir fordern deshalb auch eine constituyente (konstituierende Versammlung), die Oaxaca eine neue Landesverfassung geben soll."
Mit dieser Aussage hatte der APPO-Vertreter auch den springenden Punkt in dem Verhandlungsmarathon angesprochen, der seit August zwischen der APPO und dem Innenministerium in Mexiko-Stadt fast jeden Mittwoch stattfindet. Während jedoch die durch das Schlamassel nach den vergangenen Wahlen stark geschwächte Regierung des Präsidenten Vicente Fox bereit ist, prinzipiell über alles zu reden, nur nicht über den Rücktritt des Gouverneurs, ist es bei den aufmüpfigen Oaxaqueños, welche die Stadt seit vier Monaten – oft unter dem Einsatz ihres Lebens – in Beschlag genommen haben, gerade umgekehrt: Sie wollen über soziale Reformen erst dann reden, wenn der Gouverneur zurückgetreten ist.
Dass daran auch die permanenten Drohungen und Übergriffe der unter dem Kommando von Ulises Ruiz stehenden Sicherheitsorgane und paramilitärischen Einheiten nichts ändern werden, wurde uns deutlich, als wir mit den Opfern der Repression sprachen, der die Bevölkerung von Oaxaca Tag für Tag ausgesetzt ist: "Wir gingen in einem der Residenzviertel der wohlhabenden Leute spazieren, die es ja auch in Oaxaca gibt, als ein Auto neben uns stehen blieb. Ihm entstiegen einige in Zivil gekleidete Polizisten, die uns zwangen, zur Polizeistation mitzukommen. Dort folterten sie uns: Mir schnitten sie in die Ohren, prügelten mich und wollten eine Zigarette auf meiner Zunge ausdrücken", sagte eines der Opfer. Andere zeigten uns ein Poster mit dem Bild von Professor Germán Mendoza Nube, eines behinderten Biologen, den die Polizei am 9. August aus seinem Rollstuhl gezerrt hatte und der seither nicht wieder aufgetaucht ist.
Dass dieser lange Auszehrungskrieg um Oaxaca seit dem 22. Mai bereits 56 Tote, 114 Verschwundene und Hunderte Verletzte gefordert hat, war für uns angesichts des bunten Treibens am Hauptplatz lange Zeit unvorstellbar. Erst als der Abend nahte, merkten wir den Gesichtern eine steigende Nervosität an. Maria, eine Volksschullehrerin, die uns den ganzen Tag über begleitet hatte, gab letzte Anweisungen an ihre Kinder, damit sie für die Nacht versorgt würden. Denn weder sie noch irgendeine andere der Hunderten von AktivistInnen die bei Einbruch der Dunkelheit zu den Barrikaden gingen, wusste, was nach Einbruch der Dunkelheit passieren würde.
Und immer wieder passiert es: Aus der Dunkelheit tauchen plötzlich zwei Scheinwerfer auf. "Achtung, da kommen sie!" schreit einer. "Geh weg David," ruft eine andere. Aber es ist zu spät: Gewehrsalven und Pistolenschüsse sprühen durch den Nachthimmel, als gehörten sie zu einem riesigen Feuerwerk. Meistens ist der Spuk ebenso schnell vorbei, wie er begonnen hat.
Dann noch ein lauter Ruf: "Antonio, Antonio... Es hat ihn erwischt! Kommt doch! Wir brauchen ein Auto!" Vier Männer hieven den bewusstlosen Architekten, der einen Streifschuss am Kopf abbekommen hat, auf den Rücksitz seines Wagens. Antonio stirbt noch in der gleichen Nacht.
Wie lange wird das noch dauern? Das ist die zentrale Frage, die sich hier jeder stellt. "Es werden in Oaxaca leider noch viele Menschen sterben müssen, bevor sich die Lage ändern wird", sagte der evangelische Pastor beim Begräbnis Antonios. Aber wie viele werden es sein? Niemand weiß es – nicht einmal die Soldaten und Polizisten der Policía FederalPreventiva (PFP), die der Innenminister in die unmittelbare Umgebung von Oaxaca-Stadt geschickt hat, um auf die Verhandler von der APPO Druck auszuüben.
