Editorial

Trotz Armutsbekämpfung und abnehmender sozialer Ungleichheit ist in Lateinamerika die Kriminalitätsrate im letzten Jahrzehnt gestiegen. Die öffentliche Sicherheit wird von der Bevölkerung des Subkontinents als das größte Problem nach Armut und Arbeitslosigkeit wahrgenommen. Von diesem zunächst überraschenden Befund ausgehend setzt sich Robert Lessmann im einleitenden Überblicksbeitrag mit den vielfältigen und komplexen Ursachen dieses Phänomens ebenso auseinander wie mit möglichen Gegenstrategien.

Besonders deutlich wird die Rolle des Drogenhandels und des damit verbundenen Waffenschmuggels bei der Eskalation der Gewalt am Beispiel Mexikos, wo vor allem indigene Gemeinschaften damit begonnen haben, ihre Sicherheit autonom zu organisieren und dabei mit staatlicher Repression konfrontiert sind. Im sogenannten Triángulo del Norte Zentralamerikas (El Salvador, Guatemala, Honduras) gesellt sich, wie Leo Gabriel analysiert, zur Gewalt, die von den Drogenkartellen und ihren Komplizen im Staatsapparat ausgeht, auch das Phänomen der maras genannten Banden marginalisierter Jugendlicher, das durch die systematische Abschiebung tausender von ihnen aus den USA verschärft wird. Selbst die fortschrittliche Regierung der FMLN in El Salvador konnte nur ein vorübergehendes Sinken der Mordrate erreichen.

Nicht besser erging es der venezolanischen Regierung, die einsehen musste, dass sinkende soziale Ungleichheit allein nicht ausreicht, um die Gewalt einzudämmen. Ernüchternd sind auch die brasilianischen Erfahrungen mit dem Einsatz der sogenannten Befriedungspolizei UPP in vielen Favelas. In Kolumbien werden, auch von Autor Werner Hörtner, zwar große Hoffnungen in den Friedensprozess gesetzt, doch ist fraglich, ob damit auch die Ursachen der Gewalt beseitigt werden. Ungebrochen trotz diverser Fraueninitiativen dagegen ist bisher auch die Welle der Femizide, der Morde an Frauen, wie Nela Perle berichtet. Trotz auch ermutigender Ansätze, vor allem auf lokaler Ebene, ist eines klar: Der Kampf gegen Gewalt braucht einen langen Atem.

Hermann Klosius