aktuelle Ausgabe Nr.6* Dezember 2006* 31. Jahrgang

Venezuela wählt Chávez

Am 3. Dezember wurde Hugo Chávez mit fast 63% der Stimmen als Präsident Venezuelas wiedergewählt. Dass sein bürgerlicher Gegenkandidat Manuel Rosales seine Niederlage eingestand, lässt hoffen, dass die politischen Auseinandersetzungen in Venezuela in den nächsten Jahren weniger von Gewaltbereitschaft der Opposition geprägt sein werden als in der jüngsten Vergangenheit. Unabhängig davon, ob das Votum der WählerInnen eine Identifizierung mit dem von Chávez propagierten „Sozialismus des 21. Jahrhunderts“ darstellt, signalisiert es auf jeden Fall Zustimmung zu einer Politik, die sich den Kampf gegen die Armut auf die Fahnen geschrieben hat und massiv in Bereiche wie Gesundheit und Erziehung investiert.

Venezuela: Wahltag mit Hindernissen

Von Leo Gabriel, Caracas

Hinter der Fassade

Interview mit Douglas Bravo

Paukenschlag in Kolumbien
Politiker wegen Verbindungen zu Paramilitärs angeklagt

Von Werner Hörtner

Kolumbien: Berbaukonzerne und Menschenrechte

Von Kristofer Lengert


Inhaltverzeichnis Nr.6 2006

Schwerpunktthema:

Aktuelles & Analyse:

Aktion & Service:


Leseprobe

Wahltag mit Hindernissen

Leo Gabriel, Caracas


Die Nachricht ist kurz und bündig: Am 3. Dezember 2006 sicherte sich Hugo Chávez mit 62,89 Prozent (7,16 Millionen) der gültigen Stimmen gegen seinen Rivalen Manuel Rosales, der mit 4,19 Millionen Stimmen 36,85 Prozent erreichte, für weitere sieben Jahre die Präsidentschaft von Venezuela. Hinter diesen eindeutigen Zahlen verbirgt sich ein dramatisches Tauziehen innerhalb der Reihen der Opposition, das dem an und für sich sehr friedlichen und geordneten Verlauf der Wahlen beinahe zum Verhängnis geworden wäre.
Bereits im Vorfeld der Wahlen kamen Gerüchte von einem angeblichen Plan B in Umlauf, den die radikalsten Teile der aus verschiedenen Parteien und Gruppierungen bestehenden Wahlallianz um Rosales, "Un nuevo Tiempo", eingefädelt hätten. Laut Aussagen von Beamten des venezolanischen Innenministeriums waren in einem Wohnviertel von Caracas ein paar Wochen vor dem Urnengang wieder einige kolumbianischen Paramilitärs verhaftet worden, welche mit der Durchführung einer "spektakulären Aktion" betraut waren. "Die Vermutungen reichten von einer Explosion in einem Supermarkt oder in der Metro von Caracas bis zu einem Attentat auf den Oppositionschef Manuel Rosales", sagte Alfredo Lugo, ein gut informierter venezolanischer Filmemacher.
"Warten Sie ab: Diese Nacht wird die letzte sein, in der Hugo Chávez Präsident ist", riefen auch Hunderte AnhängerInnen von Manuel Rosales vor einem Wahllokal in Chacao, einer der Hochburgen der Chávez-Gegner, einer Delegation von internationalen Wahlbeobachtern zu. Diese war gerade angekommen, als plötzlich eine mit einem grellroten Bluse bekleidete Vorstadtbewohnerin auftauchte, die zwei überdimensionale rote Handschuhe trug (zehn Finger = zehn Millionen Stimmen, die zu erreichen sich das Movimiento Quinta República von Hugo Chávez zum Ziel gesetzt hatte). Diese Insignien der Chávez-AnhängerInnen nahm die aufgebrachte Menge zum Anlass, um in laute Buhrufe zu verfallen. Es mutete geradezu grotesk an, als Dutzende elegant gekleideten Damen der Oberschicht von Caracas immer wieder den Slogan der lateinamerikanischen Linken: "El pueblo unido jamás será vencido!" skandierten, während ihre Männer im Hintergrund ungefragt jedem einzelnen der Wahlbeobachter zuriefen: ""Aquí no queremos Cuba!"(Wir wollen hier kein Kuba).