Diese aber bleiben hart: Ulises Ruiz muss zurücktreten. Daran führt kein Weg vorbei, wenngleich die Zentralregierung in Mexiko-Stadt das partout nicht akzeptieren will – weder die alte Regierungsmannschaft von Vicente Fox noch die neue von Felipe Calderón, in dessen politisches Schlepptau sich Ulises Ruiz in den letzten Monaten vor den Präsidentschaftswahlen begeben hat. Nur massiver internationaler Protest kann das Massaker verhindern, das u.a. auch auf Druck der USA geplant ist.

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Leseprobe

Kubas Fluch und Kubas Segen. Visionen eines Kuba nach Fidel

von Birgit Zehetmayer


Dass sich Fidel Castro Anfang August aus gesundheitlichen Gründen gezwungen sah, seine politischen Ämter bis auf weiteres niederzulegen, hat nicht zu der von vielen erhofften Destabilisierung geführt. Auch wenn ihn keiner seiner potentiellen Nachfolger ersetzen kann, sind die Weichen für einen bruchlosen Übergang in ein Kuba nach Castro gestellt.

”Der Imperialismus kennt die Größe von Fidel Castro nicht. Er wird bis zum letzten Augenblick kämpfen, obwohl dieser noch weit entfernt ist”, wurde der kubanische Parlamentspräsident Ricardo Alarcón in den kubanischen Medien zitiert.
Entgegen allen Beteuerungen aus dem kubanischen Politbüro lässt sich nicht leugnen, dass Fidel Castro bereits auf seinen letzten Weg aufgebrochen ist. Die Bilder, die im Abstand weniger Wochen die internationale Öffentlichkeit erreichen, zeigen einen zügigen substantiellen Abbau, wie er diesem letzten Lebensabschnitt eigen ist. Allein, wie lange diese Reise dauert, lässt sich nicht prognostizieren.
Die Bilder des von seiner schweren Darmoperation gezeichneten, mittlerweile 80jährigen Fidel Castro veranlassen vielerorts einmal mehr politische Beobachter, ihre spätestens seit 1989 immer wieder aus dem Ärmel geschüttelten Hypothesen zu überdenken, wie ein Kuba ohne Castro wohl aussehen könnte. Die Chance, in aller Ruhe an einer Straßenecke Havannas zu stehen, den Tag, die Menschen beobachtend und das Leben genießend an sich vorbeiziehen zu lassen, wie er einmal Gabriel García Márquez seine Pensionswünsche anvertraut haben soll (siehe nächster Beitrag), hat er wohl vertan. Mit der interimistischen Berufung seines Bruders Raúl Castro an das politische Steuer Kubas gilt zumindest vorerst auch weiterhin die Faustregel: Kuba ist Castro und Castro ist Kuba.
Von Raúl ist bekannt, dass er zweifellos ein pragmatischerer Ideologe als sein Bruder ist, der schon 1953, vor dem Sturm auf die Moncada-Kaserne, der kommunistischen Jugend beigetreten war und sich im mexikanischen Exil mit Ernesto Che Guevara Tage und Nächte mit politischen Diskussionen um die Ohren schlug, während die kubanische Revolution erst vorbereitet wurde.
Raúl Castro ist neben seinem Bruder Fidel die zweite große Konstante in der Geschichte Kubas seit 1959. Manch anderer potentielle Nachfolger, dem gute Aussichten prophezeit wurden, der hie und da in der politischen Hierarchie Kubas aufleuchtete – Carlos Aldana, Roberto Robaina, um nur zwei zu nennen –, ist längst wieder von der großen politischen Bühne abgetreten. Politisches Fehlverhalten, Arroganz, mangelnde sachliche Kompetenz bis hin zu Selbstbereicherungstendenzen bereiteten der Karriere mancher aussichtsreicher Kandidaten ein leises Ende. Ohne Knalleffekt und Skandal, der international ruchbar geworden wäre, wurden sie ihrer Posten enthoben und durch andere ersetzt.
Zu ehrgeizig schien das große Ziel, das Überleben der kubanischen Revolution allen Widrigkeiten zum Trotz zu gewährleisten. Schon kurz nach der Selbstauflösung der früheren Sowjetunion, noch während des Besuchs von Gorbatschow in Kuba, der Fidel Castro noch mit den Worten ”Wer zu spät kommt, den bestraft das Leben” gewarnt hatte, wurde in der kubanischen Politik der unbedingte Wille zur Kontinuität deutlich. Er bestätigt sich durch den Umstand, dass der Comandante en Jefe persönlich seine Nachfolge organisiert, um das Überleben des gesamten Systems nach seinem Abgang zu gewährleisten.
Die Berufung seines Bruders an die politische Führungsspitze des Landes ist zweifellos ein erstes kräftiges Signal der Kontinuität, wenngleich Raúl mit 75 Jahren keine langfristige Lösung der Führungsfrage bedeuten kann. Ihm zur Seite sind Männer gestellt, die sich in der kubanischen Politik in Zusammenarbeit mit dem Comandante en Jefe jahrelang bewährt haben. Da ist Felipe Pérez Roque, gegenwärtig Außenminister, dem eine Schlüsselrolle im post-castristischen Kuba zugetraut wird; Carlos Lage, Sekretär des Exekutivkomitees des Ministerrates, Vizepräsident des Staatsrates und Mitglied des Politbüros der Kommunistischen Partei Kubas und natürlich der Präsident der Asamblea Nacional del Poder Popular, Ricardo Alarcón de Quesada. In den drei Monaten der provisorischen Amtsübergabe lässt sich bereits eine neue Stilrichtung der kubanischen Politik ablesen: Der Wille zur Teamarbeit, vor allem hinsichtlich der Repräsentation der Regierung Kubas bei öffentlichen Anlässen nach innen als auch auf der internationalen Bühne nach außen.
Das neue kubanische Triumvirat Raúl-Lage-Pérez Roque, wie die drei Herren wohlwollend in Kuba bezeichnet werden, gehen daran, einen leisen Vorgeschmack auf die Zeit ”danach” unter den wachsamen Augen Fidels zu entwerfen. Besondere Aufmerksamkeit verdient die Tatsache, dass man sich keineswegs damit begnügt, die Staatsangelegenheiten für die Dauer der Abwesenheit Fidels zu verwalten, sondern bereits selbständig wichtige Entscheidungen gefällt hat.
Da ist beispielsweise die Ernennung des Historikers Ramiro Valdés zum Kommunikations- und Informationsminister, der zu zwei Gelegenheiten bereits das Amt des Innenministers bekleidete. Eine beachtenswerte Rede Raúls anlässlich des 19. Kongresses der kubanischen Arbeitervereinigung CTC, die wenig erfreuliche ”interne Irrtümer und Defizite” thematisierte, führte rasch zu den ersten Amtshandlungen im Sinne von Amtsenthebungen des neuen Ministers: Der Vorsitzende des 315 Millionen Euro jährlich umsetzenden staatlichen Telekom-Konzerns ETECSA, eines der mächtigsten Unternehmen Kubas, José Antonio Fernández musste seinen Hut nehmen, ebenso wie der Vorsitzende des staatlichen Telekommunikationstechnologie-Unternehmens COPEXTEL, das für die flächendeckende Versorgung mit Informations- und Kommunikationstechnologien in Kuba verantwortlich zeichnet. Auch wenn in den kubanischen Medien diese Personalrochaden nicht kommentiert wurden, lässt sich doch resümieren, dass Machtmissbrauch und Bereicherungstendenzen auch von der ”neuen Regierung” Kubas an der Wurzel gepackt werden. Immerhin erwiesen sich derartige Aktivitäten an den strategischen Schaltstellen der Nationalökonomie als maßgeblich zerstörerische Tendenz des Systemwandels in den vormals sozialistischen Bruderländern, und die Verlockungen des ”ganz großen Geldes” erscheinen manchen in Zeiten wie diesen unwiderstehlich.