Vorbildliche Durchführung
Dabei hatte der Wahltag relativ friedlich, ja geradezu vorbildlich begonnen. Lange Menschenschlangen hatten vor jedem Wahllokal die Gehsteige gesäumt – ein sichtbares Zeichen dafür, dass die Wahlbeteiligung mit über 75 Prozent die höchste seit 1988 war. Im Unterschied zum referendum revocatorio, den "Zwischenwahlen", denen sich Chávez in der Mitte seiner Amtszeit vor drei Jahren gestellt hatte, wo die WählerInnen bis zu zehn Stunden gebraucht hatten, um von den am Eingang der Wahllokale postierten Soldaten eingelassen zu werden, war diesmal die relativ komplexe Prozedur innerhalb von zwei bis drei Stunden vorbei.
Der Wahlvorgang dauerte dann meist nur wenige Minuten und war selbst für europäische Verhältnisse hoch technologisiert. In vielen, wenngleich auch nicht allen Wahllokalen waren Scanner vorhanden, welche die Fingerabdrücke der WählerInnen mit denen verglichen, die zum Zeitpunkt der Ausstellung der so genannten cédula electoral (Wahlkarte) hinterlassen wurden. Auch der Wahlakt selbst erfolgte mittels eines Knopfdrucks auf einem Bildschirm, der mit einem Drucker verbunden war. Es gab also einerseits ein elektronisches, andererseits ein schriftliches Beweisstück, deren Übereinstimmung in jedem Wahllokal nachgeprüft wurde.
Alle diese Mechanismen veranlassten die Wahlbeobachter aus anderen lateinamerikanischen Ländern, vor allem aber die anwesenden US-BürgerInnen, davon zu sprechen, dass die Wahlen in Venezuela die saubersten und modernsten auf dem ganzen Kontinent gewesen seien. "In manchen US-Bundesstaaten gibt es zwar auch eine elektronische Stimmabgabe; dadurch, dass die Ergebnisse aber sofort weitergeleitet werden, entzieht sich mehr oder weniger alles der Kontrolle durch die BürgerInnen", erklärte ein Wahlbeobachter aus Puerto Rico und fügte hinzu: "Wenn es so ein System bei uns gegeben hätte, wäre Bush sicher nicht gewählt worden."

Tauziehen innerhalb der Opposition
Trotzdem wurden in relativ vielen Orten einzelne defekte Geräte entdeckt, was vor allem bei den SympathisantInnen der Opposition zu teilweise recht heftigen Reaktionen führte. In den Mittelklasse-Vierteln Altamira und Chacao wurde der Vorwurf des Wahlbetrugs gegen fünf Uhr nachmittag, also gerade zu dem Zeitpunkt, an dem die Wahllokale geschlossen werden sollten, besonders laut. Auch verhinderte die Tatsache, dass sich in diesen Orten noch zum Zeitpunkt der Schließung der Wahllokale längere Schlangen gebildet hatten, die Auszählung der Stimmen.
Man wurde den Eindruck nicht los, dass die Opposition die Auszählung der Stimmen verzögern wollte, um Zeit zu gewinnen. Zeit wofür? "Die gewaltbereiten Teile der Opposition hatten für zehn Uhr abends Aktionen vereinbart", sagte am nächsten Tag ein Sprecher des Innenministeriums, der zur Pressekonferenz des neugewählten Präsidenten Chávez gekommen war.
Doch es kam anders: Um etwa 21 Uhr preschte der in Venezuela stationierte internationale Fernsehsender Telesur mit der Meldung vor, dass die ersten Auszählungen ein Kräfteverhältnis von 60:40 für den amtierenden Präsidenten ergeben hatten. Das war zwar gegen die vom Nationalen Wahlrat CNE (Consejo Nacional Electoral) ausgegebene Vorschrift, dass vor der offiziellen Verlautbarung von den Medien keine Ergebnisse bekannt gegeben werden durften, und hätte den Informationsminister William Lara am nächsten Tag beinahe seine Stelle gekostet; in diesem Moment war es aber genau die richtige Taktik. Denn eine halbe Stunde später veröffentlichte der CNE bereits die ersten Ergebnisse, und Punkt zehn, als die "Nacht der langen Messer" losgehen sollte, befand sich Hugo Chávez bereits auf dem Balkon seines Amtssitzes in Miraflores und erklärte vor einer jubelnden Menge seiner AnhängerInnen, dass er die Wahlen gewonnen habe.
Das wiederum setzte seinen Rivalen Manuel Rosales in Zugzwang. Es dauerte fast drei Stunden, bevor er den Wahlsieg seines Gegners vor laufenden Fernsehkameras eingestand, jedoch nicht ohne dazu aufzurufen, dass "der Kampf auf der Straße" jetzt weitergehe. Rosales musste sich also in diesen Stunden entscheiden, ob er dem radikalen Flügel in seinem Wahlbündnis nachgeben sollte, oder sich als Führer einer zivilisierten Opposition profilieren konnte, der in der Lage war, ein für allemal einen Strich unter die von teilweise blutigen Auseinandersetzungen gekennzeichneten Kämpfe der Opposition zu ziehen.
Wahrscheinlich ist es in diesen drei Stunden ebenso zu Verhandlungen zwischen Chávez und Rosales gekommen wie am darauf folgenden Montag, an dem Chávez alle seine in der Öffentlichkeit geplanten Termine platzen ließ. Denn als sich dann der Wiedergewählte am Dienstag zum Wahlrat begab, um das endgültige Ergebnis entgegenzunehmen, titelten die Oppositionszeitungen bereits: "Diálogo: ahora o nunca" (Dialog: jetzt oder nie).
So kam es, dass diese Präsidentschaftswahlen über die Konsolidierung von Hugo Chávez als Präsident hinaus auch zum historischen Auftakt dafür wurden, dass Venezuela von nun an – wahrscheinlich sehr zum Unmut Washingtons – auf das System einer Zweiparteiendemokratie zusteuert.

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Leseprobe

Hinter der Fassade. Interview mit Douglas Bravo


In den 1960er und 70er Jahren war der Name Douglas Bravo fast allen geläufig, die sich mit den lateinamerikanischen Revolutionsprozessen auseinander setzten. Heute ist der 74-jährige Chefideologe der venezolanischen Guerillabewegungen, der zu Beginn der 1960er Jahre die Fuerzas Armadas de Liberación Nacional (FALN) gegründet hatte, weitgehend in Vergessenheit geraten; nicht so in Venezuela selbst, wo er sowohl innerhalb als auch außerhalb der Anhängerschaft von Hugo Chávez hohes Ansehen genießt.
Das nachfolgende Gespräch fand zwei Tage nach den Präsidentschaftswahlen in Bravos kleiner Wohnung im 18. Stockwerk eines jener abgetakelten Wolkenkratzer statt, die das Stadtbild von Caracas so nachhaltig prägen. Zu unserer großen Überraschung schwelgte unser Interviewpartner jedoch nicht in seiner längst überwundenen Vergangenheit, sondern entfaltete eine zukunftsweisende Vision, aus der bei aller Kritik an seinem ehemaligen Waffenbruder Hugo Chávez die Möglichkeit einer alternativen Gesellschaftsordnung hervorleuchtet. Das Gespräch mit dem legendären venezolanischen Guerillaführer, das hier auszugsweise wiedergegeben wird, führte Leo Gabriel im Beisein von Werner Hörtner.

- Wie wir wissen, haben Sie sich immer wieder kritisch zu Präsident Chávez geäußert. Welches sind die ideologischen Grundlagen für diese Position?
Der "Dritte Weg" ist eine politische Strömung, die aus der Partido de la Revolución Venezolana hervorgegangen ist. Diese Strömung spiegelt die politische Beziehung mit unserem Freund José Maria wieder. José Maria war der Deckname von Hugo Chávez, als wir uns trafen, um die politischen Projekte gegen den Pacto de Punto Fijo zu diskutieren, mit dem sich die venezolanische Bourgeoisie an die USA verkaufte. Diese Diskussionen etablierten einen programmatischen Rahmen, in dem wir gemeinsame Strategien erarbeiteten, um die verloren gegangene Souveränität wieder zu erlangen. Das ging so lange gut, bis sich Chávez dann bei seinem ersten Wahlkampf mit einer Reihe von politischen Kräften umgab, die den ehemaligen Strukturen des Pacto de Punto Fijo angehört hatten: COPEI, Acción Democrática und URD. Und als Chávez sein erstes Kabinett bildete und den Generalstab ernannte, hatte er sich von den revolutionären Positionen bereits entfernt. In keinem Moment habe ich jedoch die freundschaftlichen Beziehungen zum Präsidenten abgebrochen, aber ich habe mich politisch von ihm distanziert.

- Aber hat sich nicht Chávez dann wieder geändert und gegen Mitte seiner Amtszeit radikalisiert? Hat das nicht Ihre Meinung über ihn wieder verändert?
In dem Maße, in dem er seine Bolivarianische Allianz vorantrieb, radikalisierte er seine anti-imperialistische, anti-kapitalistische und globalisierungskritische Sprache. Seine Praxis widersprach dem aber. Wenn wir uns etwa die Verfassung anschauen, so bemerken wir, dass diese den kapitalistischen Neoliberalismus widerspiegelt. Im Artikel 299 heißt es zum Beispiel, dass die Wirtschaft demokratisch, partizipativ, selbstverwaltend und marktwirtschaftlich sein soll. Das ist schon der erste Widerspruch: Eine Wirtschaft kann nicht zugleich marktorientiert und demokratisch sein. Oder der Artikel 312 oder 313, wo der Staat den transnationalen Unternehmungen, wie z.B. den Erdölkonzernen, alle Garantien einräumt.
- Sie meinen also, dass die Politik von Chávez einen doppelten Boden hat?
Ja genau. Denn unter Berufung auf diese Verfassung sind 49 Gesetze entstanden, die alle einen neoliberalen Charakter haben.
- Zum Beispiel?
Das Landgesetz, das Gesetz über den Lebensraum der Indigenen, das Gesetz über die Mineralöle und das Erdgas. Am 30. März dieses Jahres wurde im Parlament z.B. ein Rahmengesetz für die gemischten Betriebe verabschiedet. Dieses Gesetz legt fest, dass die internationalen Erdölkonzerne für die Leistungen, die sie erbracht haben und für die sie auch bezahlt wurden, jetzt zu 40 Prozent zu Miteigentümern der Betriebe werden. Andere Länder wie Mexiko und Saudi Arabien haben diese Politik der Auslieferung der Betriebe an die TNKs nicht mitgemacht. Außerdem gibt das Gesetz den Multis das Recht, eine multinationale Streitkraft zu schicken, wenn der venezolanische Staat die Vereinbarungen nicht einhält.
Das ist sehr schwerwiegend. Denn wir wissen ganz genau, dass die USA mit den 21 Milliarden Fass Öl, die sie noch unter ihrem Territorium haben, ihre Ölreserven bald erschöpfen werden. Sie brauchen also das Öl von Afghanistan und Venezuela und sind bereit, alle Mittel einzusetzen, um sich dessen zu bemächtigen. Um sich als Imperium aufrecht zu erhalten, brauchen die USA also die 300 Milliarden Fass Erdöl, die es in Venezuela gibt. Und das erwähnte Gesetz gibt ihnen die Möglichkeit, diese Verletzung der Souveränität auch "legal" durchzuführen.