Wie also wird Kuba nach Fidel Castro aussehen? Das Zentralkomitee der Kommunistischen Partei Kubas ist keineswegs amtsmüde, resigniert oder von interner Korruption und Machtmissbrauch zermürbt und daher in keiner Weise mit jenen in den früheren sozialistischen Ländern zu vergleichen, die nach dem Systemwechsel die Selbstauflösung für eine politische Option hielten.
Kuba und die Welt werden zu allererst Zeuge eines bombastischen Begräbnisses werden, das die Freudengesänge in Miami bei weitem übertönen wird. Ähnlich wie 1997, als die im bolivianischen Vallegrande entdeckten und nach Kuba überstellten sterblichen Überreste des argentinischen Revolutionshelden Che Guevara eine Woche lang am Platz der Revolution aufgebahrt wurden und Millionen Kubaner es sich unter größtem Aufwand nicht nehmen ließen, sich von ihm persönlich zu verabschieden, wird auch Fidels Anwesenheit diesen Platz ein letztes Mal dominieren, bis schließlich der Alltag einkehrt.
Fidel Castro ist bereits zu Lebzeiten eine Legende. Als Mensch ist er unantastbar, und sein Leben taugt hervorragend als Mythos. Die Facetten seiner reichen Persönlichkeit werden auch und vor allem auf der politischen Bühne Kubas vermisst werden. Unvergesslich schon jetzt seine konzentrierte Aufmerksamkeit im Zusammentreffen mit dem Volk, das ihm aus den entferntesten Winkeln des Landes mitunter im Zorn klagend Missstände vortrug und an dessen Entrüstung er sich sogleich beredt gestikulierend beteiligte. Ebenso die Bestimmtheit, mit der er den Verantwortlichen in die ”Arena der hier-und-jetzt Gerechtigkeit” zitierte, der sich dann erst einmal nervös auf die Vorschriften ”von oben” berief, an die er sich zu halten habe. Manchmal musste schließlich der jeweilige Minister höchstpersönlich zur Rechtfertigung herbeigerufen werden, der dann coram publico planlos in seinen Unterlagen blätterte und hilfesuchend Einflüsterungen seines Beraterstabs entgegennahm, um dann schnell die sofortige Behebung des Problems zu versprechen, die dann auch stets prompt eintrat. Diese mitunter zelebrierten Zusammenkünfte, die auch gerne als direkte Demokratie in Kuba bezeichnet werden, ließen bei den Kubanern die Überzeugung wachsen, dass ”wenn Fidel nur dieses und jenes wüsste” sich schließlich jeder Missstand schnell beheben ließe.
Legendär auch seine Detailverliebtheit, mit der er seine ihm zur Antwort verpflichteten Gesprächspartner oft in blanke Verzweiflung trieb, beispielsweise beim Ankauf eines von drei zur Auswahl stehenden Rettungswägen, deren auch noch so winzige technische Details abgefragt und sorgfältig gegeneinander abgewogen werden wollten.
Und schließlich ist da auch die Erinnerung an die kleine, wütende Demonstration auf dem Gipfel der ”periodo especial”, wo hie und da ein Ruf ”Nieder mit Fidel” zu hören gewesen sein soll. Kaum eine halbe Stunde soll es gedauert haben, bis drei Militärjeeps in jener verdächtig olivgrünen Farbe, wie sie nur im Umfeld Fidels gesehen wird, vor der wütenden Menge hielten. Fidel mischte sich unter die Leute und sprach einen der verblüfften Demonstranten persönlich laut und für alle vernehmlich an: ”Ich habe gehört, es soll hier Beschwerden gegen mich geben. Hier bin ich. Was hast Du mir also zu sagen?” Gleich an welchen der Demonstranten er die Frage richtete, er erntete ein stotterndes ”Gar nichts, mi comandante, es gibt kein Problem”. Fidel beendete diese Demonstration mit dem Vorschlag ”Nun gut, dann schlage ich vor, dass wir alle wieder nach Hause gehen”. Noch ehe man es sich versah, war Fidel davongebraust und erntete für seinen Auftritt vom Publikum bewunderndes Kopfschütteln und das Attribut ”tiene cojones” (was für ein Mann!)