- Aber andererseits gibt es das Landgesetz (Ley de Tierras), das die Grundlage für eine umfassende Agrarreform abgibt?
Ursprünglich dachten wir, dass dieses Landgesetz die Großgrundbesitzer benachteiligt. Heute wissen wir aber, dass es auch den Boden für die Übernahme der Ländereien durch agroindustrielle Großbetriebe bereitet hat. Denn 80 Prozent der Kredite für die durch das Gesetz enteigneten Ländereien sind den Agroindustrien zugesprochen worden und nur 20 Prozent den vielen, vielen Kleinbauern, für die das Gesetz angeblich gemacht wurde. Ja mehr noch: Während früher die Landlosen Landbesetzungen vornahmen und manchmal gesiegt haben, sagt jetzt das Gesetz: Wer Landbesetzungen vornimmt, verliert automatisch den Anspruch auf Eigentum und Kredite.
Auch die Formulierung des Gesetzes über den indigenen Lebensraum (Ley de Habitat Indígena) ist komplizierter, als es den Anschein hat.

- Warum?
Weil es zwar viele schöne Worte über das Recht der indigenen Völker auf ihre eigene Kultur enthält. Wenn es aber an den ökonomischen Kern geht, so bestimmt das Gesetz, dass sich die Demarkierung nur auf ihr "Habitat" erstreckt, also das umliegende Gemeindeland, und nicht auf das gesamte Territorium, auf das sie den Bestimmungen der UNO zufolge einen gesetzlichen Anspruch hätten. Warum also? Weil es auf den indigenen Territorien wie in der Gran Savana, im Amazonas, in der Sierra de Perejá Uran, Gold, Bauxit, Erdöl und Erdgas gibt.

- Aber gibt es da nicht auch eine Strömung innerhalb des Movimiento Quinta República, die gegen diese neoliberalen Tendenzen auftritt? Was halten Sie z.B. von den Misiones und den Kooperativen, die in den letzten Jahren entstanden sind?
Theoretisch muss man diese Misiones beglückwünschen, denn durch sie werden teilweise die Einnahmen aus dem Erdölgeschäft umverteilt, die traditionellerweise von den Multis, der nationalen Bourgeoisie und der Bürokratie aufgefressen wurden. Heute kommt ein Teil, wenngleich auch ein sehr geringer Teil, den armen Klassen zu gute. Aber das hat überhaupt nichts zu tun mit dem Kampf um eine alternative, parallele Macht dieser benachteiligten Schichten. Wenn wir uns anschauen, wie sie organisiert sind, müssen wir feststellen, dass diese Organisationen sehr vergänglich sind und überhaupt nicht nachhaltig. Es wird also in keiner Weise dadurch ein Modell geschaffen, das eine Alternative zum Kapitalismus darstellt. Es gibt keine Gemeinde, keine einzige Kooperative, die gemeinschaftlich, selbstverwaltet und ökologisch produziert. Heute werden mehr Pestizide eingesetzt als in anderen Perioden der Geschichte des Landes.

- Aber es gibt doch eine Bank für die Frauen und eine Vielzahl von Kooperativen, die wir gesehen haben?
Ja, aber darunter gibt es keine einzige, die selbständig wäre. Alle werden sie durch den Staat finanziert! Das ist alles ein Geschenk, und wenn es ein Geschenk ist, dann kann es auch nicht dazu beitragen, ein neues System zu kreieren, das eine Alternative zum Kapitalismus darstellt.

- Aber es gibt doch auch linke Kräfte innerhalb der Bewegung um Hugo Chávez, wie z.B. die, die sich im Barrio 23. Januar und in vielen anderen städtischen Randvierteln gebildet haben?
Ja, aber wir müssen auch die Säuberung der linken Kräfte in Rechnung stellen, die seit 1999 stattgefunden hat, als die Regierung Chávez ihr Amt angetreten hat. Vielleicht haben Sie bemerkt, dass es in der Regierung einen linken Flügel gibt, einen revolutionären Flügel. Es gibt ein radikales Denken in der Regierung, das mit der Regierungspolitik überhaupt nicht einverstanden ist. Ich würde sogar sagen, dass diese Leute 80 Prozent der Bewegung darstellen. Da gibt es die Campesinos, Indígenas, die Arbeiter usw. Aber wir können uns nichts vormachen: Diese 80 Prozent halten nicht die realen Machtfaktoren in ihren Händen. Diese gelangen jeden Tag mehr in die Hände des neoliberal-kapitalistischen Sektors.