Ähnlich wie altersmäßig in Frage kommende Kubaner schon gerne persönliche Begegnungen mit Che Guevara erfinden, wird auch Fidel in den Genuss dieser Ehre kommen. Stolze 73 % der kubanischen Bevölkerung oder acht Millionen Menschen sind nach 1959 geboren. Sie sind mit Fidel Castros wort- und tatenreicher Präsenz aufgewachsen. Von Hunger und Elend erfahren sie nur noch aus den Geschichtsbüchern. Man kann sich also getrost der Meinung anschließen, dass nach Fidel Castro lange Zeit nichts Nennenswertes kommen wird. Zu überragend und dominant war seine Rolle in der Staatsführung Kubas, als dass jemand sich aus seinem Schatten lösen könnte. Das ist Kubas Fluch. Doch andererseits – und dies ist das Faktum, das den Vergleich mit den vormals sozialistischen Bruderländern kläglich scheitern lässt – hat Fidel Castro mit seiner Revolution aus den Kubanern ein sehr selbstbewusstes und stolzes Volk gemacht, das Einmischung von außen, auch wenn sie in noch so freundlichen Gesten daherkommt, nicht dulden wird, und er hat seine politischen Erben sorgsam in einer langen Periode der Prüfung ausgewählt. Das ist Kubas Segen.

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Bolivien: Revolution mit Hindernissen

von Robert Lessmann


Der Honeymoon ist vorbei: Waren in- und ausländische Akteure angesichts des erdrutschartigen Wahlsiegs von Evo Morales' MAS im Dezember letzten Jahres zunächst konsterniert, so befindet sich Bolivien neun Monate nach der Amtsübernahme durch die neue Regierung in einer Zerreißprobe. Regierung und Opposition mobilisieren ihre Anhängerschaft auf der Straße. Die Umsetzung der "Revolution mit dem Stimmzettel" erweist sich als "Revolution mit Hindernissen".

Die Regierung von Evo Morales hat sich nicht weniger vorgenommen als die "Wiedererlangung der nationalen Souveränität" über die Rohstoffe" (wozu auch das Kokablatt gerechnet wird; s. folgender Beitrag) sowie die "Neugründung Boliviens" durch eine verfassunggebende Versammlung. Beides wurde im Eiltempo in Angriff genommen. Bereits nach sechs Wochen verabschiedete der Kongress am 4. März 2006 ein Durchführungsgesetz zur verfassunggebenden Versammlung. Unter Vorsitz des Vizepräsidenten Álvaro García Linera war dazu ein Kompromiss zwischen Regierung und Opposition ausgehandelt worden. Der Wahlmodus entsprach jenem der Parlaments- und Präsidentschaftswahlen; und zusätzlich zu den Stimmkreisen durften die Departements eigene Kandidaten in den Verfassungskonvent wählen. Dieser hat zwischen sechs und zwölf Monaten Zeit, einen Entwurf zu erarbeiten. Es herrscht das Prinzip der Zweidrittelmehrheit. Der Entwurf steht dann in einem Referendum zur Abstimmung. Der im Vorfeld geäußerte Verdacht, Morales wolle durch die Constituyente die Demokratie beseitigen, erscheint von daher haltlos.
Die Regierungspartei MAS gewann 137 der 255 Sitze und damit die absolute Mehrheit in der Constituyente, doch für eine Zweidrittelmehrheit muss sie sich Partner unter den insgesamt 16 vertretenen Parteien und Gruppierungen suchen. Leichter tut sich da die Opposition, die mit nur 85+x Stimmen Zweidrittelmehrheiten blockieren kann. In der Tat: Sechs Wochen nachdem der Verfassungskonvent am 6. August in Sucre zusammentrat, hat man sich noch nicht einmal auf eine Geschäftsordnung einigen können. Die Regierungsfraktion warf der Opposition vor, den gesamten Verfassungsprozess blockieren zu wollen, und peitschte mit ihrer einfachen Mehrheit Anfang September eine Geschäftsordnung durch, worauf es zu Tumulten kam und die Opposition auszog. Während sie von ihrer Hochburg Santa Cruz (der größten Stadt) aus zum Generalstreik aufrief, reagierten der Regierung nahestehende soziale Bewegungen mit einem Aufruf zur Blockade der Stadt. Beide Aktionen verliefen bisher im Sand. Es gibt einen Kompromissvorschlag des Vizepräsidenten, der dahin geht, den Verfassungsentwurf und einige Einzelheiten mit Zweidrittelmehrheit zu verabschieden, den Rest mit einfacher Mehrheit. Und es zeichnete sich Ende September eine Zweidrittelmehrheit ab, um ein solches Prozedere zu beschließen und so wenigstens die Arbeitsfähigkeit der verfassunggebenden Versammlung zu gewährleisten.
Das Wenige, was an Vorschlägen bisher bekannt geworden ist, blieb wenig konkret. Doch noch bevor es zu irgendwelchen inhaltlichen Debatten gekommen war, hatte die Straße das Gesetz des Handelns an sich gezogen. Beide Seiten warfen einander vor, ihre Anhänger zu bewaffnen oder dazu aufzurufen. Und auch wenn das Militär bisher loyal zum Präsidenten steht: Niemand kann wissen, was dort hinter den Kulissen diskutiert wird – und sei es auch nur in einzelnen Zirkeln oder Kasernen.

Bolivien verfügt – nach Venezuela – über die zweitwichtigsten Vorkommen Südamerikas an Erdgas und Erdöl. Am 1. Mai 2006 wurden diese per Dekret nationalisiert. Die Reaktionen der ausländischen Investoren, die vorher mit Klagen vor internationalen Schiedsgerichten gedroht hatten, blieben zunächst vorsichtig und abwartend. Handelte es sich doch um den Vollzug eines Energiegesetzes der Vorgängerregierung aus dem Jahr 2004, das wiederum auf ein Referendum zurückgeht, bei dem sich die Mehrheit der Bolivianerinnen und Bolivianer für eine Nationalisierung ausgesprochen hatte. Getreu dem Präsidentenmotto "Wir brauchen Partner, keine Eigentümer" wurde Yacimientos Petrolíferos Fiscales Bolivianos (YPFB) wieder zu einem vollwertigen Staatsunternehmen aufgewertet. In den joint ventures mit den ausländischen Partnern bekam YPFB per Dekret die Entscheidungsmehrheit zurück, also 50+x% der Anteile, die vorher beim jeweiligen ausländischen Partner gelegen waren. Diese müssen höhere Steuern zahlen und die bestehenden Lieferverträge binnen 180 Tagen neu verhandelt werden.
Nachdem die brasilianische Regierung schon vor Morales' Amtsantritt für ihr halbstaatliches Unternehmen Petrobras (den wichtigsten Abnehmer für bolivianisches Erdgas) Verhandlungsbereitschaft signalisiert hatte, kam es mit Argentinien zu einer ersten und relativ reibungslosen Einigung. Argentinien zahlt jetzt 5 US-Dollar (statt vormals 3,38) pro Energieeinheit (BTU). Mit dem wichtigsten europäischen Player, der spanischen Repsol, liegt man dagegen im Kleinkrieg. Es laufen Justizverfahren. Repsol soll angeblich in der Vergangenheit mehrfach an den Büchern vorbei produziert und exportiert haben. Und sehr kompliziert hat sich die Situation mit Petrobras: Deren Präsident José Sergio Gabrielli lehnte – wie die politische Opposition in Brasilien – jede Neuverhandlung der bestehenden Verträge zu Lasten Brasiliens kategorisch ab, was den konzessionsbereiten Präsidenten "Lula" da Silva angesichts der bevorstehenden Wahlen in die Bredouille brachte. Unnachgiebige Positionen im bolivianischen Energieministerium brachten schließlich auch "Lula" selbst gegen La Paz auf. Folge: Energieminister Solíz Rada, der als Architekt der Nationalisierungen gilt, musste zurücktreten; ihm folgte sein gesamtes Team. Die Weichen für eine mögliche Einigung mit Petrobras werden zunächst wohl bei den Präsidentschaftswahlen in Brasilien gestellt.