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Leseprobe

Paukenschlag in Kolumbien

von Werner Hörtner


Erstmals in der Geschichte des Landes werden Parlamentarier wegen ihrer Verbindung zu den Paramilitärs angeklagt. Das könnte zu einer ganzen Lawine von Prozessen gegen Abgeordnete des Regierungslagers führen.
Präsident Uribe erlebt die größten Turbulenzen seiner Amtszeit.

Die Führer der rechtsextremen oder vielmehr kriminellen paramilitärischen Gruppen in Kolumbien haben schon nach den Parlamentswahlen von 2002 stolz bekannt gegeben, sie würden nun ein Drittel der beiden Kammern des
Abgeordnetenhauses kontrollieren. Bei den Legislativwahlen vom vergangenen März konnten sie diesen Prozentsatz wohl halten, auch wenn sie mittlerweile mit ihren Aussagen etwas vorsichtiger geworden sind. Doch bis vor kurzem hat die Justiz noch keinen Anlass gesehen, strafrechtliche Schritte gegen mutmaßliche Para-Abgeordnete zu unternehmen.
Diese Passivität des Justizapparates hat sich nunmehr schlagartig geändert. In der zweiten Novemberwoche beschlossen die neun Mitglieder des Obersten Gerichtshofes einstimmig, gegen die drei Abgeordneten Jairo
Merlano, Erick Morris und Álvaro García, alle drei aus dem vom Paramilitarismus besonders schwer heimgesuchten nördlichen Departement Sucre, einen Haftbefehl zu verhängen. Die 88-seitige Anklageschrift
enthüllt nicht nur die kriminellen Machenschaften paramilitärischer Gruppierungen, sondern auch die enge Verbindung zwischen Politik und Paramilitarismus, die in der Regierungszeit von Präsident Uribe durch den
so genannten Demobilisierungsprozess einen Höhepunkt erlebte. Alle drei Angeklagten gehören dem "Uribismus" an, jenem Parteienbündnis, das den autoritären Präsidenten unterstützt.
Die Angeklagten haben in Sucre in Zusammenarbeit mit regionalen Politikern paramilitärische Gruppen aufgebaut, denen zahlreiche Morde und Massaker an Bauern und AktivistInnen von sozialen Bewegungen zugeschrieben werden. In den letzten Monaten wurden in der Region in Massengräbern die Überreste
von mehr als hundert von Paramilitärs ermordeten Menschen gefunden. Die Anklageschrift enthüllt auch klar, wie sich die Paramilitärs in Zusammenarbeit mit den verbündeten Politikern öffentliche Gelder, etwa bei
Ausschreibungen für Bauaufträge, zur Finanzierung ihrer Tätigkeiten angeeignet haben.
Mitte dieses Jahres fand in Kolumbien der so genannte Demobilisierungsprozess der paramilitärischen Gruppen seinen Abschluss. Über 30.000 angebliche Paramilitärs gaben an die 15.000 Schusswaffen ab und wurden in einem einfachen Amnestierungsverfahren legalisiert. Für jene paramilitärischen Führer, die nicht unter die Amnestie-Regeln fielen, wurde im Juli 2005 das "Gesetz für Gerechtigkeit und Frieden" verabschiedet, über dessen Umsetzung zur Zeit in Kolumbien heftige Debatten geführt werden.
Obwohl für niemanden in Kolumbien, der es wissen wollte, die Zusammenarbeit von Politikern aus dem Regierungslager und den Paramilitärs ein Geheimnis war, konnte das offizielle Lager diese Tatsache geschickt unter Verschluss halten. Doch mit dem mittlerweile berühmt gewordenen Computer von "Jorge 40" brach dieses Lügengebäude spektakulär zusammen. Anfang dieses Jahres wurden bei einem engen Mitarbeiter von Rodrigo Tovar Pupo alias "Jorge 40" zwei Computer und mehrere CDs mit explosiven Details beschlagnahmt. "Jorge
40" ist – oder war bis vor kurzem – der unbestrittene Chef der Paramilitärs, des Drogenhandels und anderer krimineller Aktivitäten im nördlichen Kolumbien.
Die brisanten Informationen aus den Computern von "Jorge 40" führten die Staatsanwaltschaft auch auf die Spur des ehemaligen Direktors des DAS (Geheimpolizei) – eines engen Vertrauten von Uribe –, und des
Informatikchefs dieser Institution, die beide Informationen an die Paramilitärs weitergeleitet haben. Unter anderem die Namen von Gewerkschaftern, Bauernführern und anderen Oppositionellen, die dann von
den Paramilitärs umgebracht wurden. Der Leiter der Informatik-Abteilung löschte geflissentlich – der monetäre Gegenwert ist noch nicht bekannt – die Daten jener Para-Drogenhändler, die von den USA zur Auslieferung
verlangt werden, aus den DAS-Computern.
Der Skandal um die "Para-Politik", wie die Medien die Enthüllungsgeschichte nennen, zieht immer weitere Kreise. Sechs weitere Abgeordnete wurden vom Obersten Gerichtshof wegen ihren Verbindungen zu den
Paramilitärs verhört. In der ersten Dezemberwoche ein weiterer Paukenschlag: Die 59 Para-Führer, die monatelang in einer Art Hotelanlage auf die Klärung ihrer rechtlichen Situation warteten – und von dort aus
telefonisch ihre Drogengeschäfte weiterführten – wurden überraschend in das Hochsicherheitsgefängnis Itagüi verlegt, woraufhin sie prompt den Demobilisierungsprozess mit der Regierung – dieses Herzstück der
"Friedenspolitik" von Präsident Uribe – für beendet erklärten. Es ist derzeit unabsehbar, wie sich dieser Skandal weiter entwickeln wird; fest steht auf jeden Fall, dass dem rechtsautoritären Staatschef das Wasser bis zum Hals steht – und noch weiter steigen dürfte. Die Para-Führer sind trotz der Aufkündigung des Friedensprozesses mit der Regierung darum bemüht, die Situation nicht eskalieren zu lassen. Präsident Uribe hingegen droht, bei Unbotmäßigkeit jene Führer, die von der US-Justiz wegen Drogenhandels angeklagt wurden, auszuliefern.
Die Rufe nach einem Rücktritt des Präsidenten und einer Auflösung des Kongresses mit folgenden Neuwahlen werden immer lauter. In den Medien wird der Staatschef immer noch mit Samthandschuhen angefasst, doch selbst regierungsnahe Zeitungen verbreiten die fast täglich neuen Enthüllungen über die Para-Politik. Es ist schwer vorstellbar, wie Uribe unbeschadet aus diesem Lügengebäude, das er rund um die Para-Demobilisierung aufbaute, aussteigen kann. Interessant wird, ob die Europäische Union, die ja bislang die Politik des kolumbianischen Präsidenten sehr freundlich einschätzte, durch die jüngsten Enthüllungen zu einer etwas realistischeren Position gelangt.