Der Rücktritt Solíz Radas macht die Situation nicht unbedingt einfacher: Bolivien braucht ausländische Investoren als Partner. Und diese akzeptieren nicht nur ungern schlechtere Konditionen und niedrigere Gewinne, sie beschwerten sich in der Vergangenheit wiederholt auch über handwerkliche Schwächen und Langsamkeiten im bolivianischen Energieministerium und bei YPFB. Petrobras hatte deshalb schon vor Wochen angekündigte Investitionsvorhaben in Höhe von fünf Mrd. Dollar auf Eis gelegt. Trotz venezolanischer Unterstützung ist Bolivien mit einschlägigen Experten und technischem Fachpersonal nicht im Übermaß gesegnet. Man produziert derzeit zu wenig, um die vertraglichen Verpflichtungen gegenüber Argentinien und Brasilien zu erfüllen.
Evo Morales und seine Regierung haben die Macht in einem Aid Regime erlangt, wo ausländische Entwicklungshilfe im Durchschnitt des letzten Jahrzehnts stets zwischen 7 und 10% des Bruttoinlandsprodukts betrug und fast 100% der öffentlichen Investitionen finanzierte. So definieren sich Handlungsspielräume! Bislang verhielt sich die ausländische Kooperation abwartend, signalisierte Bereitschaft zu business as usual; Weltbank und Interamerikanische Entwicklungsbank haben sogar Schulden erlassen. Das Pentagon hat dagegen die Militärhilfe an La Paz auf annähernd Null gekürzt. Alles andere wäre eine Überraschung gewesen. Die Kürzung könnte aber Auswirkungen darauf haben, wie sich das Militär im Konflikt zwischen den Departements und der Zentralregierung verhält. In der Kokafrage zeichnet sich ein fundamentaler Konflikt mit Washington ab, das rund 50% der bi- und multilateralen Hilfen an La Paz (zumindest wesentlich mit) kontrolliert. Die Europäer geben sich abwartend und beklagen einstweilen schon Mal Schwerfälligkeiten und mangelndes handwerkliches Geschick der neuen Counterparts. Solche Probleme gab es auch in vergangenen Regierungen, wo die Geber oft genug den Part der bolivianischen Administration gleich mit übernommen haben. Die neue Regierung reagiert darauf aus Gründen der nationalen Souveränität zu Recht allergisch, steht damit aber auch gegenüber wohlmeinenden Gebern und Beratern vor einem Kompetenzdilemma.
Constituyente, Energie und ausländische Kooperation stellen zusammen mit der Landfrage (wo man über Absichtserklärungen noch nicht hinaus gekommen ist) die entscheidenden trigonometrischen Punkte für Erfolg oder Misserfolg der Regierung Morales dar: Und sie sind eng miteinander verwoben: Der Konflikt zwischen Regierung und Opposition stellt sich als Konflikt mit den Tieflanddepartements dar. Dort liegen 97% der Energievorkommen und dort sitzen die großen Viehzüchter und Großgrundbesitzer. Die ausländische Kooperation verfügt über viele Mittel, Vorhaben einer jungen Administration glücken oder scheitern zu lassen, was wiederum die Loyalität deren sozialer Basis beeinflussen kann. Während Morales als Galionsfigur einstweilen unantastbar scheint, wollen ihn radikale Indigenisten aus den eigenen Reihen bereits vor allzu verhandlungs- und kompromissbereiten Kreisen seines Umfelds "schützen", die sie "blancoides" nennen.