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Nachhaltig, effektiv, tödlich:
Bergbau-Konzerne und Menschenrechtsverletzungen in Kolumbien

von Kristofer Lengert


In Medellin haben am 11. und 12. November die öffentlichen Anhörungen des permanenten Völkertribunals "Tribunal Permanente de los Pueblos" (TPP) – Sektion Kolumbien stattgefunden. Das Tribunal war von MenschenrechtsaktivistInnen und Akteuren sozialer Organisationen nach Kolumbien gerufen worden, um in einem Akt symbolischer Rechtsprechung über die Machenschaften von transnationalen Konzernen zu urteilen, die unterstützt von staatlichen Institutionen und paramilitärischen Kräften schwere Verbrechen in dem Bürgerkriegsland zu verantworten haben.

Das kolumbianische Tribunal ist ein mehrstufiger Prozess, der noch bis 2008 andauern und nacheinander verschiedene Themenkomplexe bearbeiten wird. Die Fälle, mit denen die Jury in Medellin konfrontiert wurde, betrafen die Politik von Bergbaukonzernen in Kolumbien. Zeugen wurden angehört, und Rechtsexperten versuchten die mitunter sehr komplexen Sachverhalte zu erhellen. Was sich während der Verhandlung abzeichnete, war ein düsteres Bild: Militäroperationen wurden privat finanziert, Todesschwadronen und Paramilitärs engagiert, Gewerkschaftsvertretungen zerschlagen und Gewerkschafter ermordet, Bauern und Indígenas vertrieben, Land und Grundwasser vergiftet, während sich die transnationalen Unternehmen die Landtitel und Abbaukonzessionen sicherten und arbeitsrechtliche Liberalisierungsmaßnahmen durchsetzten. Die angeklagten Firmen hießen CEMEX, Holcim und Ladrillera Santa Fé, Drummond, Muriel, Glencore-Xtrata, Anglo American und Anglo Gold.

"Wir sind keine Richter, wir sind Zeugen"

Das TPP beruft sich auf eine mittlerweile fast 40 Jahre alte Geschichte. Im Kontext des Krieges in Vietnam wurde 1967 in London das "Vietnam War Crimes Tribunal" abgehalten; das von dem britischen Philosophen Lord Russell ins Leben gerufene erste Tribunal fand unter anderem mit Beteiligung von Jean Paul Sartre und Simone de Beauvoir statt. Dieses Tribunal, in dem einem Gerichtsprozess ähnlich die Kriegsverbrechen in Vietnam aufgearbeitet wurden, berief sich auf die besondere Verantwortung eines jeden, Menschenrechtsverletzungen nicht gleichgültig hinzunehmen. Es erwies sich als wirksame Methode, Taten, die staatlich legitimiert waren und vor keinem Gericht zur Anklage gebracht werden konnten, mahnend ins Bewusstsein der Gesellschaft zurückzubringen.
In Kolumbien wurde das Prinzip des Völkertribunals aufgegriffen, um Verbrechen öffentlich anzuklagen und in den Blick internationaler Öffentlichkeit zu rücken, die aufgrund des hochgradig ineffektiven Rechtsstaates unter dem Mantel der Straflosigkeit verborgen geblieben waren. Die Quote der Straflosigkeit bei Menschenrechtsverletzungen liegt in Kolumbien deutlich über 90%. Die wenigen Fälle, in denen es überhaupt zu einer Anklageerhebung kam, waren von anonymen Drohungen und Anschlägen gegen Zeugen, Ankläger und Richter begleitet und führten im seltensten Fall zu einer Verurteilung.