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Bolivien: Auseinandersetzungen und Putschgerüchte

von Robert Lessmann


16 Tote und 81 Verletzte. Das ist die Bilanz regelrechter Gefechte zwischen Minenarbeitern in Huanuni (Dept. Oruro). Sieben Opfer starben durch Schussverletzungen. Die Kontrahenten setzten Gewehre und Dynamit ein. Viertausend Kooperativenarbeiter standen dabei Tausend Arbeitern der staatlichen Minengesellschaft COMIIBOL gegenüber. Ursache des Konflikts ist der Streit um Schürfrechte am Cerro Posokoni, wo sich die reichsten Zinnlagerstätten des Landes befinden. Seit einer Verdoppelung der Zinnpreise ist der Bergbau wieder attraktiv geworden. Viele im Zuge der Privatisierung entlassene Minenarbeiter kehren auf eigene Faust zu den Bergwerken zurück.
Nach Aussage des Vizepräsidenten Álvaro García Linera sind bereits 16 Verhandlungsrunden an der Unnachgiebigkeit der Fraktionen gescheitert. Die umstrittene Mine wurde während der Privatisierungen Mitte der 90er Jahre an einen britischen Investor verkauft, der seine Rechtspersönlichkeit änderte, bevor die neue Firma dann Pleite ging. Etliche der Kooperativenarbeiter hatten Anteile an dieser Firma erworben und fühlen sich nun geprellt. Die Cooperativistas erwarten sich von der regierenden MAS Unterstützung und hatten versucht, die Mine zu besetzen. Die Arbeiter der staatlichen COMIBOL werden vom Gewerkschaftsbund COB vertreten. Der fordert den Kopf verantwortlicher Minister. Die COB, die schon in der Vergangenheit als Radikalopposition gegen die Regierung Morales in Erscheinung getreten war, erfreut sich interessanterweise ausländischer Kooperation. Ob letztere oder der Ehrgeiz einzelner Funktionäre die radikalen Positionen forciert oder beides, ist offen.
Unterdessen war es Ende September in einem Randgebiet des Chapare zu den ersten Toten im Rahmen der Zwangsvernichtung von Kokafeldern gekommen. Nach Darstellung der Regierung handelte es sich um bewaffneten Widerstand; elf Polizisten wurden dabei als Geiseln genommen. Die fraglichen Felder hätten sich im Naturschutzgebiet des Parque Carrasco befunden. Die Bauern argumentieren, sie seien zu Unrecht behelligt worden. Die Felder lägen in den Yungas de Vandiola, einem Gebiet, wo der Kokaanbau legal ist. Solche Definitionsschwierigkeiten sind in abgelegenen Gebieten Boliviens keine Seltenheit. Um so wichtiger wäre es, das umstrittene Drogengesetz No. 1008 zu reformieren, das eine fragwürdige Zonifizierung des Kokaanbaus vorsieht. Und auch wenn sich die politischen Vorzeichen nun geändert haben: Die für die Drogenbekämpfung zuständigen Einheiten sind alle von den USA geschaffen, trainiert und ausgerüstet worden. Sie bestehen nach wie vor weiter. Ihnen wurde in der Vergangenheit das Gros der Menschenrechtsverletzungen angelastet.
Unterdessen mehren sich Gerüchte um angebliche Putschvorbereitungen in Kreisen des Militärs, das offiziell bisher loyal hinter der Regierung steht. Diese hat ohne Zweifel ein ganzes Bündel von Problemen geerbt, wozu auch einige notorisch kompromisslose und gewaltbereit-kämpferische soziale Bewegungen gehören. Klar ist aber auch: Jede soziale Destabilisierung käme solchen Putschvorbereitungen natürlich sehr gelegen.

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