Eine Versammlung inmitten des Krieges

Bereits im Sommer 2006 hatte die Vorverhandlung zum Bergbau-Tribunal stattgefunden. Dabei setzten die Organisatoren bei ihrer Wahl des Ortes ein symbolisches Zeichen gegen die Straflosigkeit und für die Solidarität mit der betroffenen Bevölkerung: Ort der Vorverhandlung war die Kleinstadt Santa Rosa. Sie liegt im Herzen einer der goldreichsten Minenregionen Kolumbiens, mitten im Krisengebiet Sur de Bolívar. Die Minenarbeiter und Bauern, die als Zeugen gehört wurden, berichteten von den Geschehnissen und erhoben schwerwiegende Vorwürfe gegen den Konzern Anglo Gold, einen der weltweit führenden Goldkonzerne.
Im Süden Bolívars erhebt sich der mit tiefen Wäldern bedeckte Gebirgsausläufer Serranía San Lucas. Die Straßen sind schlecht, Elektrizität und Wasser wertvolles Gut, die Häuser der Ansiedlungen jenseits der wenigen Städte sind mit einfachsten, provisorischen Mitteln errichtet. Die meisten Menschen sind arm, Bauern, die sich vor Jahren niederließen, weil sie von irgendwoher vertrieben worden waren, oder Goldsucher, die es weiter hinauf in die Berge verschlug. Ähnlich wie beim Goldrausch am Klondike in Alaska Ende des 19.Jahrhunderts lockte das Gold in den Bergen Glücksritter an, die mit einfachsten Mitteln unter schwierigen Bedingungen mit dem Goldabbau begannen. Staatliche Institutionen waren lange Zeit nicht präsent gewesen. Die Minenarbeiter und Bauern organisierten in Eigenregie den Bau von Schulen und Straßen und das Gemeindeleben. Gleichzeitig wurde die unwirtliche und schwer zugängliche Gegend ein Rückzugsgebiet der guevaristischen ELN-Guerilla.

Gold als Fluch einer ganzen Region

Das Gold im Sur de Bolívar hatte den Krieg magnetisch angezogen. Große Bergbau-Konsortien versuchten sich das Gebiet anzueignen und hofften auf ein lukratives Geschäft. Im Jahr1997 war es Corona Goldfields, eine Tochter von Conquistator Mines, die wiederum zu Anglo Gold gehört, welche gemeinsam mit der Großgrundbesitzerfamilie Illera-Palacio gefälschte Landtitel für die Minen in San Pedro Frío und El Paraíso präsentierte, doch das betrügerische Spiel flog bald auf. Der Versuch, mit kriminellen Methoden in den Besitz der kleinen unabhängigen Minen zu kommen und die Eigentümer zu vertreiben, misslang.
Das jedoch hielt die Initiatoren nicht davon ab, noch weitaus drastischere Maßnahmen zu ergreifen, um die Vertreibung der Minenarbeiter durchzusetzen. Paramilitärische Verbände kamen. Am 28.März 1997 ermordeten sie elf Minenarbeiter in Puerto Coca. Am 25. April überfielen sie den Ort Río Viejo und versammelten gewaltsam eine Menschenmenge im Stadtzentrum. Dann zogen sie Juan Camacho Herrera aus ihrer Mitte. Der Präsident des Minenarbeiterkomitees von Río Viejo hatte sich für die Legalisierung der unabhängigen Minen eingesetzt und als Mitglied von Fedeagromisbol, des Zusammenschlusses von Minenarbeitern des Sur de Bolívar, gegen eine in Gang gesetzte Reform des Bergbaugesetzes Codigo de Minas protestiert. Die Reform hätte die einfachen Minenarbeiter juristisch zugunsten der großen Unternehmen benachteiligt.
Juan Camacho Herrera wurde vor den Augen der Gemeinde massakriert und enthauptet. Die Paramilitärs spielten mit seinem Kopf Fußball, spießten diesen schließlich auf einen Pfahl und richteten ihn auf die Berge. Dieses Symbol beispiellosen Terros verbreite die Nachricht wie ein Lauffeuer und wurde zum Trauma einer ganzen Region. Die Paramilitärs hatten gesagt, sie kämen wegen der Minen und würden diese jenen übergeben, die sie effektiver ausbeuten könnten.
Im Sur de Bolívar eskalierte ein erbitterter Krieg gegen die Zivilbevölkerung und um die territoriale Vorherrschaft. Während paramilitärische Todesschwadronen durch das Land streiften, errichtete das Militär Kontrollposten an allen bedeutenden Straßen und verhinderte, dass Lebensmittel und Medikamente in diese Zone gebracht wurden. Natürlich ging es dabei auch um die Zerstörung der Guerilla-Strukturen. Da man der Guerilla aber nicht habhaft werden konnte, richteten sich militärische und paramilitärische Aktionen in erster Linie gegen die Bevölkerung, der kollektiv unterstellt wurde, mit den Aufständischen zusammenzuarbeiten. Was die Menschen vom Staat kennen lernten, waren seine Soldaten und die Flugzeuge, welche die Drogenbekämpfungseinsätze durchführten. Das Pflanzengift, das offiziell gegen die Koka-Pflanzungen zum Einsatz kommen sollte, wurde über den Feldern der Bauern abgeworfen. Es vernichtete die Ernten und vergiftete Boden und Grundwasser. Immer wieder gab es Überfälle auf die Gemeinden. Die Menschen wurden terrorisiert mit dem Ziel sie zu vertreiben. Die Ereignisse im Sur de Bolívar lösten eine Massenflucht aus: Zu Tausenden gaben die Menschen hier ihre Lebensperspektive auf und schlossen sich dem Heer der Binnenflüchtlinge Kolumbiens an.

Ein neues Gesetz und ein neuer Konzern

Die letzte Dekade war davon geprägt, dass die bewaffneten Akteure verbissen um territoriale Kontrolle und die Kontrolle der Rohstoff-Vorkommen kämpften. Die Bergbauunternehmen sicherten ihre Interessen mit direkter finanzieller Unterstützung der örtlichen Heeresbrigaden ab, die im Gegenzug Förderanlagen, Infrastruktur und Routen beschützten. Gleichzeitig versuchte ihre Lobby eine unklare rechtliche Situation ein für allemal zu Gunsten der Konzerne zu klären. Die erste Reform des Bergbaugesetzes war Ende der 90er Jahre gescheitert. Ein zweiter Entwurf wurde während der Amtszeit Pastranas durchgesetzt und unter der Regierung von Uribe noch einmal reformiert.
Zwar gab es für die Mineros eine theoretische Möglichkeit, nicht genehmigte Minen legalisieren zu lassen und ihre rechtliche Lage zu verbessern. De facto war der juristische Weg aber teuer und wegen der damit verbundenen Offenlegung von Namen und der eigenen Exponiertheit riskant. Mit der Verschärfung der Krise setzte sich zudem die Mentalität unter den Minenarbeitern durch, nur noch solange wie möglich zu bleiben und hoffentlich viel Geld zu machen, um dann fernab vom Krieg in den Bergen ein neues Leben zu beginnen. Als es schließlich doch gelang, mehrere Bergbaukooperativen dazu zu bewegen, eigene Besitzansprüche gerichtlich geltend zu machen, stellten ihre Vertreter fest, dass längst das Unternehmen Kedhada S.A. (wieder eine Tochterfirma von Anglo Gold) Abbau-Konzessionen für fast die gesamte Minenregion in der Provinz Bolívar bestellt hatte. In den Departements Bolívar und Antioquia hatte der Konzern Abbaukonzessionen für ein Gebiet von insgesamt über 2.300.000 Hektar Land beantragt, das entspricht 32% der insgesamt gestellten Anträge.
Das Militär und die paramilitärischen Banden versuchten die illegal gewordenen Schürfergemeinden endgültig loszuwerden. Der initiierte "Schmutzige Krieg" gegen die Zivilbevölkerung und ihre Vertreter bedeutete, dass es für Kooperativenmitglieder, Gewerkschafter und Gemeindevertreter lebensgefährlich war, von den Schürfergemeinden hinab in die Städte zu reisen. Sie wurden vom Militär inhaftiert oder von Paramilitärs hingerichtet. Zwar konnte Kedhada bisher nur punktuell mit der Goldförderung beginnen. In der Gegend von Buena Seña, San Martín de Loba und la Cruz sind Förderanlagen bereits in Betrieb genommen worden. Doch die Minenarbeiter fürchten, in den nächsten Jahren durch fortgesetzte Repression und eine weitere Eskalation bald nur noch vor die Wahl gestellt zu sein, sich vertreiben zu lassen oder mit dem Tod konfrontiert zu werden. Menschenrechtsorganisationen sprechen heute von einer humanitären Katastrophe im Sur de Bolívar.

Das Tribunal klagt an

Während der Vorverhandlung im August klagten Minenarbeiter und Bauern die rigorose Vertreibungspolitik, die Morde und Überfälle und die eigene Ausgeliefertheit angesichts des "Schmutzigen Krieges" an. Die schwer beweisbare Zusammenarbeit von Kedhada S.A. mit paramilitärischen Strukturen wurde ebenso thematisiert wie das Vorgehen der Militärs gegen Zivilisten. Die Zeugen wurden während des TPP in Medellin noch einmal gehört und ihre Aussagen öffentlich gemacht. Das TPP klagte an, der Goldkonzern versuche direkten Nutzen aus dem Krieg zu ziehen. Der Fall Anglo Gold im Sur de Bolívar ist aber nur ein Kapitel einer systematischen und tödlichen Konzernpolitik in Kolumbien, die nachhaltig die Lebensgrundlage von vielen Menschen zerstört hat.


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